Frauenanteil: „Die Energiewirtschaft sollte sich ein Beispiel an anderen Branchen nehmen“

Im Energiesektor sind nur 12 Prozent der Plätze in Chefetagen von Frauen besetzt. [Bannafarsai_Stock/ Shutterstock]

In keinem anderen Bereich arbeiten so wenige Frauen wie im Energiesektor. Die Chefetagen der Energieunternehmen bleiben zu 88 Prozent mit Männern besetzt. Dabei bietet der Wandel der Branche viele Chancen für Frauen.

Noch immer zeigt Studie um Studie, dass Pay-Gap, unflexible Arbeitsmodelle und geringere Aufstiegschancen Probleme sind, die viele Frauen auf ihren beruflichen Lebensweg begleitet. Das marktwirtschaftliche Ungleichgewicht sollte zum Umdenken anregen – nicht nur am Weltfrauentag.

Eine besonders stark männerdominierte Domäne bleibt etwa die Energiebranche. Wie eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit zeigt, gibt es nur im Baugewerbe noch weniger Frauen. Laut Statista rangiert die Berufsgruppe „Energie, Wasser und Bergbau“ sogar auf dem letzten Platz. Knapp achtzig Prozent der Beschäftigten in dem Bereich sind Männer. „Im Energiesektor sieht man sehr gut, wie sich trotz großer Änderungen alte Muster wiederholen. Auch in Zeiten der Energiewende, die ganz neue Jobs geschaffen hat, bleibt die Branche in den Führungsetagen extrem männerlastig“, sagt Hanne May, Bereichsleiterin für Kommunikation bei der Deutschen Energieagentur. Längst haben sich daher Frauennetzwerke gebildet, die einen gegenseitigen Austausch unter Frauen in der Energiebranche fördern. Regelmäßig treffen sie sich zu Konferenzen oder Weiterbildungen und tauschen Erfahrungen aus.

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Frauen locken vor allem die Erneuerbaren Energien

Jene Frauen, die im Energiesektor arbeiten, arbeiten zu großen Teilen in den Ressorts Personalführung und Marketing/Pressearbeit. Beide Bereiche sind zu rund 40 Prozent von Frauen besetzt, wie eine vom Unternehmen PwC im vergangenen Jahr durchgeführte Studie zur Energiebranche zeigt. „Eher technische oder strategische Aufgaben werden weiterhin fast ausschließlich von Männern erledigt“, erklärt dazu Nicole Elert, Leiterin der juristischen Beratung für Energieunternehmen beim Unternehmen.

Spielt dabei ein geschlechtergebundenes Interesse eine Rolle? In gewisser Hinsicht schon, meint Hanne May: Die besonders kompetitiven Bereiche wie im Vertrieb würden weniger Frauen reizen. Doch in ihrer Arbeit trifft sie zahlreiche Frauen, die „wahnsinnig gerne“ in der dynamischen Energiebranche tätig sind. „Besonders im Bereich der Erneuerbaren Energien sehen wir einen höheren Frauenanteil. Viele sehen darin etwas sinnvolles, eine Möglichkeit, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Natürlich haben Frauen wie Männer viele Gründe für ihre Berufswahl. Aber bei Frauen scheint das Engagement oft ein zentraler Motivator zu sein“, so May.

Dennoch reicht die Motivation meistens nicht bis hinauf zur Führungsriege. Denn wie die Studie von PWC zeigt, sind die Chefetagen von Energieunternehmen noch immer mit 88 Prozent Männern belegt. Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kam 2017 auf ähnliche Zahlen: Der Anteil von Frauen in den Vorständen der Top-50-Energieunternehmen liegt demnach bei nur 5,2 Prozent. Deutlich besser sieht es in den Aufsichtsräten aus, dort sind es immerhin 20 Prozent.

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Energieunternehmen mit freiwilligen Frauenquoten bleiben die große Ausnahme

Glücklicherweise bleibt die Energiebranche ein Negativbeispiel. Ein Blick auf die 200 umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland zeigt, dass der Frauenanteil in deren Kontrollgremien immerhin knapp 27 Prozent beträgt, wie das DIW angibt. Davon ist die Energiebranche mit ihren 12 Prozent noch weit entfernt.

Ganz von alleine kommt der Frauenanteil in den börsennotierten Unternehmen allerdings nicht. Seit die Große Koalition 2015 eine Frauenquote einführte, müssen deren Aufsichtsräte mit mindestens 30 Prozent Frauen besetzt sein. Unter den 50 umsatzstärksten Energieunternehmen haben dagegen nur drei eine eigene Frauenquote von mehr als 30 Prozent eingeführt, gibt das DIW an. „Hinsichtlich der Frauenquote sollte sich die Energiewirtschaft ein Beispiel an anderen Branchen wie Handel oder Dienstleistung nehmen“, sagt daher Norbert Schwieters, Leiter der Energiewirtschaft bei PwC Deutschland mit Blick auf die Zahlen. Und auch Hanne May könnte sich eine Quote vorstellen: „Das ist ein Modell, worüber man nachdenken muss. Es ist eine bewusste Entscheidung, wie Vorstände zusammengestellt werden.“

Vielleicht wächst der Frauenanteil im Energiebereich in Zeiten von Digitalisierung, Fachkräftemangel und demografischem Wandel aber auch von alleine, hofft Nicole Elert von PwC. „Talente – ob Generalist oder Spezialist – werden überall gesucht, ganz grundsätzlich. Frauen können aus meiner Sicht diese Herausforderungen als Chance betrachten, sich noch stärker einzubringen – auch in der Energiewirtschaft.“

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