Höchster Ölpreis seit März, aber deutlich unter 2019er-Preisen

Eingeschränkte Reisetätigkeit und Lockdowns hatten den Ölpreis zwischen Februar und März dramatisch abstürzen lassen. [C.L. Baker / Flickr]

Der Ölpreis hat seinen höchsten Stand erreicht, seit er im März aufgrund der COVID-19-Lockdowns abgestürzt war. Das Marktvertrauen scheint durch die Ankündigung von Impfstoffen gegen das Coronavirus zu wachsen.

Der Ölpreis ist seit Anfang November stetig gestiegen und hat sich am Montag mit einem Plus von mehr als zwei Prozent auf dem höchsten Stand seit März eingependelt und damit auch einen Juli-Höhenflug übertroffen.

Rohöl der Sorte Brent legte um 1,10 US-Dollar oder 2,45 Prozent auf 46,06 Dollar je Barrel zu, während Rohöl der Sorte West Texas Intermediate um 64 Cent auf 43,06 Dollar je Barrel stieg, was einem Plus von 1,51 Prozent entspricht. Beide Benchmarks waren in der vergangenen Woche um fünf Prozent gestiegen.

Eingeschränkte Reisetätigkeit und Lockdowns hatten den Ölpreis zwischen Februar und März abstürzen lassen. Im Laufe des Sommers begannen sich die Preise zu erholen, fielen aber wieder, als die zweite COVDI-Welle Europa traf.

„Die Auswirkungen von COVID-19 auf die Weltwirtschaft und das Verbraucherverhalten haben die langfristige weltweite Ölnachfrage um 2,5 Millionen Barrel pro Tag reduziert,“ fasste S&P Global Platts Analytics in einer im September veröffentlichten Notiz zusammen. Das Analyseunternehmen geht davon aus, dass etwa 75 Prozent der Nachfrage im Jahr 2021 „zurückkehren“ und bis Ende 2022 wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht werden könnte.

Allerdings dürfte sich die langfristige Nachfrage dauerhaft verändern.

Warum der Ölpreis verrückt spielt

Was für Zeiten: Käufer bekommen Rohöl geschenkt und dazu noch eine Prämie. Liegt das nur am Coronavirus oder an den Besonderheiten des Ölmarktes? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Der britische Arzneimittelhersteller AstraZeneca gab indes am Montag bekannt, dass sein Impfstoff zu etwa 90 Prozent wirksam sei – was die Liste erfolgreicher Impfstoffe verlängert und den Marktoptimismus erhöht.

„Der gesamte Öl-Komplex profitiert von diesen Nachrichten über den Impfstoff, und die vorläufigen Daten zeigen zum ersten Mal seit Beginn dieser Pandemie eine gewisse Nachfrage nach Flugzeugtreibstoff,“ so John Kilduff, Partner bei Again Capital LLC, einer Anlageberatungsfirma in New York.

Die Hoffnungen wurden auch durch die Erwartung gestärkt, dass die Organisation der erdölexportierenden Länder, Russland und andere Produzenten (OPEC+) eine Vereinbarung zur Einschränkung der Fördermenge verlängern würde. Der Ölpreis ist jedoch immer noch nicht so hoch wie vor dem Lockdown und liegt auch deutlich unter dem Niveau des letzten Jahres.

Für die Fluggesellschaften sind die Aussichten trübe, trotz der Hoffnung auf Impfungen. Die International Air Transport Association, die im Juni noch 100 Milliarden Dollar Verlust für den Zweijahreszeitraum prognostizierte, rechnet nun mit einem Defizit von 118,5 Milliarden Dollar allein in diesem Jahr und weiteren 38,7 Milliarden 2021.

„Die positiven Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Luftverkehr werden nicht vor Mitte 2021 wirklich eintreten,“ erklärte IATA-Generaldirektor Alexandre de Juniac gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Erdölpreis an New Yorker Börse stürzt ins Negative

Inmitten der Coronavirus-Pandemie ist der Erdölpreis an der New Yorker Börse erstmals in seiner Geschichte ins Negative gerutscht. Der Preis der US-Referenzsorte WTI zur Lieferung im Mai durchbrach am Montag einen Negativrekord nach dem anderen und sank schließlich unter Null.

Während weniger Verkehr während der COVID-19-Pandemie zu einem Rückgang der Luftverschmutzung geführt hat, bedeutet der Absturz des Ölpreises allerdings auch, dass grüne Industrien, wie Kunststoffrecycling und Elektrofahrzeuge, mit nun wieder billigeren Konkurrenzprodukten konfrontiert sind.

Wieder steigende Ölpreise dürften für Kunststoffrecycler dementsprechend eine erfreuliche Entwicklung sein – und der EU helfen, ihr Ziel von zehn Millionen Tonnen Kunststoffrecycling bis 2025 zu erreichen.

Der Preisanstieg beim Öl, kombiniert mit den zusätzlichen Kosten aus dem Emissionshandelssystem, könnte auch erneuerbare Energien wieder antreiben sowie Elektrofahrzeuge fördern, deren Marktanteil in den vergangenen Jahren nur sehr langsam gewachsen ist.

„Ölpreiserhöhungen machen Elektrofahrzeuge noch wettbewerbsfähiger, weil es noch billiger wird, sie zu benutzen,“ hofft beispielsweise Julia Poliscanova, die das Programm für saubere Fahrzeuge bei der NGO Transport and Environment leitet. Sie fügt: Selbst wenn der Ölpreis falle, sei Strom immer noch attraktiv und billiger in der Nutzung.

Poliscanova warnt aber, Europa solle sich nicht vom steigenden Ölpreis beirren lassen und die Notwendigkeit eines langfristigen Ausstiegs aus dem Öl weiterhin im Auge behalten. „Es besteht die Gefahr, dass es dadurch für Unternehmen attraktiver wird, mit der Suche nach mehr Öl zu beginnen. Das ist etwas, was wir vermeiden müssen, denn auch wenn es derzeit positiv ist, ist die längerfristige Perspektive für Öl, dass es keine Zukunft hat.“

Europäische Umweltagentur: Luftverschmutzung könnte Anfälligkeit für Coronavirus erhöhen

Die Luftverschmutzung in Europa ist im Frühjahr 2020 im Zuge der Corona-Lockdowns massiv gesunken. Der Jahresbericht der Europäischen Umweltagentur über die Luftqualität in Europa betont den Zusammenhang zwischen unserem Lebensstil und der Belastung der Umwelt.

Der steigende Ölpreis ist jedoch kein uneingeschränkt erfreuliches Ergebnis für die Umwelt. „Teures Öl erhöht leider auch das Streben und Suchen nach unkonventionellen und schmutzigeren Quellen wie Teersand und Schieferöl. Es macht die Konzerne für fossile Brennstoffe stinkreich und führt zu einem Wohlstandstransfer von Europa in den Rest der Welt,“ kritisiert William Todts, Executive Director bei Transport and Environment, bereits im April in einem Meinungsbeitrag.

S&P Global Platts Analytics erwartet derweil nicht, dass die bisher schwächere Ölnachfrage den Höhepunkt der Ölnachfrage, den sie für die späten 2030er Jahre prognostizieren, wesentlich vorverlegen wird. Um den Höhepunkt der Ölnachfrage früher zu erreichen, müssten sich das Geschäfts- und Verbraucherverhalten drastisch ändern und das Prinzip Home Office nahezu flächendeckend eingeführt werden.

Der jährliche Ausblick von BP geht hingegen davon aus, dass die Öl-Nachfrage bereits 2019 ihren Höhepunkt erreicht hat und dass sie bis 2030 rasch um mindestens zehn Prozent sinken wird – und in den kommenden 20 Jahren um bis zu 50 Prozent.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]

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