Grünes Band: Vom Todesstreifen des Kalten Krieges bis zum unberührten ökologischen Lebensraum

Grünes Band in Deutschland. [Klaus Leidorf]

Dreißig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer hat sich der ehemalige Eiserne Vorhang zur längsten Biotop-Kette Europas entwickelt, die als Europäischer Grüngürtel bekannt ist. Die europäischen Umwelt-NROs unternehmen nun Schritte, damit sie sowohl Teil der grünen Infrastrukturstrategie der Europäischen Kommission als auch des Weltkulturerbes der UNESCO werden.

Wo Stacheldraht, Wachtürme und Minenfelder einst Europa trennten, konnte sich entlang der 12.500 Kilometer langen Grenze ein unbeabsichtigter, fast unberührter ökologischer Lebensraum entwickeln. In der Tat erlaubte der Eiserne Vorhang in seiner vierzigjährigen Existenz keine menschlichen Aktivitäten, keine Entwicklung und bot damit gefährdeten Arten und Pflanzen ein unerwartetes Refugium. Heute umfasst das Projekt Europäischer Grüngürtel 24 Länder, 49 Nationalparks, 7.319 Schutzgebiete und profitiert von spezifischen europäischen Fonds wie dem Danube Transnational Programme und dem Life Programme.

Aber intensive Landnutzung, Straßenbau, illegaler Holzschlag und Wilderei stellen eine ernsthafte Bedrohung dar, argumentieren Umweltorganisationen. Es heißt, dass die Hälfte der Fläche in einem ein Kilometer breiten Korridor entlang des Grünen Bandes von einem geschützten Status profitiert. Sie fordern daher die Europäische Kommission auf, den europäischen Grüngürtel als Ganzes, ein einziges ökologisches Projekt, anzuerkennen.

„Das ist unsere Erwartung an die neue Europäische Kommission, da sie eine langfristige Finanzierung sicherstellen würde. Im Jahr 2013 wurde die Europäische Grüngürtel-Initiative als Leuchtturmprojekt für die Umsetzung einer gesamteuropäischen grünen Infrastruktur identifiziert, jedoch hat sich seitdem nicht viel getan. Uns fehlen konkrete Maßnahmen“, erklärte Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundesverbandes der Freunde der Erde Deutschland (BUND) und einer der Initiatoren des Projekts, gegenüber EURACTIV.

Der Eiserne Vorhang bezieht sich auf die Grenze, die Europa vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Ende des Kalten Krieges 1989 politisch und militärisch gespalten hat. Die Grenze erstreckte sich von Estland bis zum ehemaligen Jugoslawien. Der Begriff „Eiserner Vorhang“ wurde im März 1946 vom ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill in einer wegweisenden Rede am Westminster College in Fulton (USA) bekannt gegeben. „Von Stettin im Baltikum bis Triest an der Adria ist ein eiserner Vorhang über den Kontinent gefallen“, verkündete er.

Die Berliner Mauer war der berühmteste Abschnitt des Eisernen Vorhangs und wurde zu einem Wahrzeichen. Sie erstreckte sich über 155 Kilometer, mit einem stark kontrollierten Niemandsland auf der Ostseite der Stadt. Historiker schätzen, dass bei der Flucht aus der DDR zwischen 600 und 700 Menschen starben, davon allein 136 an der Berliner Mauer. Der erste Riss im Eisernen Vorhang erfolgte im Mai 1989, als Ungarn und Österreich beschlossen, ihre Grenze zu öffnen.

Erinnerungslandschaft

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Für Hubert Weiger ist das Europäische Grüne Band mehr als nur ein paneuropäisches Umweltprojekt, es geht um den Aufbau einer europäischen Denkmallandschaft. „Entlang des Weges kann man militärische Überreste aus dem Kalten Krieg sehen. Und es ist wichtig, sie aufzubewahren, um zeigen zu können, wie schlimm es war“, sagte er. Der 72-jährige Forstwirt gehörte zu den ersten Umweltaktivisten, die kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Maßnahmen zum Schutz des deutschen Grünen Bandes ergriffen haben.

„Tatsächlich verbindet das Europäische Grüne Band die ökologische und historische Dimension auf einzigartige Weise. Und dieser andere Teil des Projekts, der historische Teil, ist immer wichtiger geworden. Er geht über den klassischen Naturschutz hinaus, er ist etwas, das die Menschen anspricht, fasziniert und motiviert“, fuhr er fort.

„Wenn es uns gelingt, das Europäische Grüne Band dauerhaft zu sichern, dann wird es Teil einer neuen europäischen Identität werden, wobei die ehemalige Grenze des Eisernen Vorhangs zu einem Symbol des Zusammenhalts wird, genau hier, mitten in Europa“, betonte Weiger.

„Europa ist bunt und vielfältig, das ist unsere ganz eigene Besonderheit – Europa ist keine einheitliche Kultur. Wir glauben nicht nur, dass unser Projekt diese Idee widerspiegelt, sondern wir sind davon überzeugt, dass es auch anderswo auf der Welt als Inspiration dienen kann“, betonte er.

Seine Organisation unternimmt derzeit Schritte, damit das Europäische Grüne Band zum Weltkulturerbe der UNESCO wird. Es müssen spezifische Bedingungen erfüllt werden, unter anderem, dass der Antrag aus möglichst vielen Ländern kommt, vorzugsweise aus so genannten „Kernländern“ aus Skandinavien, den baltischen Staaten, Zentraleuropa und dem Balkan. Friends of the Earth Deutschland hofft, dass die derzeitige finnische EU-Präsidentschaft „positive Impulse“ geben wird.

Eine Inspiration für das geteilte Korea

Angesichts einer hochsensiblen politischen Situation und einer starken militarisierten inneren Trennung, die an Deutschland des Kalten Krieges erinnert, ist die koreanische Halbinsel in zwei Teile geteilt, wobei die Demilitarisierte Zone (DMZ) als Puffer zwischen Nord- und Südkorea dient. Und genau wie das Grüne Band in Europa hat sich die DMZ als unerwarteter ökologischer Hafen für zahlreiche Arten und Pflanzen erwiesen. Deshalb beschäftigen sich südkoreanische Umweltorganisationen intensiv mit der Europäischen Grüngürtel-Initiative.

„Seit dem Ende des Koreakrieges hat Südkorea eine schnelle wirtschaftliche Entwicklung erlebt, die buchstäblich keinen Platz für die Umwelt ließ“, erklärte Marie-Yon Strücker vom National Nature Trust in Seoul gegenüber EURACTIV. „Was Nordkorea betrifft, so hat es seine natürlichen Ressourcen übermäßig genutzt. Egal in welchem politischen und wirtschaftlichen System man sich befindet, die Umweltauswirkungen sind groß und die DMZ ist der letzte natürliche Zufluchtsort für unsere Biodiversität geworden“, fuhr sie fort.

Es ist nicht genau zu sagen, wie viele Arten und Pflanzen in der DMZ Schutz gefunden haben, da viele Minen die Forscher daran hindern, das Gebiet zu betreten. Alle zwei bis drei Jahre dürfen Forscher die DMZ betreten, allerdings nur in ganz bestimmten Bereichen, erklärte Marie-Yon Strücker.

„Die DMZ ist nicht gerade ein ökologischer Korridor; ich würde sie als ein ökologisches Gebiet mit einem gut erhaltenen Dschungel beschreiben. Dieses Gebiet ist älter als sein europäisches Pendant, es ist 66 Jahre alt, nicht 40 wie der Eiserne Vorhang. So hatte die Natur wirklich Zeit, sich zu entwickeln und unberührt zu bleiben“, fügte Marie-Yon Strücker hinzu.

Mitglieder der Europäischen Grüngürtel-Initiative und des South-Korean National Nature Trust tauschen derzeit Erfahrungen mit besonderem Schwerpunkt auf der Bodengesetzgebung, d.h. dem Grundbesitz, entlang der 248 Kilometer langen Grenze (907 km2 Fläche) aus.

„Im Gegensatz zum Grünen Band in Europa, wo die europäische Gesetzgebung zum Grundeigentum ziemlich klar ist, weiß niemand genau, wer die DMZ besitzt. Es betrifft die beiden Koreas, aber auch die Vereinigten Staaten, China und die Vereinten Nationen. Das bedeutet, dass wir nicht ohne die internationale Gemeinschaft auskommen können“, räumte sie ein.

Es gibt noch einen weiteren großen Unterschied zwischen den beiden Projekten: Die südkoreanische Regierung leistet keine direkte finanzielle Unterstützung. Stattdessen hat sie 2006 den National Trust Act erlassen, der zur Gründung des UK-inspirierten National Nature Trust führte. Ziel der Institution ist es, sowohl öffentliche als auch private Gelder innerhalb und außerhalb Südkoreas zu fördern.

„Und vielleicht könnte die DMZ das erste Projekt werden, auf das sich beide Koreas einigen konnten, zum Beispiel zu einem Naturschutzgebiet“, schlug Marie-Yon vor.

[Bearbeitet von Britta Weppner]

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