Klimaziele der EU-Kommission beunruhigen deutsche Autoindustrie

Die deutsche Automobilindustrie ist besorgt, sei es angesichts der bevorstehenden Bundestagswahlen, den ambitionierten Zielen der EU_Kommission, oder aufgrund der normalen Problemen der Branche wie der Chipmangel. c Shutterstock/Jenson

Die Autoindustrie wappnet sich, „Große Entscheidungen stehen an, zentrale Weichen werden gestellt“, sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Autoindustrie (VDA) dem Tagesspiegel, Medienpartner von EURACTIV.de, am Mittwoch (7. Juli).

Die Bundestagswahl respektive die Zusammensetzung der nächsten Koalition sei entscheidend für die Zukunft der Industrie. Aber nicht nur: Die Vorstellungen der EU-Kommission beunruhigen die deutsche Schlüsselindustrie, da die Ziele für Elektromobilität und das Ende des Verbrennungsmotors unter anderem wegen des schleppenden Ausbaus der Ladeinfrastruktur nicht erreichbar seien.

Ohne das Auto, mit welcher Energie auch immer angetrieben, werde die Transformation in eine klimaneutrale Zeit nicht gelingen, meinte Müller. Sie berichtete aus einer aktuellen Allensbach- Umfrage, wonach für mehr als 80 Prozent der Befragten das Auto unverzichtbar sei.

„Lippenbekenntnisse zum öffentlichen Verkehr helfen nicht“, meinte Müller. Die Alternativen zum Auto seien vor allem auf dem Land nicht attraktiv genug. Und selbst unter den Großstadtbewohnern liege der Anteil derjenigen, die ohne Probleme auf das Auto verzichten könnten, nur bei neun Prozent.

„Das Auto wird Fundament des individuellen Verkehrs bleiben – weil es immer besser wird: nachhaltig, digital, klimafreundlich“, resümierte der Autoverband die Ergebnisse der Umfrage.

233 Euro im Monat für das Auto

Wie das Statistische  Bundesamt am Mittwoch (7. Juli) mitteilte, gab ein Haushalt 2018 im Schnitt 233 Euro/Monat fürs Auto und 33 Euro für Bus, Bahn und Taxi aus. „Die Höhe der Ausgaben für die verschiedenen Formen von Mobilität hängt dabei stark vom monatlichen Haushaltseinkommen ab“, teilten die Statistiker mit.

Die einkommensstärksten Haushalte, die monatlich 4000 Euro und mehr zur Verfügung haben, gaben demnach 388 Euro für Mobilität aus. Haushalte mit weniger als 1100 Euro Einkommen kamen nur auf durchschnittlich 40 Euro.

Viel zu wenige Ladepunkte

Die Pläne der EU-Kommission zur Erreichung der Klimaziele im Individualverkehr gehen nach Einschätzung von Hildegard Müller an der Realität vorbei. Bis 2030 die CO2-Emissionen um 60 Prozent runterzufahren und 2035 ein Verbrennerverbot für Neuwagen einzuführen sei nur möglich mit einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur.

Davon sei die EU jedoch weit entfernt: allein in den drei Ländern Frankreich, Niederlande und Deutschland stünden derzeit 68 Prozent aller Ladepunkte. EU-weit seien es 260 000, doch bis 2030 würden sechs Millionen gebraucht, rechnete Müller vor.

23 Prozent der Neuwagen sind elektrisch

Hierzulande, wo die Regierung massiv in den Ausbau investiert, kämen jede Woche 250 Ladepunkte hinzu, doch erforderlich seien 1000, sagte die VDA-Chefin. Rund 70 Prozent der Deutschen sind laut Allensbach-Umfrage unzufrieden mit ihrem lokalen Ladenetz-Angebot, nur 0,2 Prozent sehr zufrieden.

Der Anteil der E-Autos an den Neuzulassungen war zuletzt auf 23,6 Prozent gestiegen. Die Energie- und Verkehrswende, funktioniere nur, „wenn die Menschen sie im Alltag auch umsetzen können und wollen“, meinte Müller und reklamierte Technologieoffenheit.

Dazu gehörten neben der Elektromobilität auch Wasserstoff und E- Fuels, um den Bestand an Autos mit Verbrennungsmotor sauberer zu machen.

Zu wenig Halbleiter

Der VDA hatte jüngst seine Produktionsprognose für die deutschen Hersteller von vier Millionen auf 3,6 Millionen Fahrzeuge im laufenden Jahr reduziert und dies unter anderem mit dem Halbleitermangel begründet.

„Wir brauchen neue Werke, idealerweise auch in Europa“, sagte Müller dazu. Das braucht Zeit. Aktuell verschärft der Trend zum E-Auto und zum Premiumfahrzeug das Problem, weil in diesen Autos mehr Halbleiter verbaut werden als in einem Mittelklassewagen mit Benzinmotor.

Dabei ist nach VDA-Angaben der Auftragseingang derzeit so stark wie zuletzt 2009, als nach der Finanzkrise die Abwrackprämie die Nachfrage stützte. Das belegen aktuellen Zahlen von BMW, Mercedes und Audi. BMW und Audi erreichen im ersten Halbjahr Rekordwerte beim Absatz, Mercedes verpasste den Bestwert aus dem Jahr 2018 knapp und verlor zudem die Spitzenposition an BMW.

Die Münchner haben in ihren wichtigsten Märkten China, Europa und den USA kräftig zugelegt. Auf Konzernebene erreichte BMW 1,34 Millionen Fahrzeuge und lag damit über dem Vorkrisenniveau. Die Kernmarke BMW sprang um 39,9 Prozent auf 1,18 Millionen Autos. Mercedes-Benz landete mit einem Wachstum um gut ein Viertel auf 1,16 Millionen knapp dahinter. In ihrem wichtigsten Markt China konnten die Schwaben einen Rekord vermelden.

Rekorde für Audi, BMW und Mercedes

Audi hat noch keine Zahlen veröffentlicht, teilte aber auf Anfrage der Deutschen Presseagentur mit, dass das erste Halbjahr das beste der Unternehmensgeschichte bei den Auslieferungen gewesen sei. Audis bisheriger Rekord für ein erstes Halbjahr stammte aus 2016 mit 953 000 Autos.

Die Autoindustrie rutschte bereits 2019 in eine Rezession. Als sich dann Anfang 2020 die Situation zu verbessern schien, kam das Coronavirus. Und dann der Chipmangel, weshalb die deutschen Hersteller zeitweise die Produktion in einzelnen Werken einstellen mussten.

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