Fünf EU-Staaten fordern 100 Prozent erneuerbare Energie bis 2050

Der luxemburgische Energieminister Claude Turmes spricht sich für ein Ziel von 100 Prozent erneuerbare Energie bis 2050 aus. [Photo: EPA-EFE/JULIEN WARNAND]

Die Energieminister der 28 EU-Staaten haben am Montag ihre erste öffentliche Debatte über den Klimaplan der Europäischen Kommission für 2050 abgehalten. Fünf Mitgliedstaaten kritisierten dabei, dass unter den von der EU-Exekutive vorgeschlagenen Optionen ein Szenario für 100 Prozent erneuerbare Energien fehle.

Die Klimastrategie der Kommission, die im November 2018 vorgestellt wurde, bietet den EU-Ländern acht verschiedene Szenarien zur Emissionssenkung, um die europäische Wirtschaft bis Mitte des Jahrhunderts in Übereinstimmung mit dem Pariser Klimaabkommen zu bringen.

Die EU-Mitgliedstaaten debattieren Plan nun und wollen dieses Jahr entscheiden, welche Option sie wählen.

Klimastrategie: Kommission will "Netto-Null-Emissionen" bis 2050

Die EU-Kommission wird am heutigen Mittwoch ihren lang erwarteten Plan für ein „klimaneutrales Europa“ vorstellen. Damit soll den Mitgliedsländern aufgezeigt werden, wie die Ziele des Pariser Abkommens erreicht werden können.

Der luxemburgische Energieminister Claude Turmes eröffnete die gestrige Sitzung und betonte dabei, man könne „sechs der acht Szenarien vergessen“. Diese seien unzureichend, um den Vorgaben der Pariser Klimavereinbarung zu entsprechen.

Turmes kritisierte jedoch auch die beiden anderen Optionen, die auf eine sogenannte „Netto-Null“-Emissionssenkung bis 2050 abzielen. Diesen Vorschlägen mangele es an Transparenz. Er forderte die Kommission dementsprechend auf, die Zahlen und Statistiken hinter ihren Schlussfolgerungen offen zu legen.

„Die Juncker-Kommission schlägt vor, dass wir bis 2050 50 oder 60 neue Kernreaktoren bauen sollten. Das ist keine gute, nachbarschaftliche Politik, sondern eine Bedrohung für die EU-Bürger“, sagte der ehemalige EU-Parlamentsabgeordnete außerdem.

Er fügte hinzu, es sei „problematisch“, dass eine Option für 100 Prozent erneuerbare Energien fehle. Eine angemessene Debatte über die zukünftige Energie- und Klimapolitik der EU könne nicht geführt werden, solange die vorgelegte Strategie „unvollständig“ sei.

Fünf Staaten für 100 Prozent erneuerbare Energie

Einige Mitgliedstaaten wie Spanien haben bereits angekündigt, dass sie ein Stromsystem anstreben, das zu 100 Prozent auf erneuerbarer Energie beruht. Mit seinen Aussagen bezog sich Turmes allerdings auf ein 100-Prozent-System für erneuerbare Energien, das Heizung, Kühlung, Transport und sonstige Energieaufwendungen einschließt.

Der Luxemburger wurde darin von seinen österreichischen, irischen, litauischen und spanischen Amtskollegen unterstützt. Der finnische Minister Kimmo Tiilikainen erklärte derweil, sein Land wolle sich während seiner EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr dieses Jahres dafür einsetzen, dass gemeinsame Schlussfolgerungen angenommen werden.

Claude Turmes: Null Emissionen bis 2050 sind "rote Linie" für das EU-Parlament

Jedes Mitgliedsland, das sich einem EU-weiten Ziel widersetzt, die Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf Null zu reduzieren, befindet sich im Wesentlichen „im selben Lager wie Herr Trump“, so Claude Turmes.

Die EU-Regierungen haben praktisch freie Hand in ihrer Bewertung der Kommissionsstrategien, da es sich bei dem Papier nicht um einen rechtsverbindlichen Text handelt. Es ist daher davon auszugehen, dass Luxemburg oder andere Mitgliedstaaten eine weitere Option für ein Szenario mit 100 Prozent erneuerbare Energie selbst einbringen könnten.

Weitere Szenarien

Einige Energieexperten haben diese Arbeit für die Kommission bereits geleistet und ihre eigenen Beispiele für gesamteuropäische und sogar globale Energiesysteme, die ausschließlich auf erneuerbaren Energien basieren, modelliert.

Der dänische Wissenschaftler Dr. Brian Vad Mathiesen ist einer dieser Experten. Gegenüber EURACTIV zeigt er sich „wirklich überrascht, dass die Kommission die Option [100 Prozent erneuerbare Energie] überhaupt nicht berücksichtigt hat“.

Er stimmt der Einschätzung von Claude Turmes zu, dass es schwierig sein dürfte, eine angemessene Debatte über die 2050er-Ziele ohne ein 100-Prozent-Szenario zu führen. Es sei verwunderlich, dass die EU-Exekutive „nicht in die Vollen gegangen ist“. Schließlich werde sich bis 2050 noch sehr viel Technologie entwickeln oder verändern.

Mathiesen teilt auch Turmes‘ Ansicht, die ersten sechs Szenarien der EU-Kommission könnten faktisch ignoriert werden. Darüber hinaus würden sich die beiden ehrgeizigsten Szenarien, die sich auf Kreislaufwirtschaft und negative Emissionstechnologien wie CO2-Abscheidung konzentrieren, im Wesentlichen nicht sonderlich voneinander unterscheiden.

„Um eine echte Debatte darüber zu führen, müssen Sie sich die vollständige Anwendung erneuerbarer Energien in den Bereichen Transport, Heizung und Kühlung ansehen. Es muss mehr Optionen geben,“ schlussfolgert er.

Hinter den Kulissen der EU-Klimastrategie

Konservative Sichtweisen, vage Zahlen und Formulierungen sowie die Angst vor dem Scheitern dürften das Erstellen einer EU-Klimastrategie für 2050 erschweren.

Forscher der finnischen Technischen Universität Lappeenranta (LUT) haben kürzlich ihr eigenes Modell eines Systems mit 100 Prozent erneuerbarer Energie vorgestellt, das 20 voneinander unabhängige europäische Regionen – sogenannte „Inseln“ – einbezieht, die durch ein „Supernetz“ miteinander verbunden wären.

Der Studienautor Christian Breyer begrüßte, dass die EU-Minister eine solche Idee auf dem Radar hätten. Gegenüber EURACTIV betonte er, dass „100 Prozent erneuerbare Energien die einzige Option sind“, da die Kosten für Kernenergie und/oder die Weiterentwicklung der CO2-Abscheidung zu hoch seien.

Er fügte hinzu, die LUT-Studie sei nur ein Beispiel für eine ganze Reihe von Studien, die zeigen, wie saubere Energiesysteme eingeführt und angewendet werden können.

Auf der gestrigen Sitzung des Energierates erwähnten tatsächlich mehrere Minister das Konzept der „Energieprosumenten“. So werden im Modell aus Breyers Studie Personen genannt, die sowohl Energie produzieren als auch konsumieren. Die Ergebnisse zeigten, dass dadurch die Kosten auf dem gesamten Kontinent gesenkt werden könnten.

So geht es weiter

Das Treffen des Energierates am Montag war die zweite Gelegenheit für nationale Minister, ihre Ansichten über den Strategieentwurf der Kommission auszutauschen, nachdem die Wettbewerbs- und Handelsminister den Prozess Anfang des Jahres eingeleitet hatten. Die dritte öffentliche Debatte über den Plan für 2050 wird am heutigen Dienstag stattfinden, wenn die Umweltminister ihre Ansichten präsentieren.

Darüber hinaus werden die Staats- und Regierungschefs der EU am 9. Mai in Rumänien zusammentreffen und dabei voraussichtlich ihre Ziele und Strategien für den wichtigen UN-Klimagipfel im September vorlegen.

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Zoran Radosavljevic]

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