Gentechnik: Gefahr für die Biodiversität oder das Mittel der Zukunft?

Gentechnologie: "Die industrielle Revolution des 21. Jahrhunderts” [Shutterstock]

Um die Lebensmittelversorgung in der EU aufrecht zu erhalten, müssen neue Methoden her, wenn zeitgleich Umwelt- und Gesundheitsstandards erhöht werden sollen. Ein Lösungsvorschlag ist der Einsatz von Pflanzenzuchttechniken wie dem sogenannten Gene-Editing.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hatte 2018 das Gene-Editing als Genmanipulation eingestuft. Produkte, deren DNA durch das Gene-Editing verändert wurden, müssen seitdem als solche gekennzeichnet werden. Das Urteil wurde von Pflanzenzuchtverbänden kritisiert, da neue resistente Pflanzensorten für ein zukunftsfähiges Agrarsystem, welches durch Dürren bedroht ist, notwendig sind. Wissenschaftler fordern deshalb ein Umdenken beim Thema Gene-Editing und verweisen auf ihre Forschungserfolge, die zeigen, dass Gene-Editing effektiver ist, als herkömmliche Pflanzenzuchtmethoden. Kritiker fürchten um den Eingriff, den modifizierte DNA auf die natürlichen Organismen haben könnte.

Beim Gene-Editing, also der Genmodifikation, wird die DNA-Sequenz des Genmaterials verändert, indem Informationen herausgeschnitten oder hinzugefügt werden. Bei der Pflanzenzucht kann diese Methode dazu führen, Saatgut resilient gegen bestimmte Schädlinge zu machen oder Nutzpflanzen den Umweltbedingungen anzupassen. Sogar ein Beitrag zur Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks der Agrarindustrie ist durch Genbearbeitung denkbar.

Überraschendes EuGH-Urteil zu"Genschere-Methode" bei Pflanzen

Pflanzen, in deren DNA Teile mit einer neuen Methode gelöscht und ersetzt werden, gelten un Zukunft als genmanipuliert, so das Urteil des EuGH. Das Urteil war unerwartet.

Biotechnologie: “Industrielle Revolution des 21. Jahrhunderts”

Die Gentechnologie ist eine wissenschaftliche Unterdisziplin der Biotechnologie und erlaubt gezielte Eingriffe in das Erbgut organischer Stoffe. Diese bezeichnete die FDP-Bundestagsabgeordnete Carina Konrad bei einer EURACTIV-Veranstaltung am Donnerstagmorgen als “die industrielle Revolution des 21. Jahrhunderts”. Die Biotechnologie könne die Gesundheit auf eine ganz neue Ebene heben, sagte sie weiter, darum sei es nun die Aufgabe der Politik an dieser Stelle mitzugestalten.

Zurzeit gibt das Gentechnikgesetz vor, in welchem Rahmen Gentechnik in Deutschland angewendet und erforscht werden darf. Zudem regelt das Gesetz die Koexistenz der konventionellen, der ökologischen und der gentechnologisierten Landwirtschaft. Carina Konrad bemängelte, dass das technologische Potential der Gentechnologie in Deutschland durch die gesetzlichen Vorgaben nicht angewendet werden kann.

Andreas Weber, Institutsleiter für “Biochemie der Pflanzen” an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, pflichtete ihr bei. Er appellierte, dass die Politik, ähnlich wie bei der Klimaforschung, auch beim Thema Gentechnologie auf die Wissenschaft hören solle. Forschung sei aktuell nicht in ausreichendem Umfang möglich, sagte er: “Gene prägen sich in unterschiedlichen Umgebungen unterschiedlich aus und das macht Züchtung so schwierig.” Darum reiche es nicht aus, allein in Gewächshäusern zu forschen, sondern man müsse auch ins Freiland. Die europäischen Gesetze, unter anderem das Gentechnikgesetz in Deutschland, verhindere jedoch, dass Forschung auf dem Feld stattfinden kann, beklagte der Wissenschaftler.

Gentechnik: EU diskutiert, UK könnte bald vorpreschen

Während die EU über die Rolle neuer Techniken zum Pflanzenschutz debattiert, bereitet man sich in London schon darauf vor, nach dem Brexit Tor und Tür für neue Gen-Bearbeitungstechnologien zu öffnen.

“Ökologische Landwirtschaft reicht aus”

Einer vorschnellen Gesetzesänderung steht Peter Röhrig vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) skeptisch gegenüber. Er sagte, man wisse erst in etlichen Jahren, ob die Gentechnologie etwas dazu beitragen kann, die Probleme wie die Schädlingsbekämpfung und die Ökologisierung der Landwirtschaft zu lösen. Außerdem benötige man keine Gentechnologie, um die Klimaziele der EU zu erreichen, führte der BÖLW-Geschäftsführer aus und bezog sich auf eine Studie des Thünen-Instituts. Diese besage, dass die ökologische Landwirtschaft allein ausreiche, um die Klimaziele zu erreichen.

Peter Röhrig rief deshalb zur Skepsis gegenüber der gentechnologisierten Landwirtschaft auf. Man müsse zunächst schauen, welche Auswirkungen das Gene-Editing auf die Umwelt und die Ernährung der Menschen habe, sagte er: “Es gibt keine Anzeichen, dass wir Wunderpflanzen mit der Genzüchtung erwarten können.” Momme Matthiesen vom Ver­band der öl­saa­ten­ver­ar­bei­ten­den In­dus­trie in Deutsch­land (OVID) entgegnete dem, dass die klassischen Züchtungswerkzeuge zu langsam seien. Die herkömmliche Züchtung von Nutzpflanzen, um sie resistent gegen Keime und Fungizide zu machen, ist ein Prozess von Jahrzehnten. Die neuen Technologien des Gene-Editing sind laut Matthiesen vielversprechender und schneller verfügbar.

Offener Dialog auf wissenschaftlicher Basis

Der OVID-Geschäftsführer glaubt zudem, dass Europa sich in der Frage nach der Regulierung von Gentechnologie nicht abhängen lassen darf. Derzeit gelten für das Gene-Editing nicht dieselben Regeln, wie für herkömmliche Pflanzenzuchttechniken. Das könnte zum Problem werden, sagte Matthiesen: “Während wir in Europa noch diskutieren, wie die Gentechnologie reguliert werden muss, sind andere Länder deutlich weiter.” Mancherorts sei Gene-Editing nicht reguliert, erklärte er bei der EURACTIV-Veranstaltung. Das führe dazu, dass nicht gekennzeichnete genmodifizierte Produkte auf hiesigen Märkten landen könnten, ohne dass man es wisse. Ob ein Produkt genmodifiziert ist, ist im Nachhinein häufig nicht ersichtbar. Ein offener Dialog auf Basis wissenschaftlicher Fakten sei darum wichtig, forderte Matthiesen.

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