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22/01/2017

Klima-Risiko-Index: Deutschland das am stärksten betroffene Industrieland

Energie und Umwelt

Klima-Risiko-Index: Deutschland das am stärksten betroffene Industrieland

Elbe-Hochwasser in Dresden 2011.

[larsmlehmann/Flickr]

Deutschland ist laut dem aktuellen Klima-Risiko-Index der Umweltorganisation Germanwatch das vom Klimawandel am stärksten betroffene Industrieland.

Der Klimawandel trifft die Menschen in unterschiedlichem Maße – je nachdem in welcher Region sie leben. Ein Blick auf den Klima-Risiko-Index der Umwelt-NGO Germanwatch zeigt, dass die ärmsten Länder auf der Welt am stärksten von den Klimafolgen betroffen sind. Keine überraschende Erkenntnis: Doch allmählich mischen auch Industrieländer aus Europa in der Gruppe der Verliererstaaten im Kampf gegen den Klimawandel mit.

Serbien, Afghanistan sowie Bosnien und Herzegowina waren 2014 am stärksten von Extremwetterereignissen betroffen. „Starkregen, Überflutungen und Erdrutsche sind die dominierenden Schadensursachen im neuen Klima-Risiko-Index“, sagt Sönke Kreft, Hauptautor der am Donnerstag veröffentlichten Studie und Teamleiter für Internationale Klimapolitik bei Germanwatch. „Schäden durch zunehmenden Niederschlag sind ein Risiko, auf das sich die Menschen und Staaten in einer wärmeren Atmosphäre besser einstellen müssen.“

Langfrist-Index: Deutschland führt Industrienationen an

Mit Blick auf die vergangenen 20 Jahre sind jedoch Entwicklungsländer am stärksten vom Klimawandel betroffen: „Die Auswirkungen des Klimawandels sind nicht fair“, so Kreft. „Es trifft vor allem diejenigen, die am wenigsten dazu beigetragen haben und die sich am schlechtesten schützen können. Neun von den zehn im Index durch Wetterextreme meistbetroffenen Ländern der Jahre 1995 bis 2014 kommen aus der Gruppe der Staaten mit niedrigem oder unterem mittleren Einkommen.“

Die am stärksten betroffenen Länder seit 1995 sind Honduras, Myanmar und Haiti. Doch auch Deutschland hat mit extremen Wetterlagen zu kämpfen gehabt: Die schlimmsten Folgen hatte dies bei der Hitzewelle 2003, die mehrere Tausend Menschenleben forderte, bei Stürmen und wiederholt bei Hochwasserereignissen an Elbe, Donau, Rhein und Oder. Deutschland ist mit Rang 18 trotz der relativ geringen Betroffenheit im letzten Jahr im Langfrist-Index die am stärksten betroffene Industrienation.

Die Autoren der Germanwatch-Studie geben zu, dass die Auswertungen u?ber die Scha?den und Todesopfer keine Aussage daru?ber erlauben, welchen Einfluss der Klimawandel bei diesen Ereignissen hatte. Doch lasse sich ein Bild der Verwundbarkeit der Staaten zeichnen. „Dies kann als ein Warnsignal verstanden werden, sich auf zuku?nftig mo?glicherweise vermehrte und sta?rkere Extremereignisse durch Katastrophenvorsorge und Anpassung an den Klimawandel besser vorzubereiten.“

Auffallend sei, dass einige Länder immer wieder von folgenreichen Wetterextremen heimgesucht werden, so Kreft. Beispiele sind die Philippinen (2016 Rang 4), die in den vergangenen zehn Jahren siebenmal unter den zehn am stärksten betroffenen Staaten auftauchten und Pakistan (2016 Rang 5), das fünf Jahre in Folge unter den zehn hauptbetroffenen Ländern lag. „Unsere Ergebnisse sind auch ein Appell, dass das Pariser Abkommen ambitioniert und solidarisch ausfallen muss. Es muss ausreichend Schutz für die besonders verletzlichen Länder weltweit bieten“, so Kreft.

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Die Folgen des Klimawandels werden sich in Deutschland noch stärker bemerkbar machen. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts wird die Gefahr von Hochwassern oder Hitzewellen zunehmen. Damit wird das Schadenspotenzial des Klimawandels für Natur, Gesellschaft und Wirtschaft steigen. Das fand die so genannten Vulnerabilitätsanalyse heruas – einer umfassenden und deutschlandweiten Studie zur Verwundbarkeit gegenüber dem Klimawandel – die in der vergangenen Woche von 16 Bundesbehörden und –institutionen veröffentlicht wurde.

„Vor dem Hintergrund der Klimakonferenz und den aktuellen Warnungen über die möglichen Folgen der Klimaänderung wird deutlich, dass wir bis 2050 nicht nur die Dekarbonisierung erreichen, sondern Deutschland auch klimasicher machen müssen“, sagt die parlamentarische Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter.

Deutschlands Regionen werden unterschiedlich stark vom Klimawandel betroffen sein. So sind beispielsweise Ballungsgebiete in Ostdeutschland und dem Rheintal durch Hitzewellen besonders gefährdet. Hier kann bis zur Mitte des Jahrhunderts die Anzahl der heißen Tage pro Jahr auf 15 bis 25 Tage ansteigen. Heute gibt es acht bis zwölf solcher Tage mit einem Tagesmaximum der Lufttemperatur von mindestens 30 Grad Celsius. Im norddeutschen Tiefland könnte die Anzahl der Überschwemmungen durch Flusshochwasser zunehmen, Süddeutschland ist dagegen durch Überschwemmungen infolge von Starkregen besonders bedroht.

„Die Ergebnisse zeigen, was uns verletzlich macht, worauf wir uns vorbereiten müssen, welche Regionen besonders betroffen sein werden“, sagt Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes. „Wir müssen zukünftig noch mehr als bisher mit häufigeren Hitzewellen, Starkregen und Hochwasser rechnen.“

Hintergrund

Als Datenbasis für den Globalen Klima-Risiko-Index dient die Datenbank NatCatSERVICE der Münchener Rück unter Hinzunahme weiterer demographischer (Bevölkerungszahl) und wirtschaftlicher Daten (Bruttoinlandsprodukt) des Internationalen Währungsfonds. Germanwatch veröffentlicht den Index seit 2006 jährlich. Im Index 2016 sind zum einen extreme Wetterereignisse des Jahres 2014 und zum anderen solche Ereignisse für den Zeitraum 1995 bis 2014 erfasst (Langfrist-Index). Untersucht werden die menschlichen Auswirkungen (Todesopfer) sowie die direkten ökonomischen Verluste.