Können Verpackungen tatsächlich klimaneutral werden?

Das Produkt- und Verpackungsdesign ist zu einer zentralen Frage in einer Konsultation der Europäischen Kommission zur Überarbeitung der EU-Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWD) geworden, die im ersten Quartal 2022 ansteht. [Gts / Shutterstock]

Papier, Plastik, Blech oder Glas? Während die Europäische Kommission eine Überarbeitung der Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle vornimmt, zeigt eine Studie die Vor- und Nachteile der verschiedenen Verpackungsarten auf.

Nur wenige Menschen, würden angeben, dass sie Verpackungsmüll befürworten. Verbraucher:innen, die ein Produkt kaufen, das übermäßig viel Verpackung enthält oder eine Verpackung, die bekanntermaßen nur schwer zu recyceln ist, ärgern sich in der Regel. Aber als Verbraucher:in hat man kaum Kontrolle über die Situation.

Die Europäische Kommission hält eine Regulierung für erforderlich, um einerseits unnötige Verpackungen zu vermeiden und andererseits sicherzustellen, dass die notwendigen Verpackungen recycelt und wiederverwendet werden.

Nach Angaben der Kommission wurden 2018 in Europa 174,1 kg Verpackungsabfälle pro Person erzeugt. Im vergangenen Jahr hat die EU-Exekutive einen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft vorgelegt, der das Ziel verfolgt, alle Verpackungen bis 2030 vollständig wiederverwertbar zu machen.

Außerdem versprach sie, die EU-Gesetze zu überarbeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Diese Überarbeitung der Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle steht in Kürze an.

Im Rahmen einer öffentlichen Konsultation, die Anfang des Jahres abgeschlossen wurde, konnten sich die Interessenvertreter:innen zu Wort melden. Eines der meistdiskutierten Themen war die Frage, ob bei der Überarbeitung bestimmte Arten von Verpackungen gegenüber anderen bevorzugt werden sollten, weil sie leichter zu recyceln sind oder weniger CO2-Emissionen verursachen.

Das Produkt- und Verpackungsdesign hat sich als eine zentrale Frage herausgestellt. „Wie man Kreislaufwirtschaft definiert, ist wichtig“, sagte die finnische Abgeordnete Sirpa Pietikäinen, die Berichterstatterin des Europäischen Parlaments für den neuen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft ist, kürzlich bei einer EURACTIV-Veranstaltung.

„Ein großer Teil davon ist der Prozess des Produktdesigns. Wenn Sie ein schlechtes Produktdesign haben, können Sie alle Abfallströme sammeln, die Sie wollen, aber das Niveau der Wiederverwendung ist schlecht. Deshalb brauchen Sie die erweiterte Herstellerhaftung.“

EU plant "digitalen Produktpass" zur Förderung der Kreislaufwirtschaft

Die EU-Kommission will nächstes Jahres einen „digitalen Produktpass“ einführen. Dieser soll Informationen über die Zusammensetzung europäischer Waren enthalten, die deren Chancen auf Wiederverwendung und Recycling erhöhen.

Papierindustrie besteht auf ihr Potenzial

Es ist eine Frage, die den Käufern im Lebensmittelladen früher regelmäßig gestellt wurde, bevor Einwegtüten ganz aus dem Verkehr gezogen wurden: Papier oder Plastik?

Jetzt stellen sich die politischen Entscheidungsträger diese Frage, wenn es um Verpackungen im Allgemeinen geht. Papier bietet eine Reihe von Vorteilen gegenüber Plastik, wenn es um die Umweltbelastung geht.

„Wir haben derzeit den geringsten CO2-Fußabdruck im Vergleich zu alternativen Verpackungslösungen, wie eine Lebenszyklusanalyse zeigt“, sagt Annick Carpentier, Generaldirektorin der Alliance for Beverage Cartons and the Environment (ACE), einem Industrieverband.

„Das erklärt sich aus verschiedenen Elementen wie der Verwendung von erneuerbarem Material und der Recyclingfähigkeit von Getränkekartons. Es liegt auch an der Effizienz des Transports von Getränkekartons aufgrund ihres geringen Gewichts. Sie ermöglichen es [Logistikunternehmen], mehr zu verpacken als andere Verpackungsalternativen.“

Die Mitglieder des ACE, zu denen auch der schwedische multinationale Konzern Tetra Pak und sein Schweizer Konkurrent SIG gehören, haben sich zum Ziel gesetzt, dass 70 Prozent der auf den Markt gebrachten Getränkekartons aus Papier aus recyceltem Material bestehen sollen, gegenüber den heutigen Anteil von 51 Prozent.

Schließlich soll bis 2050 ein Anteil von 100 Prozent recyceltem Material erreicht werden. Über eine wissenschaftlich fundierte Zielinitiative soll der ökologische Fußabdruck der Kartons im Einklang mit dem 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens reduziert werden.

Aber wird dies ausreichen, um bis 2050 die Klimaneutralitätsziele zu erreichen? Aus Sicht von NGOs braucht es hierzu mehr als nur Zielvorgaben. Es sei ein komplettes Umdenken in der Lieferkette erforderlich, und das bedeute, dass eine bestimmte Art von Material zwar unter bestimmten Bedingungen weniger Umweltauswirkungen habe, unter anderen aber möglicherweise mehr.

„Es ist schwierig, die Treibhausgasemissionen von Verpackungsmaterialien zu vergleichen, ohne das System zu berücksichtigen, in dem die Verpackung verwendet wird“, sagt Jean-Pierre Schweitzer, Referent für Produkte und Kreislaufwirtschaft beim Europäischen Umweltbüro (EEB), einer Kampagnengruppe.

„Wie sich beispielsweise Faktoren wie das Gewicht der Verpackung und der Transport auf den CO2-Fußabdruck auswirken, hängt von der Länge der Lieferkette, der Art des Transports und so weiter ab“, sagt Schweitzer.

Glas mag zwar schwerer sein, aber „wenn es für die Lieferung von Getränken an einen lokalen Lieferanten verwendet wird, kann die Auswirkung des Gewichts unerheblich sein.“ Es gibt auch Emissionseinsparungen, wenn die Verpackung wiederverwendet wird, statt nur einmal verwendet zu werden.

Nach Analysen des EEB könnte eine Wiederverwendungsrate von 20 Prozent im Bereich der Take-away-Lebensmittel in der EU fast eine Million Tonnen CO2-Äquivalente einsparen.

„Wenn wir auf ultra-verarbeitete Industrieprodukte aus einem weit entfernten Land angewiesen sind, sind ultraleichte Kunststoffverpackungen vielleicht die beste Option. Wenn wir dagegen vor Ort produzieren, brauchen wir entweder gar keine Verpackung oder sie kann wiederverwendet werden. Es kommt darauf an, was Sie wirklich wollen.“

Laut Carpentier sei Wiederverwendung oft eine gute Option, eigne sich aber nicht für jede Situation. „Erneuerbare Optionen sollten Teil des Portfolios der auf dem Markt befindlichen Verpackungen sein, aber es sollte kein Dogma geben, dass wiederverwendbare Optionen in allen Fällen besser sind“, sagt sie.

Wiederverwendbare Verpackungen könnten teurer sein, sie müssten häufig ausgetauscht werden, um rentabel zu sein, und es könne zu Problemen kommen, wenn das Material leicht zerbrechlich ist. „Wir sagen nicht, dass wiederverwendbare Produkte nicht gut sind. Es gibt einen Platz für wiederverwendbare Produkte auf dem Markt für bestimmte Anwendungen. Aber nicht in allen Bereichen ohne Überlegungen oder eine Lebenszyklusanalyse.“

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht von Circular Analytics hat ergeben, dass Getränkekartons im Allgemeinen eine bessere CO2-Bilanz aufweisen als Glasflaschen, wenn man die Lebenszyklusanalyse berücksichtigt.

Glasverpackungen: Endspurt für 100 % Kreislaufwirtschaft

Glasverpackungen haben bereits eine der höchsten Recyclingquoten in Europa. Um aber das europäische Ziel einer Recyclingquote von 75 % zu erreichen, ist eine bessere Sammlung einer größeren Menge Glas erforderlich. Angestrebt wird eine vollständige Kreislaufwirtschaft.

Verpackungsdesign

Für die Kommission hängt die Frage, ob Verpackungen klimaneutral werden können, also davon ab, welches Material verwendet wird, wofür es verwendet wird, ob es gesammelt wird und ob es recycelt wird.

Bei der Überarbeitung der EU-Verpackungsvorschriften stellt sich also die Frage, ob ein verbindlicher Anteil an recyceltem Material vorgeschlagen werden soll oder ob man sich stattdessen auf die Erhöhung der Sammelquote konzentrieren soll.

Verbindliche Zielvorgaben für den Anteil an recyceltem Material sind möglicherweise nicht für jede Art von Material geeignet, und wenn man sich nur auf die Erfüllung der Zielvorgaben konzentriert, könnte man das Gesamtbild außer Acht lassen.

„Das Ziel der Kommission, bis 2030 alle Verpackungen recycelbar oder wiederverwendbar zu machen, halten wir für unvollständig“, sagt Carpentier. „Bis 2030 sollten alle Verpackungen kohlenstoffarm sein, aus nachhaltigen Quellen stammen und recycelbar und/oder wiederverwendbar sein.“

Die Ziele sollten technologieneutral sein, so Carpentier, aber auch eine vollständige Lebenszyklusanalyse berücksichtigen, die Anreize für die Verwendung von Materialien mit geringeren Treibhausgasauswirkungen schafft.

Die Gesetzgebung muss nicht nur das Recycling fördern, sondern auch schlechtes Verpackungsdesign korrigieren, betont Schweitzer vom EEB. „Die unharmonisierten Systeme der erweiterten Herstellerverantwortung in der EU wenden meist einen Preis an, der sich nach dem Verpackungsmaterial richtet, ohne die Umweltauswirkungen der Verpackung oder ihr Lebensende zu berücksichtigen“, sagt er.

„Zweitens erlauben die veralteten und unzureichend definierten grundlegenden Anforderungen in der Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle fast jede Verpackung auf dem europäischen Markt. Aus diesen beiden Gründen gibt es keine gesetzliche Verpflichtung und kaum einen wirtschaftlichen Anreiz für Unternehmen, ihr Verpackungsdesign zu ändern.“

Das Problem mit dem Ansatz der Kommission ist laut Schweitzer, dass sie sich zu sehr auf die Sammlung und den recycelten Inhalt konzentriert und nicht genug darauf, die Art und Weise, wie Verpackungen gestaltet werden, zu überdenken.

„Die Überarbeitung bietet nicht nur die Möglichkeit, das Recycling zu erhöhen, sondern auch die Art und Weise, wie wir Produkte ausliefern, ohne Abfall zu erzeugen, neu zu überdenken“, sagt er. „Der Schwerpunkt muss nicht nur auf der Erhöhung der Recyclingquoten liegen, sondern auch auf der Reduzierung der absoluten Abfallmengen und der Steigerung der Wiederverwendung.

„Dies könnte ein Gesamtreduktionsziel für die Gesamtmenge an Verpackungsabfällen pro Materialstrom, Maßnahmen für vermeidbare oder unnötige Verpackungen, die schrittweise abgeschafft werden können, und Wiederverwendungsziele für Sektoren, in denen es nachweislich ein Potenzial für die Wiederverwendung gibt, umfassen.“

Die Papierindustrie befürwortet nach Ansicht von Carpentier eine ganzheitlichere Vision für die Überarbeitung der Richtlinie. Diese sollte aber nicht vergessen, dass Verpackungen eine Notwendigkeit bleiben und kein Luxus sind.

Ein Verbot von Verpackungen sei weder praktisch noch wünschenswert, betont sie. „Heutzutage gibt es das Empfinden, dass Verpackungen überflüssig sind und wir sie ganz abschaffen könnten“, sagt Carpentier. „Das ist ein Irrglaube, denn Verpackungen schützen Lebensmittel, ermöglichen ihren sicheren Transport und ihre Lagerung und erlauben es uns, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden.“

„Papier kann Produkte bis zu sechs Monate lang ohne Kühlung verpacken, manchmal sogar länger“, stellt sie fest – was in heißen Klimazonen Strom spart, weil die Kühlung entfällt. Einfache Zielvorgaben, die diese umfassenderen Auswirkungen der Lebenszyklusanalyse nicht berücksichtigen, könnten Anreize für die Verwendung der falschen Verpackungsarten für die falschen Situationen schaffen.

Verpackungen: EU will Kreislauf der Wiederverwertung schließen

Recycling ist nicht gleich Recycling. Während sich die Europäische Kommission auf die Überarbeitung der EU-Richtlinie über Verpackungsabfälle vorbereitet, wollen politische Entscheidungsträger:innen die Verschlechterung und den Abfall aus dem Prozess entfernen.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]

Subscribe to our newsletters

Subscribe