Ende der Klimaziele 2030? Geplanter Mindestabstand reduziert Potenzial für Windräder bis zu 50 Prozent

Mit dem geplanten Mindestabstand von 1000m würde das bundesweite Potenzial für Windenergie um 20 bis 50 Prozent reduziert werden, in einigen Regionen wären es sogar 70 bis 90 Prozent, warnt das Umweltbundesamt. [chaiviewfinder/ Shutterstock]

Der geplante Mindestabstand von 1000 Metern zwischen Windrädern und Siedlungen sorgt für heftige Kritik in Deutschland, wo die Windbranche in einer tiefen Krise steckt. Neue Zahlen des Umweltbundesamtes zeigen, dass das selbst gesteckte Ziel, bis 2030 auf 65 Prozent erneuerbare Energien zu kommen, mit den neuen Regelungen wohl nicht erreicht wird.

In einer gestern am 20. November veröffentlichten Studie warnt das Umweltbundesamt: Sollte es zu einem bundesweiten Mindestabstand von 1000 Metern kommen, „könnte Deutschland das Ziel, bis zum Jahr 2030 seinen Strom zu 65 Prozent aus erneuerbaren Energien herzustellen, deutlich verfehlen.“

Mit den vom Wirtschaftsministeriums geplanten Regelungen würde das bundesweite Potenzial für Windenergie um 20 bis 50 Prozent reduziert werden, in einigen Regionen wären es sogar 70 bis 90 Prozent, so die Studie. Besonders betroffen wären davon Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein.

Derzeit sind in Deutschland 0,9 Prozent der gesamten Landesfläche für die Errichtung von Windkrafträndern freigegeben, auch wenn erst die Hälfte davon tatsächlich bebaut ist. Theoretisch ließen sich darauf 81 Gigawatt Windenergie installieren – mehr als genug, um das Erneuerbare-Energien-Ziel bis 2030 zu erreichen. Käme es zu einem Mindestabstand von 1000 Metern, wäre aber nur noch ein Zubau von 43 bis 63 Gigawatt möglich.

Deutschlands Windbranche kränkelt

Die deutsche Windkraftbranche wächst kaum noch. Um das selbstgesteckte Ziele von 65 Prozent erneuerbarer Energien noch zu erreichen, stellt Deutschland erstmals einen stärkeren Ausbau von Offshore-Windparks in Aussicht.

Ziel des neuen Mindestabstandes soll es sein, Bürgerklagen gegen neue Bauprojekte zu vermeiden. Denn bisher, so das Argument von Wirtschaftsminister Altmaier, stehen die Windräder mit einem durschnittlichen Abstand von 700 Metern zu nah an Siedlungen dran: „Diese 700 Meter haben aber nicht ausgereicht dafür, dass der Genehmigungsstau abgebaut wurde, dass die Bürgerinitiativen sich aufgelöst hätten und dass genügend Windräder gebaut wurden“, sagte Altmaier am Montag im Deutschlandfunk. Die akute Krise der Windenergie in Deutschland habe nichts mit den geltenden Abstandsregelungen zu tun. Das Hauptproblem sei viel eher, dass es so gut wie keine genehmigten Flächen mehr gibt.

Umweltministerin Svenja Schulze stellt sich quer: „Wir sind mit diesem Vorschlag nicht einverstanden“, kommentierte sie die Vorlage ihres Kollegen. Der Entwurf sollte eigentlich schon Montag vergangene Woche vom Bundeskabinett abgenickt werden. Doch die Entscheidung wurde verschoben, es herrscht Uneinigkeit unter den Ministern.

Scharfe Töne auch seitens der Windbranche. Zwar habe Altmaier viele gute Punkte zur Stärkung der Windenergie vorgelegt. Aber die Abstandsregelung von 1000 Metern „wird alle weiteren Bemühungen zur Stärkung des Windenergieausbaus zunichtemachen und die Windenergie an Land dramatisch schwächen“, schrieben die großen Industrieverbände in einem Brief als Reaktion auf die Pläne des Wirtschaftsministeriums.

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Der bundesweite Mindestabstand von Windrädern war bereits im September vom Kabinett im lange erwarteten Klimapaket beschlossen worden. Doch erst der vergangene Woche bekannt gewordene Entwurf des Wirtschaftsministeriums für ein Kohleausstiegsgesetz machte deutlich, dass mit einer Wohnsiedlung bereits eine Ansammlung von fünf Häusern gemeint sein kann – und zwar nicht nur bei schon bebauten Flächen, sondern auch bei solchen, die theoretisch bebaubar sind.

Damit wird nicht nur die Fläche für mögliche, zukünftige Windräder deutlich eingeschränkt, auch der Ersatz alter Windräder durch neue wird dadurch teilweise unmöglich. Das sogenannte Repowering, was derzeit für 53 Prozent aller Windkraftanlagen in Deutschland in Frage kommt, wäre dann nur noch für 35 Prozent möglich, schreibt das Umweltbundesamt.

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Auch aus den Bundesländern kommt Widerstand. Auf ihrer Herbsttagung in Hamburg verkündeten die Umweltminister der Länder vergangenen Freitag, sich gegen die einheitliche Abstandsregelung stellen zu wollen. Theoretisch können die einzelnen Ländern die neuen Regelungen auch umgehen, denn das Klimapaket der Bundesregierung sieht eine Opt-Out-Möglichkeit vor. Damit steht es den Bundesländern auch frei, innerhalb von 18 Monaten eigene, kürzere Mindestabstände festzulegen. Bisher haben Niedersachsen und Schleswig-Holstein angekündigt, davon Gebrauch machen zu wollen.

Die Debatte um Mindestabstände von Windrädern tobt derzeit nicht nur in Deutschland. Auch in Frankreich soll der momentan geltende Abstand von 500 Metern auf 1000 oder sogar 1500 Meter erweitert werden. Eine EU-Weite Regelung gibt es dazu nicht, in vielen Mitgliedsstaaten gelten keinen nationalen, sondern regional unterschiedliche Regelungen. Laut Angaben der EU-Kommission gilt in den meisten EU-Staaten ein Mindestabstand von 500 Meter für große Windturbinen. Nur in einigen wenigen – Schweden, Ungarn, Estland und Finnland – sind es 1000 Meter, Polen gibt sogar 1250 Meter vor. Die Kommission selber schlägt in einer Studie einen Abstand von 700 Metern für freistehende Windturbinen vor – für besonders große und laute Räder.

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