LEAK: EU-Strategie soll Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernen

"Wenn wir also davon sprechen, bis zur Mitte des Jahrhunderts Klimaneutralität zu erreichen, in Übereinstimmung mit dem Pariser Abkommen, dann gehen wir davon aus, dass wir Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen werden", sagte der deutsche Wissenschaftler Geden kürzlich auf einer EURACTIV-Veranstaltung. [Climework]

Die Europäische Kommission wird umweltfreundliche landwirtschaftliche Praktiken wie Aufforstung und Bodenerhaltung belohnen und gleichzeitig Kriterien für Tätigkeiten festlegen, die „eindeutig Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernen“, so der Vorschlagsentwurf, der EURACTIV vorliegt.

Ein Entwurf der EU-Kohlenstoffstrategie, der zuerst von der französischen Nachrichtenseite Contexte veröffentlicht wurde, zielt darauf ab, einen Beitrag zu den Klimabemühungen der EU zu leisten, indem CO2 aus der Atmosphäre entfernt und „in der Zukunft der Weg für eine Politik der negativen Emissionen geebnet wird“.

Das Europäische Klimagesetz, das Anfang dieses Jahres verabschiedet wurde, schreibt vor, dass alle in Europa verbleibenden Treibhausgas-Emissionen bis 2050 durch „Carbon Removals“ – der Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre – ausgeglichen werden müssen, „mit dem Ziel, danach negative Emissionen zu erreichen“, heißt es in dem Papier.

Die EU-Strategie für „nachhaltige Kohlenstoffkreisläufe“, die am 14. Dezember veröffentlicht werden soll, geht noch einen Schritt weiter. Sie schlägt Pläne vor, „um Lösungen zur Entfernung von Kohlendioxid zu verbessern, mit denen CO2 aus der Atmosphäre abgeschieden und langfristig gespeichert werden kann“.

Dies kann „entweder in Ökosystemen durch naturbasierte Lösungen oder in anderen Speicherformen durch industrielle Lösungen“ wie die Kohlenstoffabscheidung und -speicherung geschehen, heißt es in dem Kommissionspapier.

Öl- und Gasunternehmen stehen an vorderster Front bei der Forderung nach einem verstärkten Abbau von Kohlendioxid, was ihnen Kritik von Umweltschützer:innen einbringt. Diese behaupten, dass die Unternehmen lediglich nach Möglichkeiten suchen, sich vor ihrer Verantwortung bei der Emissionssenkung zu drücken.

Befürworter:innen sagen jedoch, dass Technologien zur Kohlenstoffentfernung letztendlich notwendig sein werden, da Emissionen aus Teilen der Industrie und der Landwirtschaft sich nicht vollständig vermeiden lassen.

Selbst wenn es den Staaten gelingen sollte, die CO2-Emissionen gemäß dem Pariser Abkommen zu reduzieren, wird es nach 2050, wenn Europa Klimaneutralität erreichen soll, immer noch „Restemissionen“ geben, sagte Oliver Geden, ein deutscher Wissenschaftler und einer der Hauptautoren des sechsten Berichtes des Weltklimarates (IPCC).

„Wenn wir also davon sprechen, bis zur Mitte des Jahrhunderts Klimaneutralität zu erreichen, in Übereinstimmung mit dem Pariser Abkommen, dann gehen wir davon aus, dass wir Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen werden“, sagte Geden kürzlich auf einer EURACTIV-Veranstaltung.

„Für mich liest sich das wie ein sehr vernünftiger Vorschlag“, sagte er in Reaktion auf den Entwurf. Bisher hätten sich die Regierungen nur zögerlich mit der Entfernung von Kohlendioxid befasst und die Strategie werde die EU „zusammen mit dem Vereinigten Königreich und den USA weltweit an die Spitze“ stellen, sagte er EURACTIV in einem E-Mail-Kommentar.

Der Vorschlag der Kommission, fügte er hinzu, „wird sicherlich eine politische Dynamik erzeugen“, indem er die Regierungen und die Gesetzgeber:innen im Europäischen Parlament zwingt, dem Thema politische Aufmerksamkeit zu widmen.

Natürliche und industrielle CO2-Abscheidung

Der Schlüssel zur Kohlenstoffentfernung ist das so genannte „Carbon Farming“, bei dem Landbesitzer:innen für ökologische landwirtschaftliche Praktiken belohnt werden, die CO2 binden oder die Freisetzung von Kohlenstoff in die Atmosphäre verhindern.

Die Kommission versucht auch, fossile Brennstoffe zu ersetzen, in dem es Holz im Bausektor fördert oder Strom mithilfe von Bioenergie zusammen mit der Technologie zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (BECCS) erzeugt, um die damit verbundenen Emissionen zu binden.

Doch naturbasierte Lösungen lassen sich nicht unbegrenzt ausbauen, mahnt die EU-Exekutive und verweist auf andere technologische Lösungen wie Direct Air Capture (DAC), mit dem CO2 direkt aus der Luft aufgenommen wird.

Diese technologischen Lösungen stecken zwar noch in den Kinderschuhen, sind aber vielversprechender, weil sie dauerhaft sind – im Gegensatz zu Kohlenstoffabscheidung und -speicherung durch Waldzuwachs, was beim Fällen oder Verbrennen von Bäumen wieder rückgängig gemacht werden kann.

Bis 2030 sollen jährlich 5 Millionen Tonnen CO2 aus der Atmosphäre entfernt und mithilfe technologischer Lösungen wie DAC dauerhaft gespeichert werden, heißt es in der Strategie.

„Ein weiterer vielversprechender Weg besteht darin, CO2 von einem Abfall in eine Ressource zu verwandeln und es als Rohstoff für die Herstellung von Chemikalien, Kunststoffen oder Kraftstoffen zu verwenden“, so die Kommission weiter.

Die Herstellung von Methanol aus CO2 könne beispielsweise neue Möglichkeiten für die Produktion von grünen Kunststoffen, Kühlmitteln und Harzen bieten.

Bis 2030 sollten „mindestens 20% des in der Chemie- und Kunststoffindustrie verwendeten Kohlenstoffs aus nichtfossilen Quellen stammen“, heißt es in der Strategie.

Transparenz und Zertifizierung

All diese Lösungen werden durch „strenge Anforderungen an die Überwachung, Berichterstattung und Überprüfung“ gestützt, um sicherzustellen, dass der Kohlenstoff dauerhaft gespeichert wird.

Grundlage hierfür ist ein Zertifizierungssystem, das die Europäische Kommission im Jahr 2022 vorlegen will und das später als Grundlage für eine internationale Norm dienen könnte.

„Alle Kohlenstoffentfernungen müssen in voller Transparenz und unter Berücksichtigung von Kriterien wie der Dauer der Speicherung, dem Risiko der Umkehrung, der Unsicherheit der Messung oder dem Risiko von Kohlenstofflecks, die die Treibhausgasemissionen an anderer Stelle erhöhen, berücksichtigt werden“, heißt es in der Mitteilung.

Diese Kriterien werden die Grundlage für einen neuen EU-Markt für Kohlenstoffentfernungen schaffen, das mit dem bestehenden EU-Emissionshandelssystem, das Emissionen aus großen Industrieanlagen abdeckt, zusammenarbeiten wird.

Emissionsminderungsgutschriften – im Fachjargon „Offsets“ genannt – werden bereits auf freiwilligen Märkten gehandelt, um Aktivitäten und Projekte zur Reduzierung oder dem Ausgleich von Emissionen zu finanzieren. Die Nachfrage übersteigt bereits das Angebot, stellt die Kommission fest und erklärt, sie prüfe Optionen „für die Schaffung eines regulierten EU-Marktes für die Zeit nach 2030“.

Offset-Programme wie die Anpflanzung von Bäumen sind jedoch umstritten. Umweltgruppen haben sie als „Greenwashing“-Instrument kritisiert, das es Unternehmen, die fossile Brennstoffe einsetzen, ermöglicht, die Umwelt weiter zu verschmutzen, da ihre Emissionen durch Entnahmen an anderer Stelle kompensiert würden.

Mary S. Booth, Umweltwissenschaftlerin bei der Partnership for Policy Integrity (PFPI), einer in den USA ansässigen Kampagnengruppe, warnte auch vor den „astronomischen“ Kosten für den weitläufigen Einsatz von Technologien wie Direct Air Capture (DAC), bei denen Kohlenstoff über Grenzen hinweg zu verfügbaren Speicherstätten transportiert werden muss.

Booth äußerte auch Zweifel am Ziel der Kommission, jährlich 5 Millionen Tonnen CO2 mit Hilfe von Technologien zur Kohlenstoffabscheidung zu speichern, da diese Menge den Umfang der derzeit verfügbaren Kohlenstoffspeicher bei weitem übersteige.

„Das auf Seite 16 erwähnte Silverstone-Projekt beispielsweise fängt derzeit 12.000 Tonnen pro Jahr zu Kosten in Millionenhöhe ein – etwa ein Viertel von 1% des 5-Millionen-Tonnen-Ziels“.

Geden, der deutsche Wissenschaftler, räumt ein, dass das Ziel für 2030 „vielleicht etwas zu ehrgeizig ist, was den Zeitrahmen angeht“, zumal die Einrichtung eines Überwachungs- und Überprüfungssystems für eine Vielzahl von CO2-Entfernungsmethoden keine leichte Aufgabe sein wird.

Dennoch seien die 5 Millionen Tonnen technologischer Kohlenstoffentfernung „ein wichtiges Signal“ für den Markt. „Das Signal, dass dieser Abbau im Inland erfolgen sollte, ist sehr wichtig, damit die Interessengruppen und die Mitgliedstaaten nicht voreilig unbegründete Erwartungen an internationale Ausgleichsmaßnahmen gemäß Artikel 6 UNFCCC haben“, sagte er.

In ähnlicher Weise sagte Booth, dass der Ersatz von 20% der Chemie- und Kunststoffproduktion in Europa „mehrere Millionen“ Tonnen Biomasse oder einen massiven Anstieg von DAC erfordern würde – eine Lösung, die ihrer Meinung nach „ein außerordentlich teurer und ressourcenintensiver Ansatz ist, um einen kleinen Teil der Nutzung fossiler Brennstoffe zu ersetzen“.

Eine neue Studie des PFPI, die am Dienstag (23. November) veröffentlicht wurde, kommt zu dem Schluss, dass die Pläne der EU, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen, auf „unrealistischen Annahmen“ bezüglich der Kohlenstoffentfernungen beruhen.

Nach den Vorschlägen der EU-Klimapolitik für 2030 würde neues Waldwachstum bis 2030 310 Millionen Tonnen CO2 absorbieren, während weitere 250 Millionen Tonnen durch Biomasse-Energie mit Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (BECCS) gebunden würden, eine Technologie, die laut Booth „praktisch nicht existiert“.

Wenn diese Pläne genehmigt werden, „wird die Verwendung von Waldholz für Brennstoffe um 50% zunehmen, was zum schwachen Ziel der Landsenke beiträgt und die EU von BECCS abhängig macht“, warnte Booth.

Sie argumentiert, dass eine billigere und unmittelbarere Lösung zur Kohlenstoffabscheidung darin besteht, die Abholzung zu stoppen und die Verbrennung von Biomasse zur Stromerzeugung einzustellen.

Nach Berechnungen des PFPI zahlen die EU-Mitgliedstaaten derzeit 10 bis 17 Milliarden Euro pro Jahr für die Subventionierung der Biomasseverbrennung, die dazu beiträgt, CO2 in die Atmosphäre zu pumpen.

Stattdessen sollten diese Subventionen „für emissionsfreie Energie und die Wiederherstellung der abnehmenden Kohlenstoffsenke der Wälder verwendet werden“, schlägt sie vor.

„Um die Ökosysteme und die Kohlenstoffsenke der Wälder wiederherzustellen, muss die EU weniger Holz ernten und verbrennen“, so das Fazit der Studie.

[Bearbeitet von Alice Taylor]

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