Kampf gegen Erderwärmung: Weltklimarat fordert Kohleausstieg

Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler (Nordrhein-Westfalen). Foto: dpa

Nur durch eine radikale Energiewende und der Abkehr von fossilen Brennstoffen lässt sich die Erderwärmung bremsen. Doch Bundesenergieminister Sigmar Gabriel badet sich in Unschuld und zeigt mit dem Finger auf Süd- und Osteuropa.

Die Aussichten des Weltklimarats (IPCC) sind düster: Von dem international vereinbarten Ziel, den Anstieg der Erderwärmung auf maximal zwei Grad über der vorindustriellen Zeit zu halten, sind die Staaten weit entfernt. Dem am Montag in Berlin vorgestellten Bericht zufolge hat es zwischen 2000 und 2010 den stärksten Emissionsanstieg der vergangenen 30 Jahre gegeben. Machten die Staaten weiter wie bisher, gebe es eine Erwärmung von voraussichtlich 3,7 bis 4,8 Grad bis 2100, so das IPCC.

Bei der offiziellen Vorstellung des IPCC-Berichts lobte Bundesenergieminister Sigmar Gabriel Deutschland als weltweiten Vorreiter beim Klimaschutz. „Wir sind seit zwei Jahrzehnten auf Wachstumskurs und haben gleichzeitig unsere Treibhausgasemissionen um 25 Prozent gesenkt“, so der SPD-Minister. Dennoch würden beim Kampf gegen den Klimawandel Länder wie China, Indien und Brasilien nicht mitziehen. Das läge am Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaftsinteressen und Umweltschutz, erklärte Gabriel. 

Solange bei den internationalen Klimaschutzverhandlungen nur Umweltminister und NGOs teilnähmen und Wirtschaftspolitiker außen vor blieben, würde es keine deutlichen Fortschritte beim Klimaschutz geben. „Es verhandeln die falschen Leute“, so Gabriel.

„Unsere EU-Partner halten uns für verrückt“

Derzeit verhandelt die EU über die Klimaschutzziele bis 2030. Deutschland setzt sich laut Gabriel für starke Kriterien ein – im Vergleich zu 1990 sollen die Treibhausgasemissionen auf dem Kontinent sinken, der Anteil der Erneuerbaren Energien auf 30 Prozent steigen. Leider stünde Deutschland gemeinsam mit den skandinavischen Ländern alleine da, was auch mit der Finanz- und Wirtschaftskrise zu tun habe, so der Energieminister.

„Mitgliedsstaaten aus Süd- und Osteuropa waren bei den Verhandlungen für die 2020-Ziele noch unsere stärksten Partner“, erinnert sich Gabriel. Jetzt habe etwa in Südeuropa der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit Priorität. Ähnlich wie Länder in Osteuropa, etwa Polen, glaubten sie, dass der Klimaschutz eine zu schwere Last auf ihren Schultern sei. „Hinter geschlossenen Türen halten sie uns für verrückt. Sie glauben, es sei unmöglich unsere vorgeschlagenen Ziele zu erreichen“, erklärte Gabriel.

Sonne, Wind und Atomkraft statt fossile Energie

Treibende Kraft des Klimawandels ist laut der IPCC-Expertengruppe das weltweite Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum. Die Verbrennung von fossilem Treibstoff sowie die Belastungen durch die Industrie hätten einen maßgeblichen Anteil am steigenden CO2-Ausstoß. Zudem sei der Anteil von Kohle am Energiemix angewachsen, was zu einer erhöhten Kohlenstoffdioxid-Intensität der Weltwirtschaft geführt habe.

Nur eine deutliche Verschiebung der Investitionen kann Abhilfe schaffen – weg von fossilen und hinzu erneuerbaren und kohlenstoffarmen Energien. „Um eine gefährliche Veränderung des Klimasystems zu vermeiden, müssen wir uns von der bisherigen Art des Wirtschaftens verabschieden“, erklärte der Co-Vorsitzende des aktuellen IPCC-Berichts, Ottmar Edenhofer

Genau an diesem Punkt zeigen die UN-Experten „bescheidene Hoffnung“, dass die internationale Gemeinschaft das Zwei-Prozent-Ziel doch noch erreicht und somit die Folgen des Klimawandels beherrschbar hält. Nötig sei eine radikale Energiewende, eine weltweiten Verlagerung von fossilen Brennstoffen auf eine weitgehend nachhaltigere Energiegewinnung – auf Sonne, Wind und auch Atomkraft – und zwar so früh wie möglich. 

Die große Wende ist bezahlbar

„Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten“, erklärte Edenhofer. Nach IPCC-Berechnungen schlägt die notwendige Abkehr von fossilen Brennstoffen bei einem Wirtschaftswachstum von 1,6 bis 3 Prozent im Jahr mit einem Minus von rund 0,06 Prozentpunkten zu Buche. In dieser Rechnung sind laut Edenhofer positive Effekte der Reduzierung des CO2-Ausstoßes noch gar nicht eingerechnet – etwa die verringerten Auswirkungen des Klimawandels oder die Verbesserung der Luftqualität, zum Beispiel in China. 

Es bleibe ein Zeitfenster von maximal zwei Jahrzehnten, um zu moderaten Kosten reagieren zu können, mahnte Edenhofer. Dabei gelte: Je weniger die Emissionen bis 2030 reduziert würden, desto schneller müssten die Emissionen 2030 und 2050 sinken. Dann kämen neue, wenig erprobte Technologien zum Einsatz, um Kohlendioxid aus der Luft zu saugen. Diese seien jedoch noch nicht einsatzbereit und mit neuen Risiken behaftet.

Umweltorganisationen nahmen die Ergebnisse der UN-Experten mit Optimismus auf. „Eine globale Energiewende ist keine Belastung, sie ist eine Chance. Mit minimalen Kosten lassen sich die dramatischsten und teuren Folgen des Klimawandels verhindern“, sagte Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid. „Der IPCC-Bericht ist unmissverständlich. Unsere Energieversorgung muss nachhaltig, sicher und CO2-frei werden.“

Annalena Baerbock, Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, sieht in dem IPCC-Bericht einen klaren Handlungsauftrag an die Große Koalition: „Klimaschutz heißt: raus aus der Kohle. Die Bundesregierung muss die Energiewende ernsthaft und zügig umsetzen statt am Klimakiller Kohle festzuhalten.“

Das Wort „Kohle“ kam in der Rede von Gabriel nicht einmal vor. Das ist verwunderlich, fungierte doch Gabriel in den vergangenen Monaten als glühender Verfechter der Kohleförderung. 

Der Bundesenergieminister hofft auf eine geschlossene Haltung der europäischen Staats- und Regierungschefs bis zum Herbst diesen Jahres. „Wenn nicht, werden wir uns sehr schwer damit tun, andere Länder zu überzeugen, mehr für den Klimaschutz zu tun.“

Barbara Hendricks (SPD, Bundesministerin für Umwelt): "Wir müssen jetzt alles daran setzen, im Klimaschutz beherzt voran zu gehen. Deutschland kann dabei eine wichtige Rolle spielen, wenn wir der Welt am praktischen Beispiel zeigen, dass Klimaschutz in einem Industrieland funktioniert. Auf nationaler Ebene wollen wir nun in allen Bereichen nach den effizientesten Lösungen für den Klimaschutz suchen, um unsere ehrgeizigen Ziele zu erreichen. Auf internationaler Ebene ist es wichtig, dass in diesem und nächsten Jahr die Weichen für ein verbindliches, weltweites Abkommen für die Zeit nach 2020 gestellt werden. Europa muss hier die Führung übernehmen. Darum wollen wir so schnell wie möglich ein EU-weites Klimaziel von mindestens 40 Prozent bis 2030 festlegen. Der Bericht des Weltklimarats zeigt, dass erneuerbare Energien und Energieeffizienz zentrale Bausteine für mehr Klimaschutz sind. Darum brauchen wir auch eigene Ziele für diese beiden Bereiche."

Annalena Baerbock (Klimapolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag): "Ohne eine massive Reduktion der CO2-Emissionen und ohne einen fundamentalen Wandel in der globalen Energieversorgung wird die Klimakatastrophe nicht beherrschbar sein. Daran gibt es keinen Zweifel mehr. Der IPCC stellt klar, dass die deutlich angestiegenen CO2-Emissionen der vergangenen zehn Jahre auf einen zunehmenden Anteil von Kohlekraft im globalen Energiemix zurückzuführen sind. Daran hat auch Deutschland seinen Anteil, denn trotz des Ausbaus der Erneuerbaren Energien gehört Deutschland zu den TOP 10 der schlimmsten Klimasünder weltweit. Es kann nicht sein, dass wir trotz des Wissens um den Klimawandel und seinen gefährlichen Folgen, weiter steigende CO2-Emissionen in Kauf nehmen. 

Der Bericht ist ein klarer Handlungsauftrag an die Politik: Es ist höchste Zeit, dass die Bundesregierung ihre falsche Politik korrigiert. Deutschland muss endlich wieder Vorreiter werden und Motor eines globalen Klimaschutzes. Klimaschutz heißt: raus aus der Kohle. Die Bundesregierung muss die Energiewende ernsthaft und zügig umsetzen statt am Klimakiller Kohle festzuhalten und einen Bestandsschutz für Braunkohlekraftwerke wie Neurath und Jänschwalde auszustellen. Zur Erinnerung: Allein Neurath, das schmutzigste Kraftwerk Deutschlands, stößt so viel CO2 aus wie die 65 emissionsärmsten Länder zusammen."

Karstin Smid (Greenpeace Deutschland): "Eine globale Energiewende ist keine Belastung, sie ist eine Chance. Mit minimalen Kosten lassen sich die dramatischsten und teuren Folgen des Klimawandels verhindern. Der IPC-Bericht ist unmissverständlich. Unsere Energieversorgung muss nachhaltig, sicher und CO2-frei werden. Die Botschaft ist auch bei Investoren angekommen, Das 21. Jahrhunderts hat mit einem Kohlejahrzehnt begonnen, doch es wird sich in das Jahrhundert der Erneuerbaren Energien wandeln.“

Harald Uphoff (Geschäftsführer vom Bundsverband für Erneuerbare Energien): "Der Weltklimarat weist eindringlich darauf hin, dass eine Anpassung an den Klimawandel nicht reicht. Wir müssen aktiv gegen die Erwärmung vorgehen, wenn wir noch mehr Unwetter, Dürren und einen weiteren Anstieg der Meeresspiegel und damit viel menschliches Leid verhindern wollen. Atomkraft ist lebensgefährlich und extrem teuer, und die Abscheidung von Kohlendioxid ist ineffizient und verzögert nur die Umstellung von Kohle auf saubere und nachhaltige Energien."

Der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) – auch Weltklimarat genannt – ist eine Tochterorganisation der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Das IPCC hat die Aufgabe, in regelmäßigen Abständen das Wissen auf dem Gebiet des Klimawandels, der zu erwartenden Klimafolgen und der Möglichkeiten, den Klimawandel einzudämmen, zusammenfassend darzustellen. 

Thema des ersten Teiles, der bereits im Herbst 2013 erschien und in Stockholm präsentiert wurde, sind die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels. Der vor wenigen Wochen in Yokohama vorgelegte zweite Teil warnte in deutlichen Worten, dass bei einem unveränderten Anstieg der Emissionen durch die Erderwärmung hohe Risiken für Mensch und Ökosysteme entstehen. In vielen Regionen würden Ernten zerstört, Überschwemmungen und Hitzewellen auftreten. Auch Armut und Wirtschaftskrisen nähmen zu, die Grund für gewaltsame Konflikte sein könnten.

Der dritte Teilbericht – der Beitrag von Arbeitsgruppe III mit dem Titel "Mitigation of Climate Change" zum 5. Sachstandsbericht des IPCC – wurde am Montag (14. April 2014) in Berlin vorgestellt und stellt den Stand der Forschung zum Klimaschutz dar. 

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