„Wasserstoffallianz“ in den Startlöchern

Eine Drohne, die von der ungarischen Firma Genevation Aircraft entwickelt wird. Sie wäre die weltweit erste Drohne für den Personentransport, die mit Wasserstoff-Brennstoffzellen angetrieben wird. [EPA-EFE/SANDOR UJVARI]

Mit einer neuen „Allianz“, die am Mittwoch vorgestellt werden soll, will die Europäische Kommission zusammen mit der Energieindustrie die EU als Führungsmacht im Bereich Wasserstoff positionieren.

Die Allianz, die bereits im März als Teil der neuen Industriepolitik der Kommission angekündigt wurde, soll EU-Institutionen, nationale Regierungen und Industrievertreter zusammenbringen, um eine umfassende Wasserstoff-Wertschöpfungskette in der EU zu schaffen.

„Die Europäische Wasserstoffallianz wird Ressourcen bündeln, um die Industrialisierungsbemühungen in ausreichendem Umfang und mit ausreichender Wirkung voranzutreiben und so Impulse für ein nachhaltiges industrielles Wasserstoff-Ökosystem in der EU zu schaffen,“ heißt es in einem Dokumentenentwurf der Kommission, der EURACTIV.com vorliegt (siehe unten).

Die Kommission will die Allianz am Mittwoch offiziell starten, zusammen mit damit verbundenen politischen Strategien zur Integration des Wasserstoff- und Energiesektors. Die Initiative soll alle Segmente der Wasserstoff-Wertschöpfungskette – vom Angebot über Nachfrage bis hin zum Vertrieb – zusammenbringen, „um die Voraussetzungen für Kostensenkungen und Wettbewerbsfähigkeit zu schaffen“, heißt es in dem Entwurf.

An dem Dokument könnten bis zur offiziellen Veröffentlichung am Mittwoch allerdings noch Änderungen vorgenommen werden.

Bundesregierung verspricht sieben Milliarden Euro für grünen Wasserstoff

Die Bundesregierung hat sich auf eine nationale Wasserstoff-Strategie geeinigt. Sie sieht vor, bis 2030 Erzeugungskapazitäten von 5 GW und bis 2040 von 10 GW zu schaffen. Dazu sollen sieben Milliarden Euro in Unternehmen und Forschung fließen.

Wasserstoff wird als ein potenzieller Hoffnungsträger für die Treibhausgas-Emissionssenkung von Industriebranchen wie Stahl und Chemie angesehen. Diese gelten allgemein als „schwer zu dekarbonisieren“, da sie viel Wärmeenergie benötigen und nicht leicht elektrifiziert werden können.

„Der industrielle Einsatz in großem Maßstab erfordert systemische Maßnahmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Wasserstoffproduktion und dem Transport bis hin zur industriellen Nutzung als Ausgangsmaterial für energieintensive Industrien oder als Kraftstoff für den Verkehr oder zum Ausgleich der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien,“ erklärt die Kommission in ihrem Dokument.

Neue Großprojekte

Die neue Wasserstoffallianz solle „den Technologiebedarf, die Investitionsmöglichkeiten und die regulatorischen Hindernisse ausloten“ sowie „Wegbereiter“ ermitteln, teilte die Kommission bereits im März im Rahmen der Neuen Industriestrategie für Europa mit.

Laut dem neuesten EU-Entwurf wird eines der Hauptziele darin bestehen, „eine Palette von groß angelegten Investitionsprojekten im Bereich sauberer Wasserstoff“ zu schaffen. Diese Industrieprojekte würden einen Sonderstatus als sogenannte Wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischen Interesse (IPCEI) erhalten.

Somit würden einige sonst übliche EU-Vorschriften für diese Projekte nicht gelten: Nationale Regierung könnten sie beispielsweise subventionieren, ohne sich an die sonst sehr strengen EU-Grenzen für staatliche Beihilfen halten zu müssen.

Darüber hinaus will die Kommission im breiteren Sinne ihre Wettbewerbs- und Beihilfevorschriften überprüfen, um europäischen Unternehmen dabei zu helfen, erfolgreich mit den Industrieriesen aus China oder den Vereinigten Staaten konkurrieren zu können.

Ready to go: Wasserstoffwirtschaft als Wirtschaftsmotor 

Die Bunderepublik hat mit der Nationalen Wasserstoffstrategie womöglich die Ära des grünen Wasserstoffs eingeläutet, um Deutschland auf einen Wachstumspfad zu nachhaltiger Energieversorgung und neuer Prosperität zu führen, meint Nils Aldag.

Die Führung der neuen Allianz sorgt derweil jedoch für Kritik von Umweltschutzgruppen. Diese erkennen eine ihrer Meinung nach klare, einseitige Bevorzugung der Industrie.

Vor allem die Zusammensetzung des Verwaltungsrates steht im Mittelpunkt der Kritik: „Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Who is Who der Gasindustrie,“ so Tara Connolly, von der Umwelt-NGO Friends of the Earth Europe.

„Es ist unbegreiflich, dass die Kommission die Schlüssel zum europäischen Wasserstoffsektor einfach an die Fossil-Industrie übergibt,“ fügt sie hinzu und warnt: „Unternehmen wie Shell und SNAM haben kein Interesse an der Produktion von erneuerbarem Wasserstoff und suchen nur nach einem Weg, Europa weiterhin abhängig von fossilen Brennstoffen zu halten.“

EU verspricht Fokus auf erneuerbaren Wasserstoff

Tatsächlich wird im Entwurf der EU-Kommission kaum ein Hehl daraus gemacht, dass die neue Wasserstoffallianz „von der Industrie vorangetrieben werden“ soll.

Allerdings werde die Initiative „alle Stakeholder des Wasserstoff-Ökosystems einschließen“, darunter EU-Mitgliedstaaten und -Regionen, Gewerkschaften, NGOs, Forschungs- und Technologieorganisationen sowie die Zivilgesellschaft.

Zu den Vorstandsmitgliedern des Bündnisses gehören in der Tat Vertreter aus dem Gassektor wie Shell, Gasunie und SNAM; auch Michelin und Daimler auf der Mobilitätsseite sowie Vattenfall und EDF für den Stromsektor gehören dem Bündnis an. Doch auch zivilgesellschaftliche Gruppen sind mit zumindest drei Mitgliedern vertreten, darunter die European Climate Foundation und IndustriAll, eine internationale Gewerkschaftsorganisation.

Deutsche Ratspräsidentschaft: Leere Formulierungen zum Green Deal

Der erste Programmentwurf der deutschen Ratspräsidentschaft enthält vor allem leere Formulierungen. Zum Green Deal werden keine konkreten Ziele benannt, nur in Sachen Wasserstoff findet sich ein bisschen Eigeninitiative. Schuld sei die Corona-Pandemie.

Auf Nachfrage von EURACTIV.com zu den umstrittenen Governance-Aspekten der neuen Initiative teilte die Europäische Kommission mit, das Bündnis stehe „allen relevanten Akteuren des Wasserstoff-Ökosystems offen“, einschließlich Industrieakteuren, aber auch NGOs. „Das Bündnis wird auf den Prinzipien der Zusammenarbeit, Inklusivität und Transparenz aufgebaut werden,“ versprach eine Sprecherin gegenüber EURACTIV per E-Mail.

Darüber hinaus werde sich die Allianz „auf erneuerbaren Wasserstoff“ und „CO2-armen Wasserstoff mit sehr ehrgeizigen Emissionsreduktionen im Vergleich zu fossilem Wasserstoff“ konzentrieren – ein Schritt, der sicherstellen werde, dass alle von der Allianz finanzierten Projekte darauf ausgerichtet sind, das EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen, so die Sprecherin.

Dennoch befürchten die NGOs, dass die Industrie-Vorstände im Bündnis bei der Entscheidung, welche Projekte finanziert werden sollen, in Interessenkonflikte geraten könnten.

Die Kommission spielt derartige Befürchtungen hingegen herunter und erklärt, die „offene Struktur“ der Allianz sowie ihre Ziele dürften mögliche Konflikte verhindern: „Das Bekenntnis der Teilnehmenden zu den ehrgeizigen Zielen des Bündnisses in Bezug auf Emissionsreduktionen sollte potenzielle Interessenkonflikte vermeiden. Darüber hinaus wird die Rolle der Kommission bei der Fortschrittsüberwachung sicherstellen, dass alle Initiativen der Allianz vollständig auf das Ziel der Klimaneutralität ausgerichtet sind und dem öffentlichen Interesse dienen,“ betonte die EU-Sprecherin.

> Klicken Sie hier, um den Entwurfstext für die Wasserstoff-Allianz herunterzuladen

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