Herrscht zu viel Personenkult um Fridays for Future?

Die deutschen Vertreter von Fridays for Future Jakob Blasel, Franziska Wessel und Luisa Neubauer zusammen mit Greta Thunberg bei der Preisverleihung der Goldenen Kamera. [Felipe Trueba/ epa]

Fridays for Future sagen, dass sie keine Führungsriege haben. Dennoch tauchen immer dieselben Gesichter in den Medien auf. Zeitungen berichten schon von ersten, internen Spannungen. Wie geht die Schülerbewegung mit dem gewaltigen Medieninteresse um?

Selten hat man so regelmäßig Schüler in Talkshows, bei Parteiveranstaltungen oder in Debattenrunden gesehen wie derzeit. Die Klimabewegung Fridays for Future hat es ins Herz der öffentlichen Aufmerksamkeit geschafft. Kaum dort angekommen, gibt es bereits erste Medienberichte über interne Spannungen unter den Klimaaktivisten.

Diese Woche berichteten die Zeitungen der Tagesspiegel und die Welt über einen wachsenden Unmut innerhalb der Bewegung: Einige Mitglieder würden sich über den Personenkult von Luisa Neubauer beschweren, die als Initiatorin und bekanntestes Gesicht der Bewegung in Deutschland gilt. Neubauer und eine Riege von fünf anderen Mitgliedern träfen Entscheidungen, ohne sie mit anderen Mitgliedern abzusprechen – „wir haben keine Basisdemokratie mehr“, heißt es in einem vom Tagesspiegel zitierten, internen Chat.

Die Behauptung, es gäbe eine innere Revolte, sei absurd, meint Sebastien Grieme, der ebenfalls Mitglied von Fridays for Future ist. „Ich habe kein Verständnis dafür, dass das so geschrieben wurde, es ist einfach falsch“, sagt er gegenüber EURACTIV. Der 19-jährige, der gerade sein Physikstudium in Potsdam begonnen hat, versichert, dass es keine „Führungsriege“ um die genannten fünf Personen gibt. „Wir entscheiden das allermeiste demokratisch, in der Regel wird alles bis an die Ortsgruppen heruntergetragen, außer es muss einmal sehr schnell gehen. Aber ich denke, viele Organisationen können sich in Sachen Demokratie eine Scheibe von uns abschneiden.“

Zeit für Panik

Die Politik müsse „in Panik geraten“ und sollte sich ambitionierte Klimaziele setzen statt „Zeit mit Streit über den Brexit zu verschwenden“, so Greta Thunberg.

Im Gespräch mit EURACTIV betont auch Luisa Neubauer, dass es keine Hierarchie innerhalb von Fridays for Future gäbe. „Man muss unterscheiden zwischen der Repräsentanz und der Entscheidungsfindung innerhalb der Bewegung. Wenn wir Entscheidungen treffen, versuchen wir, möglichst viele Menschen daran teilhaben zu lassen und basisdemokratisch abzustimmen. Wir haben wahnsinnig große Feedback-Loops bis in die Ortsgruppen hinein.“

Sebastian Grieme schloss sich der Bewegung im Dezember an. Als Mitglied in der Arbeitsgruppe „politische Forderungen“ war er einer der vier FFF-Repräsentanten, die Anfang April in Berlin ihr Forderungsmanifest vortrugen. Grieme ist sich dessen bewusst, dass nur wenige seiner Mitstreiter regelmäßig von Journalisten befragt werden. „Wir haben einen Haufen supertoller Leute, die medial nicht so präsent sind. Deshalb arbeiten wir daran, dass auch sie in der Öffentlichkeit ihr Wissen und ihre Geschichten erzählen können.“ Das sei wichtig, denn Fridays for Future sei nun einmal eine sehr diverse Gruppe.

Ein Schneeballeffekt der Medien

Tatsächlich sind es häufig dieselben Namen, die von der Presse aufgegriffen werden und die der Tagesspiegel als „Kernteam“ bezeichnet: Franziska Wessel, Carla Reemtsma, Ragna Diederichs, Linus Steinmetz und Jakob Blasel. Wessel hat bereits Auftritte bei Phoenix, im Deutschlandfunk und der NDR Talkshow absolviert, dort war sie zusammen mit Jakob Blasel. Carla Reemtsma durfte schon auf dem Sofa von Maybrit Illner Platz nehmen, auch die anderen haben zahlreiche Interviews in großen Medien gegeben. Es seien vor allem die großen, bundesweiten Medien, die sich auf einige, wenige Personen konzentriere, meint Grieme. In regionalen Medien „läuft das deutlich besser“. Deshalb arbeite man jetzt an einem Pressekonzept, um Anfragen von Journalisten an verschiedene Ansprechpartner zu vermitteln und diese Konzentration aufzulösen, erzählt er.

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Am heutigen Freitag hat die bisher größte „Fridays for Future“ Demonstration in Berlin stattgefunden. Galionsfigur dieser Bewegung ist die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, deren Auftritt von den Schülern in Berlin lautstark gefeiert wird.

Holger Michel hat Erfahrung mit der Arbeitsweise der Medien. Er hat sie am eigenen Leib erlebt, als er im Jahr 2015 mehr oder weniger ungeplant zum Gesicht der Berliner Flüchtlingshelfer wurde. „Das ist ein Schneeballeffekt – einer wird von einem Medium interviewt und schon greifen andere Medien denselben Namen auf.“ Michel besitzt eine Kommunikationsagentur, mit seiner Expertise unterstützt er Fridays for Future mit den zahlreichen Medienanfragen. Michel betont, dass er der Bewegung als Privatperson helfe und nicht in deren Tätigkeiten involviert sei. „Weder ich persönlich noch die Agentur bekommen Geld oder eine andere geldwerte Leistung“.

Die in den Medienberichten beschriebene Kritik, Neubauer würde Aufmerksamkeit auf ihre Person lenken wollen, findet er völlig unbegründet. „Dass sie nichts abgeben möchte, stimmt nicht“. Sie würde Medienfragen durchaus auch wiederleiten und an andere Mitglieder verweisen.

„Keiner von uns weiß, wie man eine Bewegung formiert“

Fridays for Future erklären weiterhin, parteiunabhängig und auch sonst an keine Organisationen gebunden zu sein. Dennoch ist innerhalb weniger Monate eine erstaunlich professionelle Struktur aus Ortsverbänden, Delegierten und Arbeitsgruppen entstanden, die sich eigenständig um ihre Demonstrationen, Webseite und Finanzen kümmert. Auch Agenturbesitzer Michel zeigt sich beeindruckt: „Ich kenne die Verschwörungstheorie, dass „die Kleinen von FFF“ doch unmöglich so gut sein können und dahinter Spin Doctors und Agenturen stehen müssen. Ich kann da nur sagen: Die sind beeindruckend gut. „Alte Leute“ wie ich helfen nur bei der Orga.“

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Natürlich gäbe es noch immer viele Momente, in denen es nicht optimal laufe, erzählt Luisa Neubauer. „Keiner von uns weiß, wie man eine Bewegung formiert und organisiert. Aber wir haben schon unheimlich viel dazugelernt“. Man schöpfe die Kompetenzen aus den eigenen Reihen, sagt auch Sebastian Grieme, einige hätten bereits Vorwissen in die Bewegung hineingetragen. Der Zeitaufwand sei allerdings enorm. „Einige stecken ihr ganzes Leben da rein. Ich komme derzeit auch kaum zu etwas Anderem, man muss Abstriche machen.“

Trotzdem ist Grieme sicher, dass auch seine Mitstreiter aus tiefster Überzeugung handeln. Es gehe nicht darum, dass einige mediale Aufmerksamkeit haben wollten oder auf interessante Posten hoffen, sondern allein darum, die Klimapolitik der Bundesregierung zu ändern. Auch die Fokussierung auf Neubauer und einige wenige andere sei per se kein wesentliches Problem. „Was uns stört, ist die ewige Debatte um das Schuleschwänzen. Das ist eine Vermeidung von inhaltlichen Diskussionen“.

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