Japanisches Dorf will 2020 abfallfrei sein

Eine Einwohnerin der japanischen Kleinstadt Kamikatsu zerschneidet eine Kartonverpackung, um sie ordnungsgemäß zu recyceln. [Youtube Screenshot]

Ein japanisches Dorf will bis 2020 die erste abfallfreie Gemeinde der Welt sein und hat bereits heute eine Recyclingquote von 81 Prozent erreicht. Ein Mitglied der japanischen Zero Waste Academy erklärt gegenüber EURACTIV, diese Leistung könne auch anderswo nachgeahmt werden.

Akira Sakano ist stellvertretende Geschäftsführerin der Zero Waste Academy, einer gemeinnützigen Organisation. Außerdem leitet sie die Null-Abfall-Strategie der Stadt Kamikatsu.

Sakano sprach am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos mit Claire Stam von EURACTIV.

Das rund 1.700 Einwohner zählende Kamikatsu war die erste Gemeinde Japans, die bereits 2003 eine Politik zur Abfallvermeidung förderte. Fünfzehn Jahre später trennen die Einwohner ihre Abfälle auf 45 Arten in 13 Müll-Kategorien. Damit wollen sie es ab 2020 schaffen, ohne jegliche Müllverbrennungsanlagen oder Deponien auszukommen.

„Null Abfall ist eine Vision. Die Vision, eine Gesellschaft aufzubauen, die einen nachhaltigen, abfallfreien Lebensstil führt – ohne Verbrennung oder Deponierung,“ erklärt Akira Sakano. Dabei seien die bekannten „drei Rs“ („reduce, reuse, recycle“, also: reduzieren, wiederverwenden, recyceln) ebenso von zentraler Bedeutung wie die „vier Ls – lokal, kostengünstig, wirkungsarm und mit wenig Technologie [local, low cost, low impact, low tech]“.

Auf diese Weise habe die Stadt eine Recyclingquote von 81 Prozent erreicht, im Vergleich zu 20 Prozent in ganz Japan. „Das hat etwas Erhebendes, Ermächtigendes. Wir können dem Rest der Welt zeigen, dass Veränderungen möglich sind. Wenn wir gemeinsam handeln, dann können wir große Veränderungen erreichen,“ glaubt die Projektverantwortliche.

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„Ich komme ursprünglich aus der Stadt, aber 2014 zog ich nach Kamikatsu und trat dort der Gemeinde bei. Es ist meine Überzeugung, dass man durch das Handeln vor Ort, auf lokaler Ebene, erfolgreicher sein kann als in einer Großstadt,“ so Sakano.

Um das Ziel Abfallfreiheit zu erreichen müssten aber die Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse neu gestaltet werden: „Zwischen den Plänen der politischen Entscheidungsträger und ihrer Umsetzung vor Ort besteht eine große Diskrepanz. Das ist eine wirklich sehr große Herausforderung.“

Alle Beteiligten müssten vor allem ein tieferes Verständnis der Abfallwirtschaft- und Recycling-Branche bekommen, erläutert die Abfall-Expertin.

Als Aktivist könne man auch auf positive Nebeneffekte aufmerksam machen: „Ein Beispiel: Wenn Ihre Region Unternehmen hat, die recycelte Materialien verwenden, müssen Sie den Beamten und Politikern erklären können, dass dies eine Grundlage für die Kreislaufwirtschaft ist. Das Recycling wirkt sich wiederum positiv auf die lokale Wirtschaft aus.“

Darüber hinaus würden sich auch die Bürger aktiver an dem Projekt beteiligen. Es habe einen positiven Effekt, gemeinsam mit Freunden und Nachbarn aktiv zu werden.

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Drastische Wende

Sakano erinnert sich, dass Kamikatsu bis Anfang der 2000er Jahre dem bis dahin üblichen japanischen Weg der Entsorgung von Abfällen folgte: Der Müllverbrennung. Schließlich habe die japanische Regierung jedoch strenge neue Vorschriften eingeführt, um die schädlichen Dioxinemissionen zu reduzieren.

Für ihr Dorf habe dies bedeutet, „dass die Gemeinde ihre Verbrennungsanlage schließen und eine wirtschaftliche und ökologische Alternative finden musste. Das zwang die Einwohner, die Entsorgung ihrer Abfälle grundlegend zu überdenken. So ist das Null-Abfall-Projekt entstanden.“

Nach der Schließung der lokalen Verbrennungsanlage liegt die nächste derartige Anlage nun weiter entfernt in einer Nachbarstadt. Daraus folgt: „Es würde uns sechs Mal mehr kosten, die Abfälle abzutransportieren und [dort] zu verbrennen als sie zu recyceln.“

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Laut Sakano erhalte ihr Dorf inzwischen immer mehr Zuspruch und werde zunehmend Ziel von Besuchern aus dem Ausland. „Für uns heißt das auch: Wir können gemeinsam handeln, indem wir unsere Erfahrungen und unser Fachwissen austauschen und weitergeben.“

Ihr ist bewusst: „Als kleine Lokalgemeinde können wir nicht ändern, wie das gesamte System funktioniert. Aber wir sind alle auf die eine oder andere Weise auf der ganzen Welt miteinander verbunden, und wir können weltweit führenden Unternehmen zeigen, dass es möglich ist, eine Recyclingquote von 80 Prozent zu erreichen.“

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Dabei gehe es nicht ausschließlich um die Reduzierung von Müll und um weniger Material- und Ressourcenverschwendung. In Kamikatsu erlebe man nun auch eine „wirtschaftliche und soziale Wiederbelebung unserer Gemeinschaft“, fügt sie hinzu.

Globale Unternehmen und auch die Politik könne am Beispiel Kamikatsu lernen, „was auf lokaler Ebene geschieht, denn hier finden tatsächlich konkrete Aktionen statt. Und diese Aktionen können als der notwendige erste Schritt zu einem größeren Schritt angesehen werden,“ so Sakano weiter.

Tatsächlich hat das Thema „Kreislaufwirtschaft“ in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Wandel durchlaufen. Zunächst als ein eher vages Konzept betrachtet, ist es heute beispielsweise auf EU-Ebene zu einer politischen Priorität geworden. Kürzlich erhielt die Europäische Kommission dafür in Davos sogar eine Auszeichnung.

Bearbeitet von Sam Morgan & Tim Steins

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