Fridays for Future: Deutsches Klimapaket ist ein Schlag ins Gesicht

Es reiche nicht, den Kapitalismus zu begrünen. Streikende fordern einen radikaleren Wandel, um den Klimakollaps zu vermeiden. [Alicia Prager]

Es war die größte Demo in der deutschen Geschichte: Über 270.000 Menschen gingen heute im Rahmen des Weltklimastreiks in Berlin auf die Straßen. Währenddessen präsentierte das Klimakabinett wenige Schritte weiter das Paket, das die deutsche Klimapolitik der nächsten Jahre lenken soll – die Protestierenden nennen es einen Schlag ins Gesicht.

„Das Klimakabinett versucht, seine schlechten Ergebnisse mit uns zu legitimieren. Aber das Klimakabinett ist gerade zu einem Klimakabarett geworden“, ruft Clara Mayer (18) von der Hauptbühne beim Brandenburger Tor, kurz nachdem die Beschlüsse der Politiker bekannt wurden.

Es werde also umso entschlossener weiterhin jeden Freitag gestreikt, kündigten die Fridays for Future-Aktivisten an. Denn das 1,5-Grad-Ziel sei damit in weite Ferne gerückt. Etwa sei die CO2-Bepreisung mit zehn Euro pro Tonne viel zu zaghaft ausgefallen.

Auch Culcha Candela, die auf der Berliner Demo mit zwei Konzerten die Stimmung weiter aufheizten, schlossen sich an: Da habe sich das Kabinett auch ein paar Kompromisse geeinigt – doch für zaghafte Kompromisse sei es längst zu spät.

Bundesregierung beschließt Deutschlands erstes Klimagesetz

Deutschland hat sein Klimapaket verabschiedet, um die Klimaziele für 2030 zu erreichen. Doch der geplante Preis auf CO2 ist dafür viel zu niedrig, bemängeln Kritiker .

Allein in Deutschland streikten 1,4 Millionen

Millionen von Menschen beteiligten sich weltweit am heutigen Klimastreik. Gestartet wurde auf den pazifischen Inseln, weiter nach Australien, Südostasien, Afrika, Europa und Amerika. Allein in Deutschland streikten 1,4 Millionen, 270.000 davon in Berlin. Nicht nur Schüler – alle Generationen waren dabei und dementsprechend bunt war die Menge in Berlin Mitte.

Die Vielfältigkeit der Bewegung ist auch einer der Hauptunterschiede zu früheren Umweltbewegungen wie jene in den 80ern, sagt Karin Schwalm (66). Auch sie ist von dem präsentierten Klimapapier der Bundesregierung enttäuscht: „Unsere Anstrengungen müssen viel radikaler werden. Es wird nicht genügen, den Kapitalismus grün anzumalen. Auch E-Autos sind keine Lösung.“

Doch sie sei guter Dinge – der Protest sei so emotional aufgeladen und die gleichzeitig verbreitete Partystimmung begeistere endlich auch Menschen, die sich sonst vielleicht nicht engagieren würden. Mit dieser Masse könne man schon ordentlich Druck aufbauen – bloß gehe es noch nicht schnell genug, fügt sie hinzu.

Das sieht auch Herbert Fustermanns von naturstrom so. Der Ökostrom-Anbieter sei das einzige Energieunternehmen, dem Fridays for Future erlaubte, einen Stand am Platz des 18. März aufzubauen, wirbt er für seine Firma. Jedoch sei ihm bewusst, dass auch erneuerbare Energien nur bedingt eine Lösung sein können. Einerseits, weil auch die Erzeugung von Ökostrom nicht klimaneutral sein könne. Und andererseits, weil der aktuelle Energieverbrauch nicht durch erneuerbare Quellen gedeckt werden könne. „Deshalb brauchen wir viel strengere Regulierungen. Freiwilligkeit wird nicht genug sein“, sagt Fustermanns.

In Deutschland hätte der Beschluss des Klimakabinetts ein wichtiges Signal setzen können, so der Tenor unter den Streikenden. „Aber er hat gezeigt, dass die Regierung keine Ambitionen hat“, kritisiert Carla Reemtsma (21) von Fridays for Future.

Der nächste große Streik in Berlin – neben den Freitagsprotesten – wird am 7. Oktober von der Extinction Rebellion organisiert, einer internatioalen Organisation, die das Massenaussterben verhindern will, denn aktuell verschwinden laut UN etwa 200 Arten pro Tag.

Eine Geschwindigkeit, der die Demonstrierenden nicht weiter untätig zuschauen wollen.

 

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