Grundwasser: „Nitratbelastung wird noch über Generationen ein Problem sein“

Seit Jahren werden dem deutschen Grundwasser schlechte Zeugnisse ausgestellt. Es enthält zu viel Nitrat. Grund dafür ist die landwirtschaftliche Düngung durch Gülle – der darin enthaltene Stickstoff kann nur begrenzt vom Boden aufgenommen werden, der Rest sickert ins Grundwasser. [ADragan/ Shutterstock]

Deutschland hat ein Düngeproblem: Seit Jahren mahnt die EU-Kommission wegen unerlaubt hoher Nitratwerte im Grundwasser. Im Juni gab es dazu sogar eine Verurteilung durch den EuGH. Jetzt arbeitet die Bundesregierung an einer neuen Düngerverordnung. Doch das Grundwasser dürfte noch viele Jahre verseucht bleiben.

Sauberes Grundwasser ist ein unschätzbares Gut, immerhin macht es rund 70 Prozent unseres Trinkwassers aus. Seit Jahren werden dem deutschen Grundwasser allerdings schlechte Zeugnisse ausgestellt. Es enthält zu viel Nitrat. Grund dafür ist die landwirtschaftliche Düngung durch Gülle – der darin enthaltene Stickstoff kann nur begrenzt vom Boden aufgenommen werden, der Rest sickert ins Grundwasser. Eine Besserung der Lage konnte selbst das Bundesumweltministerium in seinem letzten Nitratbericht von 2016 nicht attestieren. Gegenüber den Messungen von 2011 sei der Anteil der unbelasteten Gewässer zwischen 2012 bis 2014 „kaum gestiegen“, obwohl eine deutliche Verbesserung prognostiziert worden war. Ganze 28 Prozent der Messstellen überschritten den zulässigen Nitrat-Höchstwert.

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„Als hätte man uns bewusst an die Wand fahren lassen“

Nach jahrelangen Verwarnungen reichte die EU-Kommission 2016 Klage gegen Deutschland ein. Im vergangenen Juni gab ihr der Europäische Gerichtshof Recht: Deutschland verletze die EU-Nitratrichtlinie und hätte längst verstärkte Maßnahmen treffen müssen, um seine Gewässer zu schützen. Möglicherweise drohen nun Strafzahlungen. Ein ähnliches Urteil hatte schon Frankreich im Jahr 2014 ereilt.

Auch die 2017 neu entworfene Düngerverordnung, nach der Landwirte zum Beispiel Buch darüber führen müssen, wie viel Gülle auf ihren Feldern landet, ist der Kommission bei Weitem nicht ehrgeizig genug. Das sorgt für Unverständnis seitens der Landwirte: „Die Kommission schreibt mit einem übertriebenen Detaillierungsdrang an der Düngeverordnung herum“, sagt der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard Krüsken, zu EURACTIV. „Das verrückte ist, dass die Kommission die ganze Zeit über den Prozess informiert war. Sie kannte alle Entwürfe zur Düngerverordnung. Dennoch wurde gewartet, bis die Verordnung verabschiedet worden ist, um das alte Vertragsverletzungsverfahren zu verschärfen. Das erweckt den Eindruck, als hätte man das bewusst an die Wand fahren lassen.“

Konkret missfallen der Kommission die im Regelwerk vorgesehenen freiwilligen Maßnahmen, die Bundesländer in ihren Nitrat-belasteten Gebieten einleiten können. Reine Freiwilligkeit sei zu lasch, findet man in Brüssel. Die Kommission fordert, den Düngebedarf pauschal um 20 Prozent zu senken. Darüber hinaus gibt es Streit über den sogenannten „Kontrollwert“, der einen Zielkorridor zur Berechnung des Bedarfs von Dünger markiert. „Ich habe das Gefühl, die Kommission hat gar nicht verstanden, was der Kontrollwert ist“, meint Krüsken.

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Dass Landwirtschaft nicht ohne die Erzeugung von Nitrat funktioniert, ist unumstritten. Er entsteht aus Stickstoff, der Grundlage allen Pflanzenwachstums ist. Ohne die entsprechende Düngung wäre der Ernährungsbedarf der Weltbevölkerung nicht im Ansatz zu decken. „Das Problem der Nitratbelastung entspringt vor allem der Massentierhaltung. Wir haben einen Gülleüberschuss, den die Landwirte auf ihren Feldern entsorgen müssen“, erklärt Laura von Vittorelli, Leiterin des Bereichs Gewässerpolitik beim BUND.

Für Menschen ist das Nitrat im Grundwasser nur bedingt schädlich, Säuglinge können dadurch allerdings eine Sauerstoffarmut entwickeln. Ganz anders sieht es für Unterwasserpflanzen aus. Nitrat erhöht die Nährwerte im Wasser und fördert damit das Wachstum von Algen und anderer Pflanzen, während andere aussterben. „Wir haben einen alarmierenden Rückgang der Biodiversität an Gewässern“, warnt von Vittorelli.

Jahrzehnte alte Nitratbestände im Wasser

Obwohl die Landwirtschaft sich in den vergangenen Jahren um eine Reduzierung der Düngung bemüht hat, wird wohl auch die jetzt geltende, strengere Düngerverordnung keine Besserung herbeiführen. Zu dem Schluss kommt die Gewässerforscherin des BUND in einer im Februar publizierten Studie. Und auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft stellt fest, die neue Düngeverordnung führe in seiner jetzigen Form wohl zu „keiner nennenswerten Reduzierung der Stickstoff-Überdüngung.“

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Das liegt auch daran, dass sich das Grundwasser nur sehr langsam regeneriert. „Die Nitratbelastung wird noch über Generationen ein Problem sein“, meint von Vittorelli. Das sieht auch Krüsken vom DBV so. Es gebe im Boden noch immer zu viel Nitrat aus früheren Jahren, da die alte Düngeverordnung nur wenig Möglichkeiten für Behörden bot, zu kontrollieren und einzugreifen.

Unter dem Druck der EU-Kommission erarbeitet das Bundeslandwirtschaftsministerium daher nun eine neue Düngeverordnung, die den EU-Vorgaben gerecht werden soll. Im Herbst soll der Entwurf in Brüssel vorgelegt und spätestens im Februar 2020 vom Bundeskabinett verabschiedet werden. Krüsken sieht das eher skeptisch: Mit anderen Mitgliedsstaaten hätte die Kommission deutlich mehr Geduld bewiesen, um die Wirksamkeit ergriffener Maßnahmen überprüfen zu können. Außerdem würde das Düngerecht in einigen anderen Mitgliedsstaaten nicht sonderlich konsequent umgesetzt, ohne dass es einen so großen Furor wie in Deutschland gebe. „Wir haben den Eindruck, dass in Europa mit zweierlei Maß gemessen wird.“

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