Klimagipfel in Bonn: Und nun zur Wetterkatastrophe

Entwicklungsminister Gerd Müller (l.) und Umweltministerin Barbara Hendricks (r.) während der Welt-Klimakonferenz COP23 in Bonn. [EPA-EFE/PHILIPP GUELLAND]

Wenn seit dem 6. November an in Bonn über die Regeln verhandelt wird, nach denen über Fortschritte in der Klimapolitik berichtet werden soll, werden die Zeitungen für ein paar Tage voll sein mit Berichten zum Thema. Dann hat die Klimaberichterstattung ihre Zeit. Sie dauert nicht lang.

Dass die Temperaturen in der Arktis im Winter wochenlang über dem Gefrierpunkt liegen, ist nicht normal. Es ist ganz und gar nicht normal. Aber es könnte das neue „Normal“ werden. Denn die Erde befindet sich mitten im Klimawandel, und immer öfter mitten in der Klimakatastrophe. Für die meisten Medien war das im vergangenen Winter kein Thema.

Wie lässt sich über ein Geschehen berichten, das regional und in der Zukunft immer öfter katastrophale Ausmaße annimmt? Ein Prozess, der sofort politisches Handeln erfordert, dessen Wirkung aber womöglich erst in Jahrzehnten erkennbar ist? Wie lässt sich wahrhaftig über den Klimawandel berichten, ohne Gefahr zu laufen, die Leserinnen und Leser gleich wieder zu verlieren?

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Das Problem mit dem Arktis-Thema ist: Die Arktis ist weit weg. Um die Nachrichtenschwelle zu überschreiten, muss sie schon gleich ganz geschmolzen sein oder zumindest ein menschliches Drama stattgefunden haben. Und dann die Erkenntnis, dass die Hitze in der winterlichen Arktis zwar noch außergewöhnlich ist, aber normal werden wird. Damit versinkt das Thema im Nachrichtenstrom, kaum dass es dort gelandet ist. An die Eisbären in den Städten der Arktis hat die Welt sich ja auch gewöhnt. Die lungern dort herum, weil das Meereis immer weniger wird und immer später kommt und ihnen so die Chance nimmt, sich genug Speck anzufressen, um im Frühjahr in der Lage zu sein, ihren Nachwuchs zu ernähren.

Klima ist komplex, und das Interesse an Details ist gering

Die globale Erhitzung ist ein erdgeschichtlich gesehen einmalig schneller Klimawandel, angefeuert durch die Verbrennung fossiler Energien wie Kohle, Öl und Gas durch die Menschen. Aber bezogen auf eine Zeit, in der in den USA ein Mann mit einer Aufmerksamkeitsspanne von unter fünf Minuten Präsident werden kann, ist das eine Ewigkeit.

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Dazu kommt: Das Geschehen ist komplex und nicht linear. Zwar lässt sich klar und eindeutig sagen: Je mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre eingelagert wird, desto stärker erhitzt sich der Planet. Doch welche Wirkungen das wo auf der Erde hat, ist keineswegs so eindeutig zuzuordnen. Die kalten Winter in Europa in den vergangenen drei Jahren können ebenso Folge der globalen Erhitzung sein wie die dramatisch schnelle Abfolge von verheerenden Dürren in Ostafrika.

Und doch ist keines dieser Ereignisse nur dem Klimawandel zu verdanken. Lokale Faktoren sind ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die Dürren in Ostafrika werden dramatischer, weil die Erde sich erhitzt. Aber die Entwaldung, die Übernutzung der kargen Böden, die Übernutzung der Wasservorräte tragen ebenfalls zu den katastrophalen Auswirkungen der Dürren bei. Es gibt eine Verantwortung der industrialisierten Staaten für diese Dürren, aber es gibt auch eine Verantwortung der lokalen und nationalen Politiker in dieser Region. Und die geben sie gerne an den globalen Norden ab.

Im Wettergeschehen spielt der Zufall auch weiterhin eine große Rolle. Wetter ist ein chaotisches Geschehen. Eine Linie lässt sich erst nach einer Beobachtung von mindestens 30 Jahren ziehen, wenn aus Millionen von Wetterereignissen Klimatrends ablesbar werden.

Die Protokolle helfen theoretisch, aber nicht in der Praxis

Die globale Erhitzung entzieht sich dem kurzlebigen Nachrichtengeschäft, und das bringt die Klimaberichterstattung in ein moralisches Dilemma. Um den Klimawandel zu stoppen und das Klima zu stabilisieren, hätte eine wirksame Klimapolitik direkt nach der Veröffentlichung des ersten Berichts des Weltklimarats (IPCC) 1990 beginnen müssen. Hätte die Welt damals kollektiv den jährlichen Treibhausgasausstoß um ein bis zwei Prozentpunkte gesenkt, stünde die Welt heute an der Schwelle zur Stabilisierung. Dann hätten auch die kleinen pazifischen und karibischen Inselstaaten vielleicht noch eine realistische Überlebenschance. Und eigentlich hat die Weltklimapolitik vielversprechend angefangen. 1992 hat die Weltgemeinschaft mit der Verabschiedung der Klimarahmenkonvention geschworen, einen „gefährlichen Klimawandel“ zu verhindern. Fünf Jahre später stand mit dem Kyoto-Protokoll der erste Weltklimavertrag.

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Tatsächlich hat diese theoretische Einigkeit wenig geholfen. Die USA haben das Kyoto-Protokoll von Anfang an untergraben. Aber auch die anderen Industrieländer hatten alle Mühe, die ihnen zugewiesenen Klimaziele zu erreichen. Schon in den späten 1990er Jahren war offensichtlich, dass das Handlungstempo nicht ausreichen würde, um die Welt vor der globalen Erhitzung zu bewahren. Die Weltgemeinschaft hat die Chance nicht genutzt, ihre Ökonomien mit Hilfe einer konsequenten Einsparung von Kohlendioxid (CO2) zu modernisieren. Noch immer gilt die Gewissheit des Reports des britischen Ökonomen Nicolas Stern von 2007, dass es um ein Vielfaches günstiger wäre, etwa ein Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in den Klimaschutz, die Befreiung der Energiesysteme vom Kohlendioxid-Ausstoß zu investieren, als dauerhaft für die Kosten des Klimawandels geradezustehen. Doch je länger das Nicht-Handeln anhält, desto ungünstiger wird die Rechnung. Denn inzwischen werden immer höhere Kosten für die Bewältigung der klimabedingten Wetterkatastrophen fällig, während gleichzeitig noch immer nicht genug in den klimaverträglichen Umbau der Weltwirtschaft investiert wird.

Die moralische Frage an die Klimaberichterstattung lautet deshalb: Warum habt Ihr uns nicht gewarnt, als es noch Zeit war? Warum sind die Folgen des Klimawandels nicht drastisch geschildert worden? Warum hat die Klimaberichterstattung überwiegend auf Katastrophen-Szenarien verzichtet, obwohl sich diese in der Vergangenheit als durchaus wirkungsvoll erwiesen haben? Das Waldsterben ist gestoppt worden, weil die Angst vor der Katastrophe im Forst der Politik Beine gemacht hat. Mithilfe von Filteranlagen sind die Industriezentren fit für die Zukunft gemacht worden und der Wald zumindest vor dem schadstoffbedingten Sterben bewahrt.

Wäre angesichts der ungleich größeren Gefahren nicht ein parteiischer, ja ein regelrechter Kampagnen-Journalismus nötig? Der britische „Guardian“ hat diese Frage für sich mit Ja beantwortet. Das Medienhaus hat seine Klimaredaktion massiv gestärkt und berichtet seit einigen Jahren mit hohem Einsatz und guter Qualität über viele Aspekte der globalen Erhitzung, der Klimapolitik und die Versuche der Verliererbranchen, vor allem der Erdölindustrie, in Sachen Klimawandel Konfusion zu erzeugen, die bis in die höchsten politischen Kreise reicht. Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hält den Klimawandel nicht für ein Problem und will die USA deshalb aus dem zweiten, viel umfassenderen Weltklimavertrag von Paris gleich wieder verabschieden.

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In Deutschland wäre eine solche journalistische Antwort auf die Klimagefahren kaum denkbar. Hierzulande wird Journalisten ohnehin gerne vorgeworfen, Kampagnen zu machen, anstatt zu berichten. Und in der aufgeheizten Atmosphäre, in der die bürgerliche und nicht bürgerliche Rechte die Medien für einen Teil eines politischen Komplotts (gegen wen eigentlich?) hält, wäre eine solche Klimaberichterstattung wenig wirkungsvoll. Katastrophenberichte erzeugen zwar Aufmerksamkeit, lösen aber auch Hilflosigkeit aus. Niemand will sich hilflos fühlen.

Klimanachrichten dringen kaum durch

Also verzichtet die Klimaberichterstattung meistens auf schrille Töne und bevorzugt den Kammerton. Der dringt allerdings im Konzert der Nachrichten kaum durch. Auch über die Tatsache, dass die Klimapolitik mehr als 25 Jahre Handlungsmöglichkeiten verloren hat, weil es an politischer Einigkeit fehlte und der Streit über die richtigen Methoden das Ganze noch weiter gebremst haben, verliert kaum ein Klimajournalist ein Wort. Zu sehr hat die Zunft die Erfahrung verinnerlicht, dass den Lesern oder Konsumenten von Medien eigentlich nur Nachrichten zuzumuten sind, in denen Probleme nicht nur benannt, sondern auch lösbar erscheinen. Denn offene Fragen oder unlösbare Probleme lösen beim Leser unangenehme Gefühle aus. Das könnte sie daran hindern, je wieder einen Text zum Klimathema zu lesen.

Also behilft sich die Klimaberichterstattung mit den im Nachrichtengeschäft auch anderweitig erprobten Methoden. Sie nutzt das Mittel der Personalisierung. Am Beispiel von realen Menschen wird darüber berichtet, was es bedeutet, wenn eine pazifische Inselgesellschaft langsam zerfällt und sich ein Staat wie beispielsweise Vanuatu nach und nach durch Migration selbst abschafft, weil auf den Atollen kaum noch ein Überleben möglich ist. Oder am Leben somalischer Flüchtlinge wird der Zusammenhang zwischen Dürre und politischer Krise erklärt. Als Klimamigranten müssen beide Gruppen immer öfter herhalten. Denn im gegenwärtigen politischen Klima ist alles, was Migranten womöglich fernhält, politisch durchsetzbar – und manche hoffen, mit diesem Argument auch Klimapolitik durchsetzbar zu machen. Für die Naturliebhaber gibt es Eisbär-Geschichten oder solche über die Klimaverschiebungen in Europa oder den inzwischen um mehr als eine Woche nach vorne verschobenen Frühlingsbeginn.

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Und es gibt terminlich wiederkehrende Berichtsanlässe: Jedes Jahr findet ein Weltklimagipfel statt, in diesem Jahr zum 23. Mal vom 6. November an in Bonn unter dem Vorsitz des pazifischen Inselstaates Fidschi. Und etwa alle sieben Jahre veröffentlicht der IPCC einen Bericht über den Zustand des Klimas. Er erscheint in drei Bänden. Der erste befasst sich mit der Physik des Klimawandels, die sich nicht mehr wirklich verändert, seit die Klimaforschung sie verstanden hat. Nur dass die realen Messergebnisse die Szenarien der ersten Berichte inzwischen überholt haben. Der zweite Bericht beschreibt die regionalen Wirkungen der globalen Erhitzung. All das, was im ersten Bericht schon als mögliche Folgen aufgeführt war, lässt sich jetzt mehr und mehr mit den realen Veränderungen in Ökosystemen abgleichen.

Wie soll man nicht alarmistisch sein, wenn die Katastrophe droht?

Der dritte Bericht befasst sich mit den Handlungsmöglichkeiten. Das ist der Report mit den größten Veränderungen. Denn zum einen gibt es inzwischen Praxiserfahrungen erfolgreicher CO2-Minderungspolitik. Und es zeigt sich, dass der Aufwand, einen „gefährlichen Klimawandel zu vermeiden“, zunehmend größer wird. Inzwischen reicht es eben nicht mehr, in einer überschaubaren Zeit bei null CO2-Emissionen zu landen. Das global als gerade noch handhabbar angesehene Ziel, die globale Erhitzung deutlich unter zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung (etwa um 1800) zu halten, ist inzwischen nur noch erreichbar, wenn bis zum Ende des Jahrhunderts auch „negative Emissionen“ dabei helfen. Das bedeutet: Die Welt muss der Atmosphäre Kohlendioxid entnehmen, um das Klima zu stabilisieren. Das kann durch Aufforstung passieren oder durch die Verbrennung von Pflanzen bei gleichzeitiger Abscheidung und unterirdischer Lagerung von CO2. Aber für diese Aufgabe gibt es absehbar gar keinen Fall, der solche Verfahren wirtschaftlich machen könnte. Eine Win-Win-Strategie dafür zu finden, ist schwer vorstellbar. Das ist nur denkbar, wenn größtmögliche globale Kooperation erreicht wird und einige Staaten aus moralischer Verantwortung die Kosten für die negativen Emissionen tragen werden.

Klimaberichterstattung versucht, die Dringlichkeit des Handelns deutlich zu machen, ohne in Katastrophismus zu verfallen; wahrhaftig über die Probleme zu schreiben, aber die Lösungen nicht aus den Augen zu verlieren. Klimaberichterstattung versucht, ein Dauerthema immer wieder neu ins Bewusstsein der Mediennutzer zu bringen, ohne sie in Panik zu versetzen und allzu sehr zu ärgern. Klimaberichterstattung wird so zur Kommunikationsaufgabe. Je mehr Zeit vergeht, in der die Klimapolitik erfolglos hinter den steigenden Emissionen herjagt, desto schwerer wird es, Klimajournalismus zu betreiben. Denn er kann irgendwann einfach nicht mehr darüber hinwegsehen, dass die Stabilisierung des Klimas die Basis für jede künftige Politik ist und nur eine emissionsfreie Weltwirtschaft eine Zukunft hat. Und spätestens dann entzieht sich Klimapolitik mehr und mehr der demokratischen Teilhabe, weil die Zeit immer knapper wird und das Problem derweil immer größer.

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