Die Industrie ist sich sicher: Der Preis für „grünen“ Wasserstoff kann bis Mitte des Jahrhunderts drastisch gesenkt werden – wenn die EU eine eigene „Marktstruktur“ zur Weiterentwicklung des Kraftstoffs schafft. Umweltschutzgruppen hingegen sind skeptisch, was das tatsächliche Entstehen einer „Wasserstoffwirtschaft“ und deren Sinnhaftigkeit angeht.
„Wir brauchen Kapital und Investitionen […], um den Preis von erneuerbarem Wasserstoff von Champagner- auf Prosecco- und schließlich auf Leitungswasser-Level zu bringen,“ fasste Jorgo Chatzimarkakis, Generalsekretär des Industrieverbandes Hydrogen Europe, zusammen.
Chatzimarkakis sprach auf der Veranstaltung zur Veröffentlichung des Hydrogen Act – einem neuen Plan der Industrie, der einen Weg zur möglichen Schaffung einer „europäischen Wasserstoffwirtschaft“ aufzeigen will.
Laut Chatzimarkakis sollten die Regulierungsbehörden allerdings nicht einfach die derzeit für Gas geltenden Gesetze kopieren und sie für einen solchen europäischen Wasserstoffmarkt einsetzen. Schließlich gebe es grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Kraftstoffen, argumentierte er unter Verweis auf Endanwendungen wie Brennstoffzellen, die in Autos eingesetzt werden.
Stattdessen schlägt Hydrogen Europe einen eigenen Rechtsrahmen für Wasserstoff vor, der auf zwei Säulen – Märkte und Infrastruktur – basieren und auf diese Weise die notwendigen Investitionen freisetzen soll. So könnten die EU-Beihilfevorschriften für den Bereich Wasserstoff gelockert werden und größere Subventionen von den nationalen Regierungen gewährt werden, indem Wasserstoffinitiativen als wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse (IPCEI) gekennzeichnet werden, wünschen sich die Lobbyisten.
Zahlreiche Probleme
Allerdings gibt es zahlreiche weitere Probleme. So macht Wasserstoff aktuell nur einen winzigen Teil des EU-Energiemixes aus. Darüber hinaus wird Wasserstoff heute noch zu über 95 Prozent aus fossilen Brennstoffen, hauptsächlich Erdgas, erzeugt. Das wird sich ändern müssen, wenn Europa bis 2050 Klimaneutralität erreichen will: So müsste sich das Angebot an „grüner“ Energie schon bis 2030 mindestens verdoppeln, um die Strommenge zu erzeugen, die für den Betrieb von Elektrolyseuren und die Erzeugung ausreichender Mengen an sauberem Wasserstoff notwendig wäre.
Aus Sicht der Industrie sollte es daher vor allem schnellere Genehmigungsverfahren für Windparks geben. Die Genehmigungsverfahren seien im Allgemeinen „der aktuell größte Engpass beim Ausbau der erneuerbaren Energien“, warnt Giles Dickson, CEO des Branchenverbands WindEurope.
„Die Genehmigungsverfahren dauern zu lange und sind zu aufwändig,“ meint auch Ann Mettler, Vizepräsidentin für die Region Europa bei Breakthrough Energy, einer Investorengruppe unter Vorsitz des US-Milliardärs Bill Gates. Mettler fordert die EU-Staaten ebenfalls auf, die Verfahren zu vereinfachen und den Ausbau der erneuerbaren Energien zu beschleunigen, um so genügend Kapazitäten für eine „saubere Wasserstoffproduktion“ zu gewährleisten.
Zusätzlichkeit
Eine weitere große Hürde für Investitionen in Wasserstoffanlagen ist das sogenannte Zusätzlichkeitsprinzip. Dieses verlangt, dass Elektrolyseure ausschließlich mit einer dedizierten Erneuerbare-Energieinfrastruktur betrieben werden. Nach Ansicht der Industrie würde dies de facto die Nutzung von überschüssigem grünen Strom ausschließen, der beispielsweise an besonders windigen Tagen dann nicht genutzt werden könnte.
„Das bürokratische und umständliche Zusätzlichkeitsprinzip ist ein echter Bremsklotz,“ kritisierte Chatzimarkakis.
Tatsächlich hat das Europäische Parlament inzwischen das Zusätzlichkeitsprinzip aus seiner Entschließung zur EU-Wasserstoffstrategie, die am 19. Mai angenommen wurde, gestrichen. Mit der neuen Version des Textes versuchen die Abgeordneten offenbar, die Marktentwicklung zu beschleunigen, indem in einer „Übergangsphase“ weiterhin sogenannter „CO2-armer“ Wasserstoff aus Erdgas mit Abscheidetechnologien hergestellt wird. Das dabei entstehende Kohlendioxid wird also „abgekapselt“, unterirdisch gespeichert und somit nicht in die Luft ausgestoßen.
Lieber direkt auf erneuerbare Energie bauen
Doch das Zusätzlichkeitsprinzip hat auch seine Befürworter, darunter die Europäische Kommission, die der Ansicht ist, das Prinzip stelle sicher, dass sich „grüner Wasserstoff“ parallel mit dem verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien entwickelt. Diese Ansicht wird auch von einer Vielzahl von Interessengruppen unterstützt, wie Antonio Lopez-Nicolas, Referatsleiter in der Energieabteilung der Europäischen Kommission, betonte.
Aus Sicht der Industrie ist die Zusätzlichkeit in der Praxis jedoch weiterhin schwer umzusetzen .- und schrecke darüber hinaus Investoren ab.
Unterdessen zeigen sich Umweltschützer skeptisch, was das tatsächliche Aufkommen von angeblich billigem und reichlich vorhandenem Wasserstoff angeht.
„Wasserstoff wird niemals wie Leitungswasser sein,“ betont Dries Acke, Direktor für Energiesysteme bei der European Climate Foundation in Anspielung auf Chatzimarkakis‘ Aussage. „Wasserstoff ist ein hoch verarbeiteter, ineffizienter Energieträger, der immer knapp und teuer sein wird,“ fügt er hinzu.
Seiner Ansicht nach wird Wasserstoff wohl nicht im großen Maßstab die fossilen Energieträger und später die Erneuerbaren ersetzen: „So etwas wie eine Wasserstoffwirtschaft gibt es schlichtweg nicht. Man sollte nicht vergessen: Die Rolle des Wasserstoffs in der Netto-Null-Wirtschaft wird von den eigentlichen Giganten, den eigentlichen Helden des Klimaschutzes, in den Schatten gestellt werden: Nämlich von Solar- und Windenergie sowie von der direkten Elektrifizierung.“
[Bearbeitet von Frédéric Simon]







