Klimaschutz in der Autoindustrie: „Innovation braucht internationale Standards“

Im Fokus des Perspektivdialogs stand die Automobilbranche und die Auswirkungen und Chancen, die sich durch Strukturwandel hin zu einer klimaneutralen Autoindustrie ergeben. [Shutterstock / Digital Storm]

Wie wird die Autoindustrie mit den Herausforderungen der Zukunft fertig? Dekarbonisierung, Elektrifizierung, Wasserstoff-Strategie: Bei all diesen Baustellen geht es schlussendlich um eine ganzheitliche und somit auch um eine europäische Betrachtung.

“Für eine klimapolitische Transformation unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft brauchen wir Mut, Ideen und einen gemeinsamen Gestaltungswillen”, eröffnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag (11. Februar) den Perspektivdialog zu Industrie und Klimaschutz. Im Fokus des Gesprächs stand die Automobilbranche und die Auswirkungen und Chancen, die sich durch Strukturwandel hin zu einer klimaneutralen Autoindustrie ergeben.

Seinen Gästen aus der Klimafolgenforschung, aus Gewerkschaften sowie der Autoindustrie selbst stellte Steinmeier Fragen, wie dieser Strukturwandel verträglich für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gestaltet werden kann. Stets im Hinterkopf aller GesprächsteilnehmerInnen war der europäische Green Deal und das Ziel, ab 2050 klimaneutral zu sein, sowie das 1,5 Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens. “Eine nachhaltige Mobilität wird einen bedeutsamen Beitrag zum Erreichen der Klima- und Umweltziele leisten”, betonte Steinmeier.

Der Druck der Zeit auf die Autobauer

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Wie soll eine nachhaltige Mobilität gelingen?

“Ist der Elektroantrieb mit Batterie tatsächlich der einzige Weg? Welche Zukunft hat der Einsatz von Wasserstoff mit Brennstoffzelle?”, fragte der Bundespräsident gleich zu Beginn und bekam unterschiedliche Antworten. Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), pochte auf Technologieoffenheit und Förderung verschiedener Antriebsformen: “Man darf das Denken nicht beschränken und sollte breit investieren.”

Eine mögliche Antriebsform für den Verkehrssektor der Zukunft ist die durch Wasserstoff betriebene Brennstoffzelle. Allerdings ist die Herstellung in ausreichenden Mengen derzeit technologisch noch nicht möglich, geschweige denn bezahlbar.

Weitere Möglichkeiten sind synthetische Flüssigkraftstoffe. E-Fuel – auch Power-to-Liquid genannt wird durch einen Elektrolysevorgang in Zusammenhang mit aus der Luft gewonnenen CO2 gewonnen und kann den herkömmlichen Kraftstoffen beigemischt werden. Biofuel wird dagegen aus Biomasse, zum Beispiel organischen Abfällen, gewonnen und kann ebenfalls von herkömmlichen Verbrennungsmotoren verbrannt werden. Bei den synthetischen Kraftstoffen wird jedoch weiterhin CO2 ausgestoßen, zudem ist auch hier die Herstellung (noch) nicht marktfähig.

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VW setzt aufs E-Auto

Eine weitere Möglichkeit ist die Elektrifizierung. Beim E-Auto muss der gesamte Strom jedoch aus erneuerbaren Energiequellen kommen, um klimaneutral zu sein. Dazu kommt die Herstellung von leistungsfähigen Batterien, was ebenfalls erhebliche Emissionen verursacht. Derzeit benötigt man zudem Rohstoffe wie Kobalt oder Lithium zur Herstellung, dessen Gewinnung einen enorm hohen Wasserverbrauch mit sich bringt.

Schlussendlich gibt es bislang keine Antriebsmöglichkeit, die Benzin, Diesel und Super vollständig und klimaneutral ersetzen kann. Deshalb fährt jeder Autobauer und jedes Zulieferunternehmen seine eigene Strategie. Bei VW setzt man beispielsweise voll auf die Elektrifizierung des Automobils.

Daniela Cavallo, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Volkswagen AG, verteidigte die VW-Strategie. Man sei aufgrund der CO2-Ziele nicht besonders Technologieoffen, erklärte sie. Man müsse deshalb auf Elektro setzen und habe keine Wahl, da man die politisch vorgegebenen Ziele ansonsten nicht erreichen könne. Sie forderte zudem, dass das Problem der mangelnden Ladeinfrastruktur für E-Autos europäisch gelöst werden müsse statt national, schließlich exportiere ihr Unternehmen große Mengen ins europäische Ausland.

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Standards ja, Überregulierung nein

Auf die Frage, wie detailliert die Politik der Industrie vorgeben sollte, wo sie wie viele Emissionen einsparen muss, gab es beim Perspektivdialog auf Schloss Bellevue unterschiedliche Antworten. Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), beklagte mangelnde Planungsfähigkeit der Industrie, aufgrund von immer neuen Zielvorgaben. Dem entgegnete Henning Kagermann, Vorsitzender der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität, dass Innovationen nur durch internationale Standards beschleunigt werden können.

Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Ottmar Edenhofer, bemängelte ebenfalls die Feinsteuerung der Politik, die keinen langfristigen Rahmen zuließe. “Standards ja, Überregulierung nein”, sagte er, denn Detailsektorziele seien aufgrund des nur schwer zu prognostizierbaren technologischen Fortschritts nicht besonders sinnvoll. Man wisse schlicht nicht, welche Antriebsform sich schlussendlich am Markt durchsetzt.

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Strukturwandel betrifft auch die Bevölkerung

Ein weiteres großes Thema des Dialogs waren die Auswirkungen des technologischen und strukturellen Wandel auf die Bevölkerung Deutschlands und Europas. “Was Fortschritt für die einen bedeutet, darf nicht Stillstand für die anderen sein”, merkte Bundespräsident Steinmeier an und betonte die Wichtigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung des Wandels.

VDA-Präsidentin Müller wies auf die 800.000 Beschäftigten in der Branche allein in Deutschland hin und die 14 Millionen in ganz Europa. Es gehe nicht allein um die Industrie, sagte sie und forderte, dass die Nachhaltigkeitsziele die Lebensrealität der Menschen einbeziehen. BDI-Präsident Russwurm warnte gar, “auch in jedem deutschen Auto sind gelbe Westen drin.” Er spielte damit auf die Gelbwesten-Bewegung von 2018 in Frankreich an, die sich gegen die steigenden Lebenshaltungskosten durch die Energiewende richtete.

Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall, sprach diesbezüglich von einem Knoten der sozioökonomischen Transformation, der ausdiskutiert werden müsse: “Beschäftigte der Autoindustrie sind auch Bürger mit Interesse am Klimaschutz und Verbraucher mit Interesse an der Mobilität und am Wohlstand der Zukunft. Diese Interessen sind nicht immer ohne Widerspruch.”

Um die Negativfolgen für die Beschäftigten so gering wie möglich zu halten, müssten Arbeitsplätze, die durch den Strukturwandel wegfallen, am selben Ort kompensiert werden. PIK-Direktor und Ökonomie-Professor Edenhofer hält das für die große Herausforderung, betonte jedoch, dass niemand wisse, ob dieses Kompensationsversprechen aufgeht: “Das gehört zur Ehrlichkeit dazu.”

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