Industrieallianz fordert Beimischung von Wasserstoff in Gasnetze

Während die Industrie von kurz- bis mittelfristigen Vorteilen spricht, warnen Umweltschutzverbände davor, sich zu sehr auf die Beimischung von Wasserstoff in die Erdgasnetze zu verlassen. [Enagas]

Mehr als 90 Energieunternehmen, Ausrüstungshersteller und Gasnetzbetreiber haben die Europäische Kommission aufgefordert, die Beimischung von Wasserstoff zu Erdgas zumindest für Teile Europas zu erwägen, die in naher Zukunft noch nicht auf ein spezielles Wasserstoffnetz zugreifen können.

In ihrem gemeinsamen Brief betonen die CEOs die Bedeutung der Wasserstoffbeimischung als „Übergangslösung“ für südliche und östliche EU-Regionen, die bisher nicht über eine umfangreiche Gasinfrastruktur verfügen, die für den Transport von reinem Wasserstoff umgerüstet werden kann.

Der Hintergrund: Länder in Nordwesteuropa – Belgien, die Niederlande sowie die hochindustrialisierten Gebiete Frankreichs und Deutschlands – planen hingegen den direkten Übergang zu einem eigenen Wasserstoffnetz, basierend auf der Umnutzung bestehender Gasanlagen. In vielen südlichen und östlichen EU-Regionen ist das Gasnetz hingegen nicht so engmaschig. Daher könne die Beimischung von Wasserstoff einen Übergangsschritt zum Ausbau der Wasserstoffproduktion auf der Grundlage eines dezentralen Erzeugungsmodells darstellen, argumentiert die Koalition.

„Wasserstoffbeimischung kann eine besonders kosteneffiziente Übergangsoption in jenen europäischen Regionen sein, in denen es keine parallelen oder doppelten Netze gibt oder keine (potenziell) verfügbare Gasinfrastrukturkapazität, die kurzfristig leicht für Wasserstoff umgewidmet werden kann“, heißt es in dem Brief.

Osten der EU will verstärkt auf Wasserstoff setzen

Bestehende Gasnetze sollten künftig für den Transport von Wasserstoff umgenutzt werden und somit helfen, die Nachfrage zu steigern, meinen Politiker aus dem Osten der EU.

Zu den Unterzeichnern gehören Energieversorger wie Enagas, EnBW und Naturgy sowie Turbinenhersteller wie General Electric und Baker Hughes. Andere sind Heizgeräteproduzenten wie Bosch, Viessman und Vaillant, Hersteller von Wasserstoff-Brennstoffzellen (Hexis, Sunfire) sowie Elektrolyseur-Hersteller (ITM Power, Lhyfe).

Der Brief hat auch die Unterstützung von Gasnetzbetreibern aus 15 verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten gefunden. In Frankreich hat sich der Verteilernetzbetreiber angeschlossen, was den Fokus der Koalition auf kleinere, dezentrale Wasserstoffproduktion widerspiegelt.

„Es gibt viele Solar- und Windparks in ganz Europa, die nicht immer in der Nähe von Verbrauchszentren liegen,“ erklärte eine Quelle aus der Industrie im Gespräch mit EURACTIV.com. Einige der Betreiber seien auf der Suche nach einer Diversifizierung ihrer Einnahmen, und Wasserstoff könne eine praktikable Lösung bieten.

„Es wird erwartet, dass die Beimischung eine Übergangslösung sein wird, aber sie hat mehrere Vorteile,“ heißt es in dem Brief. Schließlich werde mit der Einspeisung von Wasserstoff in Gastransport- und -verteilungsleitungen erneuerbare und kohlenstoffarme Energie für Verbraucher bereitgestellt, die derzeit an das Gasnetz angeschlossen sind. „Die kurz- und mittelfristige Verwendung von Gas-Wasserstoff-Gemischen erzielt eine größere Treibhausgasreduzierung bei geringeren Systemkosten als die Verwendung von ausschließlich neuer dedizierter Infrastruktur zur Lieferung von Wasserstoff,“ heißt es in dem Schreiben weiter.

Und: „Es ermöglicht den Aufbau von Wasserstoffproduktionskapazitäten und die Entwicklung von Skaleneffekten, die einen positiven Business Case für den Übergang zu einem Wasserstoffsystem begünstigen dürften.“

EU-Wasserstoffstrategie

Der Brief nimmt Bezug auf die im Juli letzten Jahres vorgestellte Wasserstoffstrategie der Europäischen Kommission, die darauf abzielt, die Produktion von „grünem Wasserstoff“, der zu 100 Prozent aus erneuerbarem Strom erzeugt wird, zu steigern.

Als Teil dieser Pläne strebt die Kommission die Entwicklung einer „speziellen Wasserstoffinfrastruktur“ an, die sich größtenteils auf die Umnutzung und Weiterverwendung bestehender Gasnetze stützen wird, um die Übergangskosten zu reduzieren, bestätigte auch Frans Timmermans, der EU-Klimachef.

Wasserstoff: Große Träume und noch viel Infrastruktur-Arbeit

Die Europäische Kommission wird Anfang nächsten Monats mit einen großen Vorstoß für den Einsatz von Wasserstoff herauskommen, aber es gibt Bedenken, ob die bestehende Infrastruktur die Nachfrage decken kann.

Gasunternehmen in Europa erwägen nun, das bestehende Gasnetz zu nutzen, um vor allem „Cluster“ potenzieller Wasserstoffverbraucher in Sektoren wie Chemie, Zement und Stahlerzeugung zu bedienen, die sich vor allem im Norden Europas befinden.

Im vergangenen Juli hatte eine Gruppe von Gasinfrastrukturunternehmen aus neun EU-Mitgliedsstaaten Pläne vorgestellt, bis 2040 ein eigenes Wasserstoff-Pipelinenetz von fast 23.000 km Länge zu schaffen. Das vorgeschlagene Netz würde zunächst durch Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Belgien verlaufen; Erweiterungen sind dann nach Italien, Spanien, Tschechien, Dänemark, Schweden und in die Schweiz geplant.

Der Fokus auf ein reines Wasserstoffnetzt ignoriert jedoch die Bedürfnisse abgelegenerer Regionen, die von einer Beimischung von Wasserstoff in Gasnetze profitieren würden, wird im jüngsten Schreiben jedoch angemerkt.

Umweltorganisationen nicht einig

Umweltschutzorganisationen sind jedoch skeptisch gegenüber Wasserstoffbeimischungen und betonen, dass dies wohl „keine Option“ sei, weil „es die Tür für die weitere Verwendung von fossilem Gas offen lässt“ – so jedenfalls CAN Europe.

Darüber hinaus argumentiert CAN, dass die Nachfrage nach Wasserstoff im Verkehr oder in der Schwerindustrie „nicht mit fossilem Gas befriedigt werden kann, das einen begrenzten Anteil an Wasserstoff enthält, da für viele Anwendungen der Wasserstoff in seiner reinen Form benötigt wird“.

Erneuerbar oder nur "low-carbon"? EU-Länder streiten über Wasserstoff

In der EU stehen sich zwei gegensätzliche Lager gegenüber: die Befürworter von grünem Wasserstoff, der ausschließlich aus erneuerbarem Strom hergestellt wird, und die Befürworter einer breiter gefassten Definition von „CO2-armen“ Produktionsmöglichkeiten, die auch Kernkraft und dekarbonisierte Gase einschließt.

Andere sind in ihrem Urteil vorsichtiger: „Wasserstoffmischung ist ein heikles Thema,“ räumt Gniewomir Flis ein, Forscher beim Think-Tank Agora Energiewende. „Auf der einen Seite kann ich die Vorteile der Beimischung von sauberem Wasserstoff in Regionen ohne parallele oder doppelte Gasnetze sehen, oder dort, wo es kurz- bis mittelfristig keine Pläne für eine größere Umnutzung gibt,“ so Flis gegenüber EURACTIV.com per E-Mail.

„Eine maximale Beimischung von 20 Prozent entspricht jedoch nur einer CO2-Reduktion von etwa sieben Prozent,“ so Flis weiter, was darauf hindeute, dass die Vorteile für das Klima doch eher begrenzt seien.

Flis wies auf drei weitere Probleme bei der Beimischung von Wasserstoff hin. Das erste bezieht sich auf die grenzüberschreitende Kompatibilität von Gasgemischen – ein Problem, das seiner Meinung nach durch die Einführung eines paneuropäischen Standards gelöst werden könnte.

Ein zweites Problem betrifft die Industrie-Kompatibilität. „Industrielle Prozesse sind fein abgestimmt, und Änderungen an der Beimischung können zu Schäden oder zumindest suboptimalen Erträgen führen. Ein „Entmischen“ an der Abnahmestelle könnte dieses Problem lösen, ist aber mit zusätzlichen Kosten verbunden,“ so Flis.

Und schließlich sieht auch er das Risiko, dass das sogenannte Blending „als Vorwand benutzt wird, um die aktuelle Gasinfrastruktur und die Rohstoffströme an Ort und Stelle zu halten, mit der Absicht, tiefergehende, kostspieligere Umnutzungsbemühungen zu verzögern.“

> Den kompletten Brief der Industrie-Allianz können Sie unten lesen oder hier herunterladen.

Open Letter on Hydrogen Blending_17 Mar 2021_Final_SENT

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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