Internationale Energieagentur zeigt eklatante Lücke auf dem Weg zu Pariser Klimazielen

Bis 2030 müssten 78 Prozent der weltweiten Kohlekraftwerkskapazitäten stillgelegt werden. Aber zahlreiche neue sind noch Bau. [Lane V. Erickson/ Shutterstock]

Im Energiebericht 2019 haben internationale Forscher berechnet, was es zum Erreichen der Pariser Klimaziele braucht. Die Zahlen zeigen, dass zwischen den politisch gesteckten Zielen und dem, was für Paris nötig wäre, noch immer eine weite Lücke klafft.

Es ist, gelinde gesagt, ein sehr ernüchterndes Bild, das der heute erschienene Energiebericht der Internationalen Energieagentur IEA aufzeigt: Um die Pariser Klimaziele noch zu erreichen und die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, werden die derzeitigen Klimapläne um ein Vielfaches angehoben werden müssen. Der Bericht zeigt klar, wie groß die Lücke zwischen den Pariser Zielen und der Realität ist. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir die Klimaziele verfehlen“, sagte IEA-Chef Fatih Birol gegenüber dem Handelsblatt. Im Moment laufe alles „in die falsche Richtung.“

Auf über 800 Seiten haben zahlreiche internationale Wissenschaftler hochgerechnet, wie das 1,5-Grad Ziel noch erreicht werden könnte. Dabei gehen die Forscher kaum noch von einem „Business-as-usual“ Szenario aus, sondern beziehen die politisch angekündigten Maßnahmen als Vergleichsszenario mit ein. Demnach würde, wenn alle politischen Pläne eingehalten werden, der weltweite Energiebedarf bis 2040 um ein Viertel im Vergleich zur Jahrtausendwende ansteigen. Um die Pariser Ziele einzuhalten, und unter Einbeziehung des erwarteten Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums, darf der primäre Energiebedarf der Welt aber überhaupt nicht steigen, so die Studie. Dazu dürfte die Industrie kaum mehr Energie verbrauchen als heutzutage, im Gebäude und Transportsektor müsste der Verbrauch durch energieeffizientere Verfahren sogar deutlich sinken. So müsste der Energiekonsum von Gebäuden bis 2040 um mehr als zehn Prozent fallen.

Forschung: Pariser Klimaziel schon jetzt nicht mehr erreichbar?

Nach neuen Prognosen liegt das im Pariser Klimaabkommen festgelegte Ziel von bestenfalls 1,5 Grad Celsius Temperaturerhöhung bereits außer Reichweite. Im optimistischsten Szenario werde bis 2060 ein Anstieg von 1,9 Grad erreicht.

Gleichzeitig wird der Energiebedarf in allen Szenarios zunehmend durch Strom gespeist. Laut der politisch gesetzten Ziele dürfte die weltweite Stromproduktion bis 2040 um 13.000 Terrawattstunden (TWh) im Vergleich zu heute ansteigen, der Anteil erneuerbarer Energien würde von heute 26 Prozent auf 44 Prozent steigen. Im Idealszenario müssten die Zahlen aber höher liegen: der Gesamtenergieverbrauch läge dann bei 35.000 TWh zusätzlich, davon müssten zwei Drittel aus erneuerbaren Energien bereitgestellt werden. Derzeit gilt in der EU das Ziel von 32 Prozent bis 2030.

Insgesamt sollte sich der wachsende Hunger nach Strom allerdings verlangsamen, denn Gebäude, Maschinen, Industrieprozesse und Transportmittel werden immer energieeffizienter. Das wird allerdings zusätzliche Milliardenbeträge im Vergleich zu den jetzt schon hohen Kosten der Energiewende mit sich bringen, rechnen die Forscher aus: Derzeitige Pläne sehen weltweite Investitionen von 11,3 Billionen Dollar für die Energieeffizienz vor. Im Sinne der Pariser Klimaziele müssten mindestens 16,7 Billionen Dollar fließen.

Öl und Kohle werden stark reduziert, Gasbedarf steigt bis 2030

Trotz des starken Ausbaus erneuerbarer Energien wird die Welt auch im kommenden Jahrzehnt noch stark an Öl und Gas hängen. „Das Wachstum der Nachfrage bleibt bis 2025 robust“, so IEA-Direktor Fatih Birol. In den 2030er Jahren würde der realistische Ölbedarf dann aber deutlich nachlassen, hier hat die IEA ihre Prognose im Vergleich zu letztem Jahr um die Hälfte gesenkt.

Auch Kohle dürfte stark abnehmen. Ungefähr um das Jahr 2030 könnte sie vom deutlich emmissionsärmeren, aber immer noch fossilen Erdgas überholt werden, so die Prognose der Forscher. Besonders dem Erdgas kommt eine entscheidende Rolle zu: Um 35 Prozent soll der weltweite Bedarf ansteigen. Grund dafür ist unter anderem das Überangebot an billigem Schiefergas, das in den USA durch Fracking gefördert wird. Bis zum Jahr 2025 werden die USA so voraussichtlich Russland bei der Förderung von Erdgas und -öl überholen. Größter Konsument ist und bleibt China, gefolgt von Indien.

Die Revolution der Stahlindustrie

Um die europäischen Klimaziele einzuhalten, muss sich die Stahlindustrie neu erfinden. Viele Konzerne setzen auf Wasserstoff als Wunderlösung, um fossile Brennstoffe zu ersetzen. Aber obwohl die Technologien längst existieren, bleibt der Traum vom „grüner Stahl“ in weiter Ferne.

Soweit das wahrscheinliche Szenario. Um die Pariser Klimaziele zu erfüllen, müsste aber auch das Gas deutlich zurückgefahren werden, auch wenn es als Schlüsseltechnologie gilt, um Schwankungen der erneuerbaren Energien auszugleichen. Ab 2030 müsste Erdgas demnach durch besserere Batterientechniken, Effiziensteigerungen und umweltfreundlicher Gase wie Wasserstoff und Biomethan reduziert werden. Noch dringender steht es um Kohle und Erdöl, die von jetzt an mit jeweils drei und 1,5 Prozent pro Jahr stetig abnehmen müssten. Bis 2030 müssten 78 Prozent der weltweiten Kohlekraftwerkskapazitäten stillgelegt werden, gibt der Weltklimarat IPCC an. Aber das ist unrealistisch, denn derzeit sind weltweit zahlreiche neue Kohlekraftwerke, vor allem in Asien, in Planung. Ihre Lebenserwartung beträgt im Schnitt 40 Jahre.

1,5 Grad Ziel nur noch durch Speicherung von CO2 erreichbar

Mit Blick auf die CO2-Emmissionen zeigt sich: Um die Erwärmung unter 1,5 Grad zu halten, müssten die weltweiten Emissionen aus der Energieproduktion etwa um 2030 herum ihren Höhepunkt erreichen und danach deutlich sinken. Das ist im derzeit absehbaren Szenario nicht der Fall. Würde es gelingen, die energiebedingten Emissionen bis 2070 auf Null zu senken, bestünde immerhin eine Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent, dass die Erderwärmung auf 1,8 bis 1,65 Grad reduziert werden könnte. Dazu bräuchte es aber, so das Fazit der Forscher, „schnelle, tiefgehende und noch nie da gewesene Änderungen“. Die angestrebten 1,5 Grad wären sogar nur noch mithilfe von Negativemissionen, als dem Binden von CO2 aus der Atmosphäre, erreichbar, und auch dann nur mit einer Chance von 50 Prozent.

Studie: Nur 16 Staaten erfüllen Pariser Klima-Zusagen

Nur 16 der 197 Länder haben einen Klimaaktionsplan definiert, der ehrgeizig genug ist, um die tatsächlichen Zusagen auch zu erfüllen.

Mit ihrer Einschätzung steht die IEA nicht alleine. Im September führten mehrere französische Wissenschaftsinstitutionen eine Analyse großer Datenmengen aus und kamen zu einem ähnlichen Schluss: „Keines unserer aktuellen Modelle lässt uns den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen“ sagte Olivier Boucher, Leiter des Klimamodellierungszentrums französischen Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung. Es brauche daher größte Anstrengungen um den Schaden zumindest einzugrenzen.

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