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06/12/2016

Leak: Erneuerbare Energien könnten Netzvorrang verlieren

Energie und Umwelt

Leak: Erneuerbare Energien könnten Netzvorrang verlieren

WindEurope: „Die vorrangige Einspeisung erneuerbarer Energien zu streichen, würde der Windkraftbranche enorm schaden."

[Gareth Lovering/Flickr]

Eine bisher unveröffentlichte Folgenabschätzung der EU legt nahe, dass Wind- und Solarkraft ihr Stromnetz-Privileg gegenüber anderen Arten der Energiegewinnung bald einbüßen könnten. EurActiv-Kooperationspartner The Guardian berichtet.

Die vorrangige Einspeisung erneuerbarer Energien ins Stromnetz zurückzunehmen, könnte die CO2-Emissionen um zehn Prozent in die Höhe treiben, heißt es in einer vertraulichen EU-Folgenabschätzung, eingesehen vom Guardian. Das Dokument beschreibt vier Szenarien für das Streichen des Netzvorrangs erneuerbarer Energien. Durch diesen Schritt sollen Europas Stromerzeuger flexibler werden und wettbewerbsfähigere Preise anbieten können.

Branchenvertreter zeigten sich im Gespräch mit dem Guardian alarmiert. Sie halten es für sehr wahrscheinlich, dass das Stromnetz-Privileg grüner Energien aus der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU gestrichen wird. Diese wird momentan für den Zeitraum nach 2020 überarbeitet.

„Die vorrangige Einspeisung erneuerbarer Energien zu streichen, würde der Windkraftbranche enorm schaden. Sie könnte europaweit noch stärkeren Einschränkungen gegenüberstehen“, warnt Olivier Joy, Sprecher des Handelsverbandes WindEurope. „Das scheint mir nicht mit Europas Zielen vereinbar zu sein, [die Wirtschaft] zu entkarbonisieren und die Verbreitung erneuerbarer Energien zu fördern. Außerdem haben Anleger den Netzvorrang bei ihren Ertragsberechnungen miteinbezogen, als sie ihre Investitionsentscheidungen getroffen haben. Das könnte bestehende Projekte beeinträchtigen, wenn sie nicht von den Veränderungen ausgenommen werden.“

Fördervorschriften für erneuerbare Energien im Nachhinein zu ändern, hat bereits in mehreren Ländern – vor allem aber in Spanien – zu Diskussionen und Kürzungen im Windkraft- und Solarbereich geführt. Sollte die vorrangige Einspeisung ins Stromnetz tatsächlich gestrichen werden, wollen hochrangige Industrievertreter finanzielle Entschädigungen und einen Zugang zu Ausgleichsmärkten einfordern, um die Branche vor einem bedeutenden Abstieg zu bewahren.

„In Europa gibt es schon genug Instabilität und Rückschritt. Wir müssen voranschreiten. Bestehende und zukünftige Vermögenswerte müssen klar auseinandergehalten werden“, heißt es aus der Industrie. „Ich würde mir große Sorgen machen, wenn man die Vorrangigkeitsregelung einfach abschaffen würde, ohne andere wichtige Fragen zur Marktgestaltung anzugehen. Das würde bedeuten, dass die Kommission Maßnahmen gegen eben jene Branchen ergreift, die sie in der Öffentlichkeit beschützt.“

Erneuerbare Energien bieten die niedrigsten Betriebskosten und hätten somit ohnehin Vorrang bei der Einspeisung ins Netz, argumentieren die Erzeuger fossilen Stroms. Außerdem würde ein Wegfall der Regelung in ihren Augen wettbewerbsfeindliche Subventionen beseitigen und „Negativpreise“ verhindern, bei denen mehr Energie erzeugt als verkauft wird.

Die Folgenabschätzung der EU sieht die Abschaffung des Netzvorrangs als einen Schritt hin zur Wettbewerbsgleichheit in der Stromerzeugung. Ohne das Einspeisungs-Privileg würden erneuerbare Energieträger jedoch wahrscheinlich gleich vom Netz genommen werden. Immerhin ist es um ein Vielfaches leichter, einfach ein Windrad abzuschalten, als ein Kohle- oder Atomkraftwerk stillzulegen. In der Regel sind es die Energiequellen mit den geringsten Betriebskosten – also eigentlich fast immer die Erneuerbaren – die von den Netzbetreibern zuerst abgestellt werden.

So wie es derzeit aussieht, tendiert Europa dazu, die finanzielle Förderung zu beenden. Damit behindert es den Vormarsch der erneuerbaren Energien auf dem Kontinent und verdrängt Investitionen in andere Teile der Welt. „Überall außerhalb Europas investiert man in die Erneuerbaren“, betont ein Branchenvertreter. „Wenn man Anleger zurückgewinnen möchte, muss man deutliche Signale setzen.“

Die geplante Streichung von Netzprivilegien soll das bestehende System am Kapazitätsmarkt reformieren. Hier erhalten Gaserzeuger finanzielle Unterstützung, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Ironischerweise jedoch, könnten Produzenten erneuerbarer Energien letzten Endes eine Ausweitung des gleichen Mechanismus fordern. „Wenn der Einspeise-Vorrang wegfällt, muss man den Erneuerbaren eine Rückfalloption bieten, indem man ihnen Zugang und Entschädigungen auf Ausgleichsmärkten ermöglicht, um das System zu stabilisieren“, so Joy. „Oder man schafft klare Ausgleichsniveaus, sollten Einschränkungen notwendig sein.“

Unter den derzeitigen EU-Vorschriften sind Netzbetreiber eigentlich verpflichtet, erneuerbaren Energien Vorrang bei der Einspeisung zu gewähren. Mehrere Mitgliedsstaaten scheinen diesbezüglich jedoch ein Auge zuzudrücken – darunter Großbritannien, Schweden und die Niederlande.

Besonders folgenschwer wäre das Abschaffen des Netzvorrangs laut Studie für Dänemark, Großbritannien und Finnland – Länder, in denen ein beträchtlicher Anteil der Stromerzeugungskapazitäten auf Biomasse zurückgeht. Bemerkbar machen würde sich die Maßnahme vor allem mit Blick auf die „hohen“ Produktionskosten von Bioenergie – eher weniger jedoch hinsichtlich des CO2-Einsparpotenzials, über das sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kommission rege diskutiert wird. „Den Netzvorrang von Biomassestrom zu streichen, würde direkt zu einem Anstieg der Treibhausgasemissionen führen“, so das Papier. Die vier aufgeführten Szenarien für die Rücknahme des Einspeise-Privilegs beziehen sich auf einen CO2-Anstieg zwischen 45 und 60 Millionen Tonnen.