Kohleindustrie in der EU auf dem Rückzug

Umweltaktivisten wollen, dass die Kohleindustrie ausstirbt wie diese Dinosurier in einem Museum der Universität Oxford. Foto: [Snapshooter46/Flickr]

Kohle ist laut mehrerer aktueller Studien EU-weit am Aussterben. Umweltaktivisten warnen nun: Die EU-Kommission braucht eine klare Kohlestrategie, um die selbstgesteckten Klimaziele auch wirklich erreichen zu können. EURACTIV Brüssel berichtet.

Der Kohleboom ist vorbei – sowohl in der EU als auch weltweit. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Forschungsnetzwerks CoalSarm. Demnach werden mehr Kohlekraftwerke geschlossen als gebaut.

Ein weiterer am Montag veröffentlichter Bericht der Oxford-Universtität warnt Investoren vor den Risiken, die unwirtschaftlichen Kohlekraftwerke weiterhin zu unterstützen. Etliche von ihnen stünden vor der Schließung, wenn sich die Staaten im Dezember bei der UN-Klimakonferenz in Paris auf rechtlich verbindliche CO2-Ziele einigen.

Eines von zehn Kohlekraftwerken weltweit, die vor dem Aus stehen, weil ihre Energie nicht gebraucht wird, steht in der EU.

Die Analyse ermittelte auch große finanzielle Risiken für Investitionen in Kohleproduzenten auf der ganzen Welt. Ihre Prognosen deuten auf einen geringeren Bedarf hin. Damit wären Investitionen in Höhe von 112 Milliarden US-Dollar in den zukünftigen Ausbau und die Entwicklung in Kohleminen überflüssig.

Brian Ricketts, Generalsekretär von Eurocoal, einer Handelsindustriegruppe, weist diese Schlussfolgerungen zurück. Ihm zufolge sind die Kohlekraftwerke in Europa zu alt und müssten dringend modernisiert werden. Dies „sollte überall geschehen, um die Effizienz zu verbessern und die Emissionen zu verringern.“

Umweltaktivisten fordern die EU-Kommission dazu auf, ihre Kohlestrategie klar zu definieren. Am 25. Februar veröffentlichte die Brüsseler Berhörde ihre Mitteilung zur Energieunion. Darin werden fossile Brennstoffe nicht erwähnt. Die Staats-und Regierungschefs der EU werden die Mitteilung diese Woche diskutieren.

Nichts für die Kohle zu unternehmen könnte den NGOs zufolge in einem hohen „carbon lock-in“ resultieren. Das würde die internationalen Bemühungen, die Klimaerwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, zerschlagen.

„Das Fehlen einer klaren Strategie für den Umgang mit Kohle in Europa kann nur eine Verlierer-Strategie sein“, sagt Darek Urbaniak, Energiepolitik-Referent beim WWF European Policy Office.

Veräußerungsdebatte in Oxford

Die international renommierte Universität Oxford wollte am Montag entscheiden, ob sie ihre Investitionen in Kohle und Teersand veräußert. Studenten hatten zuvor zwei Jahre lang darauf gedrängt – als Teil einer weltweiten Kampagne. Ebenfalls an diesem Tag kündigte die Universität an, die Entscheidung bis Mai aufzuschieben, was Proteste auslöste.

Sollte sich Oxford letztendlich zu einer Veräußerung entschließen, wäre es die letzte einiger hochrangiger öffentlicher Institutionen, die umweltverschmutzende Brennstoffe aus ihrem Portfolio streichen. Oxford verfügt über einen Fonds von 3,8 Milliarden Pfund (5,34 Milliarden Euro).

Die Organisatoren einer weltweiten Veräußerungskampagne behaupten, dass sich weltweit über 200 öffentliche Institutionen mit einem Gesamtanlagewert von über 50 Milliarden US-Dollar zu einer Abstoßung ihrer Anlagen in fossile Brennstoffe verpflichteten. Darunter sind auch die Universität Stanford und die Universität von Glasgow.

Die öffentliche Unterstützung dafür wächst. Denn die Öffentlichkeit weiß immer besser über die Gefahren fossiler Brennstoffe Bescheid bescheid – zum Beispiel, dass die Unternehmen, die fossile Brennstoffe fördern, drei Mal so viele fossile Brennstoffe entdeckten, wie ohne große Klimarisiken verbrannt werden können.

Die Internationale Energieagentur (IEA) und andere warnen vor den großen Mengen. Nur ein Drittel der bekannten Reserven könne vor 2050 verbraucht werden. Ansonsten könne man die globale Erwärmung nicht auf das international vereinbarte Ziel von zwei Grad begrenzen.

Die UN-Klimakonferenz von Paris im Dezember soll dieses Ziel rechtsverbindlich gemacht werden. Die EU, die USA und China haben bereits ihre Entschlossenheit bekundet, ein Abkommen zu erreichen.

Die EU-Strategie für die Konferenz wurde mit der Mitteilung zur Energieunion veröffentlicht. Ursprünglich wurde die Energieunion entwickelt, um die Widerstandsfähigkeit der EU bei Engpässe zu stärken. Doch auch die Bekämpfung des Klimawandels ist mittlerweile enthalten.

Boom und Zusammenbruch

Seit 2010 kamen weltweit auf jeden Neubau eines Kohlekraftwerks zwei Vorschläge für einen Bau, die eingestampft wurden, stellt der CoalSwarn-Bericht fest. Diese Rate sei in Europa „signifikant höher“, steht in dem Bericht.

Trotz des weltweiten Trends drückt der Bericht auf die Euphoriebremse. Das verbleibende Drittel wird demnach beinahe alle Treibhausgase ausmachen, die ausgestoßen werden können bis der Klimawandel die Zwei-Grad-Grenze überschreitet.

Von 2003 bis 2014 war die Menge der stillgelegten, mit Kohle betriebenen Stromleistung in der EU 22 Prozent über der neu installierten Kapazität, so die gestern veröffentliche Studie. Seit Januar 2010 wurden sieben Kohlekraftwerke in der EU geschlossen. Dem steht nur ein abgeschlossenes Projekt gegenüber.

In den vergangen zehn Jahren wurden in den 28 Mitgliedsstaaten der EU 14,5 Gigawatt Kapazität hinzugefügt. 17,5 Gigawatt Kapazität wurden im gleichen Zeitraum stillgelegt.

China und die USA gehen demnach mit dem Trend. Polen und der Balkan wurden als zwei Gebiete herausgegriffen, die sich dem weltweiten Kohleabschwung widersetzen. Indonesien, die Türkei und Vietnam schlugen ebenfalls neue Kraftwerke vor.

„Es ist bemerkenswert, wie schnell sich das Geschäftsklima seit 2012 gegen die Kohle gewendet hat“, sagt Ted Nace, Geschäftsführer von CoalSwarm. „Weil diese Projekte einen großen Kapitalaufwand erfordern, sind sie anfällig für wachsende Risikowahrnehmungen.“

Die EU setzt den jahrzehntelangen Rückgang bei der kohlebetriebenen Stromerzeugung fort. Der Anstieg, verursacht durch niedrigere Preise, hohe Gaskosten und die teilweise Schließung der deutschen Atomkraftwerke seien aber keine Kohlewiedergeburt, sagte die Internationale Energieagentur im Dezember des vergangenen Jahres.

Eine Reihe von EU-Richtlinien treibt die Schließung der kohlebefeuerten Stromerzeugung voran, so Urbaniak vom WWF. 35 Gigawatt Kapazität wurden mit der die Richtlinie zu Großfeuerungsanlagen geschlossen. Bis Ende 2015 könnte sich diese Zahl vergrößern. Die Richtlinie zu Industrieemissionen hat das Potenzial, bis 2023 bis zu 40 Gigawatt von Europas verbleibenden, durch Kohle erzeugten 150 Gigawatt Strom zu beenden.

Emissionsleistungsstandards für CO2 vom Stromsektor könnten die Schließung der umweltschädlichsten Infrastruktur vorantreiben. Sie könnten auch ein klares Investitionssignal für die Dekarbonisierung des Stromsektors bedeuten, indem sie den Emissionshandel ergänzen, so Urbaniak.

Verlorene Anlagewerte

Das Programm „Verlorene Anlagewerte“ der Smith School of Enterprise and Environment der Universität Oxford ermittelte die ineffizientesten „unterkritischen“ Kohlekraftwerke weltweit.

Diese Kraftwerke laufen ihrem Bericht zufolge große Gefahr, zu verlorenen Anlagewerten zu werden. Das hängt zusammen mit ihrer CO2-Intensität sowie mit ihrem Beitrag zur örtlichen Luftverschmutzung und dem Wasserverbrauch.

Im Durchschnitt produziert ein unterkritisches Kohlekraftwerk 75 Prozent mehr CO2-Verschmutzung als die meisten modernen Kohlekraftwerke. Sie verbrauchen auch 67 Prozent mehr Wasser und erzeugen eine erhebliche Luftverschmutzung.

Von zehn unterkritischen Kraftwerken weltweit steht eines in der EU. Die Länder mit der größten Menge unterkritischer Stromerzeugung sind Deutschland mit 34 Prozent, Polen mit 21 Prozent und das Vereinigte Königreich mit rund 13 Prozent Anteil am EU-Wert.

In Polen sind beinahe alle Kohlekraftwerke unterkritisch. Ratspräsident Donald Tusk, der den EU-Gipfel am Donnerstag leitet, ist Polens früherer Ministerpräsident.

Bis 2020 müsste rund ein Viertel aller unterkritischen Kohlekraftwerke weltweit geschlossen werden, um die weltweiten Emissionen im Einklang mit dem Zwei-Grad-Ziel zu bringen, schätzt die IEA.

„Unterkritische Kraftwerke sind normalerweise älter und teurer zu betreiben. Dementsprechend könnte die Schließung dieser Kraftwerke eine solide Wahl der politischen Entscheider darstellen, wenn sie nach kosteneffizienten Wege zur Bewältigung von Umweltverschmutzung schauen“, sagt Ben Caldecott, Hauptautor und Leiter des Stranded Assets Programme.

Die Studie analysiert die 100 weltweit größten unterkritischen Unternehmensportfolios. Regierungen besitzen 59 Prozent. 39 Prozent der gesamten, weltweiten unterkritischen Kapazität sind in China, 21 Prozent in den USA, zehn Prozent in der EU und neun Prozent in Indien.

Der deutsche Energieriese RWE soll europaweit den größten Anteil an unterkritischer Kohle zur Stromerzeugung nutzen – gefolgt von E.ON und Vattenfall.

E.ON ist Deutschlands größter Stromanbieter. Das Unternehmen kündigte im Dezember an, seine Anlagen an fossilen Brennstoffen in eine neue Gesellschaft zu überführen. Der Konzern sagt, sich mit seiner neuen Strategie auf erneuerbare Energien ausrichten zu wollen.

Der schwedische Energiekonzern Vattenfall verkündete im Oktober 2014, seine deutschen Braunkohleminen und Kraftwerke zu verkaufen. Sie seien „mit den Klimaschutzzielen des Unternehmens nicht vereinbar“.

Reaktionen aus der Industrie

Ricketts ist der Generalsekretär des Industrieverbands Euracoal. Europa habe sein industrielles Fundament früher auf Kohle aufgebaut als die USA, China und andere asiatische Volkswirtschaften, sagt er.

Viele Kohlekraftwerke wurden in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren gebaut und müssten jetzt ausgetauscht werden, sagt er. Das passiere jetzt in Mitgliedsstaaten wie Deutschland und Bulgarien.

„Aber der Austausch von Kohlekraftwerken und die Modernisierung sollten überall passieren, um die Effizienz zu verbessern und die Emissionen zu senken, aber das geschieht nicht, weil die EU-Politik subventionierte Energiequellen wie Wind und Solarenergie bevorzugt“, sagt Ricketts gegenüber EURACTIV.

„Für einen Kohleinvestoren sieht die EU-Politik für die nächsten fünf Jahre ungewiss und unvorhersehbar aus, ganz zu schweigen die 25-30 Jahre, die es für eine Rendite bei einem Kohleprojekt braucht“, sagt er.

Ricketts sieht auch Probleme mit der Studie Oxford-Studie. Sie sei indirekt von Generation Investment Management LLP unterstützt worden. Diese LLP profitiere von der Schließung der Kraftwerke, behauptet er.

„Die Frage, die die Autoren nicht stellen, ist ‚Was ist am besten für die Bürger?‘ In Südafrika hängt die Legitimität der Regierung davon ab, Millionen aus der Armut zu holen; erschwinglicher Strom aus Kohle ist ein Teil dieser Mission“, sagt Ricketts. „In Europa können wir es besser machen – die Leistung von Japans Kohlekraftwerken wäre ein guter Start“. 

Die international renommierte Universität Oxford wollte gestern entscheiden, ob sie ihre Investitionen in Kohle und Teersand veräußert. Studenten hatten zuvor zwei Jahre lang darauf gedrängt – als Teil einer weltweiten Kampagne. Ebenfalls gestern kündigte die Universität an, die Entscheidung bis Mai aufzuschieben, was Proteste auslöste.

Die Organisatoren einer weltweiten Veräußerungskampagne behaupten, dass weltweit über 200 Institutionen mit einem Gesamtanlagewert von über 50 Milliarden US-Dollar sich dazu verpflichten, ihre Anlagen in fossile Brennstoffe abzustoßen. Darunter sind auch die Universität Stanford und die Universität von Glasgow.

Die öffentliche Unterstützung dafür wächst. Denn die Öffentlichkeit weiß immer besser über die Gefahren fossiler Brennstoffe Bescheid bewusst –so zum Beispiel, dass die Unternehmen, die fossile Brennstoffe fördern, drei Mal so viele fossile Brennstoffe entdeckten wie ohne große Klimarisiken verbrannt werden können.

Die EU-Staats- und Regierungschefs treffen sich am Donnerstag zum EU-Gipfel und werden dabei auch über die Energieunion beraten. Ursprünglich wurde die Energieunion entwickelt, um die Widerstandsfähigkeit der EU bei Engpässe zu stärken. Doch auch die Bekämpfung des Klimawandels ist mittlerweile enthalten. Darin werden fossile Brennstoffe nicht erwähnt.

Die UN-Klimakonferenz von Paris im Dezember soll dieses Ziel rechtsverbindlich gemacht werden. Die EU, die USA und China haben bereits ihre Entschlossenheit bekundet, ein Abkommen zu erreichen.

  • 19.-20. März: EU-Gipfeltreffen in Brüssel
  • Dezember: UN-Klimagipfel in Paris

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