„Klimakatastrophe“: Eine Million Arten von der Vernichtung bedroht

Umweltaktivisten und Wissenschaftler fordern entschlossenere Schritte im Kampf gegen den Klimawandel. [Takver/Flickr]

Weltweit führende Wissenschaftler warnen in einem am 3. Mai erscheinenden Bericht, die Ökosysteme näherten sich langsam einer „dramatischen Gefahrenzone“ für die Menschheit an. Dies ist das Ergebnis der umfassendsten jemals durchgeführten Studie über das Leben auf der Erde. EURACTIVs Medienpartner The Guardian berichtet.

Bis zu eine Million Spezies sind von der Vernichtung bedroht, viele davon bereits innerhalb der kommenden Jahrzehnte. Das zeigt ein geleakter Entwurf des globalen Evaluierungsberichts, der über einen Zeitraum von drei Jahren von der führenden Forschungsstelle der Vereinten Nationen für Naturforschung erstellt wurde.

Die 1.800 Seiten umfassende Studie wird demnach deutlich machen, dass die heute lebenden Menschen, ein großer Teil der Tierwelt und künftige Generationen gefährdet sind, wenn nicht umgehend Maßnahmen ergriffen werden, um das Aussterben von Pflanzen, Insekten und anderen Lebewesen zu stoppen, von denen die Menschheit in Bezug auf Nahrungsversorgung, Bestäubung, sauberes Wasser und ein stabiles Klima abhängig ist.

Robert Watson, Vorsitzender der Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES), erklärte am Freitag, der endgültige Wortlaut der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger werde bei einem Treffen von Experten und Regierungsvertretern noch vor der offiziellen Veröffentlichung am heutigen Montag in Paris ausgearbeitet. Die grundsätzliche Botschaft des Berichts sei jedoch bereits länger klar gewesen: „Es steht außer Frage, dass wir die Biodiversität in einem absolut nicht nachhaltigen Ausmaß verlieren. Es handelt sich um ein Ausmaß, das das Wohlergehen der Menschheit sowohl für die jetzigen als auch für die zukünftigen Generationen beeinträchtigen wird.“

Watson betonte weiter: „Wir sind in echten Schwierigkeiten, wenn wir nicht handeln.“ Es gebe aber nach wie vor „eine Reihe von Maßnahmen, die ergriffen werden können, um die Natur zu schützen und die allgemeinen Ziele für menschliche Gesundheit und Entwicklung zu erreichen.“

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Die Autoren des Berichts erhoffen sich von dieser ersten globalen Bewertung der Biodiversität seit fast 15 Jahren, dass die Natur- und Klimakrisen erneut ins Rampenlicht gerückt werden – ähnlich wie der 1,5-Grad-Report des Weltklimarats der Vereinten Nationen (IPCC) es vergangenes Jahr bereits getan hatte.

Wie sein Vorgänger ist der neue Bericht eine Zusammenstellung von zahlreichen akademischen Einzelstudien zu Themen, die von Meeresplankton über Bakterien im Erdboden bis hin zu Honigbienen oder der Amazonasflora reichen. Unter Einbeziehung vorheriger Erkenntnisse zum Thema Artensterben wird diese Übersicht über den globalen Naturzustand wohl den wissenschaftlichen Beweis liefern, dass die Erde sich einer sechsten „Aussterbewelle“ gegenübersieht – mit dem Unterschied, dass dies die erste Welle wäre, die menschengemacht ist.

„Ökologische Notlage“

Mike Barrett, Exekutivdirektor des WWF für den Bereich Naturschutz und Wissenschaft, kommentiert: „Alle unsere Ökosysteme sind in Schwierigkeiten. Dies ist der umfassendste Bericht über den Zustand der Umwelt und er bestätigt unwiderlegbar, dass sich die Natur in einem dramatischen Niedergang befindet.“

Barrett betont weiter, dies bedeute eine „ökologische Notlage“ für die Menschheit. Man sei inzwischen durch eine dreifache Herausforderung (Klimawandel, Umweltzerstörung und gefährdete Nahrungsmittelproduktion) bedroht.

„Es bleibt keine Zeit zum Verzweifeln,“ sagt er. „Wir müssen hoffen, dass in den kommenden zwei Jahren Gelegenheiten genutzt werden, um etwas dagegen zu unternehmen.“

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Tatsächlich wird der UN-Bericht auch mögliche Zukunftsszenarien skizzieren, die je nach potenziellen Entscheidungen von Regierungen, Unternehmen und Einzelpersonen variieren. Die kommenden eineinhalb Jahre dürften dabei entscheidend sein. Die Staats- und Regierungschefs der Welt wollen auf zwei großen Konferenzen Ende 2020 Rettungspläne für Natur und Klima vereinbaren.

So wird China Gastgeber der UN-Rahmenkonvention über die biologische Vielfalt in Kunming sein. Dort sollen neue Zwanzigjahresziele festgelegt werden, die die im Jahr 2010 in Aichi (Japan) vereinbarten Ziele ersetzen. Kurz darauf soll das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über den Klimawandel (UNFCC) und somit die Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen überarbeitet werden. Dieses Treffen wird in Großbritannien, Italien, Belgien oder der Türkei stattfinden.

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Umfassendste Studie aller Zeiten

Der britische Professor Watson, der die beiden führenden wissenschaftlichen Gremien der Vereinten Nationen geleitet hat, kündigte vergangene Woche bereits an, der heute erscheinende UN-Bericht werde sich eingehender als je zuvor mit den „Ursachen des Zusammenbruchs der Natur“ befassen, vor allem mit der Umwandlung von Wäldern, Feuchtgebieten und anderen Wildnislandschaften in gepflügte Felder, Stauseen und Städte. Laut dem geleakten Entwurf seien drei Viertel der globalen Landoberfläche stark vom Menschen verändert worden. Die Menschheit dezimiere darüber hinaus die Öko- und Lebenssysteme, von denen wir abhängig sind, indem sie immer mehr Kohlendioxid ausscheide und invasive Arten verbreite.

Watson verwies in dieser Hinsicht auch auf die sogenannte „Attribution Sciences“, die belegen, wie viel wahrscheinlicher Hurrikane, Dürren und Überschwemmungen als Folge der globalen Erwärmung geworden sind.

Ziel des neuen Berichts müsse es sein, ein Publikum jenseits der üblichen grünen NGOs und Regierungsbehörden zu überzeugen. „Wir müssen nicht nur an die Umweltminister appellieren, sondern auch an die Verantwortlichen für Landwirtschaft, Verkehr und Energie. Sie sind verantwortlich für die Ursachen des Verlusts der biologischen Vielfalt,“ sagte er.

Ganzheitliche Ansätze notwendig

Watson betonte, ein Schwerpunkt müsse darin bestehen, sich vom Schutz einzelner Arten und Bereiche zu lösen und „systemische Treiber des Wandels“, einschließlich Konsum und Handel, anzugehen.

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Tatsächlich scheint sich das politische Umfeld in einigen Ländern aufgrund der überwältigenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und der zunehmenden öffentlichen Besorgnis über Natur- und Klimakrisen zu ändern. Zeichen dafür sind die Schulstreiks von mehr als einer Million Schülerinnen und Schülern oder die Straßenproteste der Extinction Rebellion in mehr als einem Dutzend Ländern.

Das britische Parlament hat vergangene Woche den Klimanotstand ausgerufen, und das oberste Beratungsgremium der Regierung empfahl einen Plan zur schnelleren Senkung der CO2-Emissionen auf Null bis 2050.

Bislang wurde die „Klimakatastrophe“ jedoch wesentlich weniger vorrangig behandelt: „Wo sind die Schlagzeilen? Wo sind die Krisensitzungen?,“ fragte auch die Galionsfigur der Schulstreiks, Greta Thunberg, kürzlich auf Twitter.

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Aktivisten der Extinction Rebellion erklärten, ihre Proteste, die im vergangenen Monat das Zentrum Londons nahezu lahmlegten, zielten sowohl auf Natur- und Umweltschutz als auch auf die Stabilisierung des Klimas ab. Die Herausforderungen seien „zwei Seiten derselben verheerenden Medaille“, sagte Farhana Yamin, eine Koordinatorin der Bewegung, die auch Umweltjuristin und Co-Autorin eines IPCC-Berichts ist.

In Bezug auf die neue Großstudie erklärte sie: „Die Arbeit des IPBES ist ebenso wichtig wie die Arbeit des IPCC am 1,5-Grad-Bericht. Aus diesem Grund fordert die Extinction Rebellion sowohl ein Ende des Rückgangs der biologischen Vielfalt als auch Netto-Null-Emissionen bis 2025. Wir können die Menschheit nicht retten, indem wir nur den Klimawandel bekämpfen oder uns nur um die biologische Vielfalt kümmern.“

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