Frankreichs „importierte Emissionen“ 70 Prozent höher als der eigene CO2-Ausstoß

Wenn Frankreich bis 2050 die Klimaneutralität erreichen will, müsste es seinen CO-Fußabdruck um 80 Prozent reduzieren. [EPA-EFE/WALLACE WOON]

Um dem Pariser Abkommen zu entsprechen und die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, müssten Frankreichs „importierte Emissionen“ bis 2050 um 65 Prozent sinken, so der jüngste Bericht des Hohen Klimarats des Landes, der am Dienstag (6. Oktober) veröffentlicht wurde. EURACTIV Frankreich berichtet.

Der gesamte CO2-Fußabdruck Frankreichs – einschließlich importierter Produkte – ist etwa 70 Prozent höher als seine nationalen Emissionen. Im Jahr 2018 belief er sich auf 749 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent (CO2e), verglichen mit 445 Mt CO2e, die auf nationaler Ebene ausgestoßen wurden. Dies geht aus dem von der Regierung in Auftrag gegebenen und am 6. Oktober veröffentlichten Bericht des französischen Hohen Klimarats hervor.

Dass der Gesamt-Fußabdruck des Landes seit 2005 zurückgegangen ist, liegt „praktisch ausschließlich“ an der Reduzierung der nationalen Emissionen, stellen die Autoren fest. „Importierte Emissionen müssen reduziert werden“, mahnt das unabhängige Gremium daher. Dies würde sicherstellen, dass „Frankreich nicht so wahrgenommen werden kann, als reduziere es seine heimischen Emissionen durch erhöhte Importe – indem es seinen Handelspartnern die Last der Emissionsminderung aufbürdet“.

Um dem Ziel einer globalen Erwärmung um 1,5°C, wie im Pariser Abkommen gefordert, zu entsprechen, müssten die importierten Treibhausgasemissionen des Landes bis 2050 im Vergleich zu 2005 um 65 Prozent reduziert werden, heißt es im Bericht weiter.

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Die Herausforderung ist groß, da die importierten Emissionen seit 1995 stetig gestiegen sind – im Gegensatz zu den exportierten Emissionen, die relativ stabil sind und bereits durch die nationalen CO2-Budgets abgedeckt werden. Im Jahr 2018 hatte Frankreich 3,2 Prozent mehr Importe als Exporte, verglichen mit 1,1 Prozent im Jahr 1990, ein Aufwärtstrend, der hauptsächlich auf den gestiegenen Verbrauch zurückzuführen ist.

„Wir verbrauchen und konsumieren jedes Jahr viel mehr. Und ein großer Teil dieser Produkte wird im Ausland hergestellt,“ erläutert Corinne Le Quéré, eine französisch-kanadische Klimatologin, die Vorsitzende des Hohen Klimarats ist.

Im Jahr 2017 stammten 69 Prozent der von Frankreich importierten Emissionen aus der EU und Asien. Spitzenreiter waren die Importe aus Deutschland mit einem Anteil von 17,5 Prozent, während die aus China beispielsweise 6,5 Prozent erreichten.

Allerdings stammt nur etwa ein Viertel dieser Importe aus Regionen, die sich auf gutem Weg zur Klimaneutralität befindet oder sich darauf vorbereitet, so die Autoren des Berichts. Darüber hinaus tragen auch die Emissionen des internationalen Verkehrs (insbesondere Luft- und Seeverkehr) zum CO2-Fußabdruck Frankreichs bei und sollten berücksichtigt werden, so der Bericht.

Und die CO2-Grenzsteuer?

Laut Corinne Le Quéré kann das Projekt der Europäischen Kommission zur Besteuerung von CO2-Emissionsn an den EU-Außengrenze allerdings nicht die einzige Antwort sein, um die Auswirkungen derartiger importierter CO2-Emissionen zu mildern.

„Die CO2-Grenzsteuer ist eine Handelspolitik, die zwar darauf abzielt, Unternehmen bei ihren Bemühungen um eine Dekarbonisierung zu schützen. Sie ist an sich jedoch keine Dekarbonisierungspolitik. Aber sie könnte einen Effekt auf die Emissionen haben, ein Effekt, der wiederum sehr stark von den Sektoren abhängen wird, die ins Visier genommen werden,“ so Le Quéré.

Sie betonte jedoch auch, die CO2-Besteuerung an den Grenzen dürfte „nicht ausreichen, um die Emissionen durch Importe zu reduzieren. Sie muss von spezifischen Politiken begleitet werden, und wir schlagen insbesondere vor, dass die Unternehmen in Frankreich unterstützt werden.“

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Frankreichs Hoher Klimarat, der Ende 2018 vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron gegründet wurde, hat bisher in jeder seiner Veröffentlichungen mehrere Empfehlungen an die Regierung ausgesprochen.

Dazu gehören die Anpassung der französischen Industriestrategien zur Begrenzung der mit den Lieferketten verbundenen Import-Emissionen und die Erhöhung der Nachhaltigkeit der Produkte sowie die Klärung der Auswirkungen des sogenannten „Pacte-Gesetzes“, das von den Unternehmen verlangt, Umweltfragen im Zusammenhang mit ihren Wertschöpfungsketten und ihren Import-Emissionen zu berücksichtigen. Das Gremium schlug auch vor, die bestehenden Mechanismen beispielsweise durch Sanktionen zu stärken.

„Der CO2-Preis von Produkten ist derzeit im Vergleich zu allen anderen Kosten, die in Unternehmen berücksichtigt werden, sehr niedrig,“ merkt Le Quéré an. „Historisch gesehen fliehen Unternehmen nicht hauptsächlich aufgrund des CO2-Preises aus Frankreich, sondern aufgrund viel komplexerer Faktoren, die außerhalb der CO2-Politik liegen“, sagt sie und schließt mit der Feststellung, dass „es möglich ist, Industriestrategien zur Dekarbonisierung zu haben“.

Laut Le Quéré würde „der Mechanismus zur CO2-Grenzsteuer das Risiko einer Verlagerung verringern, aber es ist nicht notwendig, Unternehmen zu dekarbonisieren. Denn viele von ihnen haben ihre Dekarbonisierungspolitik bereits ohne diese Steuer begonnen.“

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Frankreichs Energie- und Klimagesetz, das im November 2019 verabschiedet wurde, sieht ab 2022 eine indikative CO2-Obergrenze vor, die zusammen mit den nationalen CO2-Budgets in die nächste Nationale Strategie für niedrige CO2-Emissionen (NLCS) des Landes aufgenommen werden muss.

Wenn Frankreich bis 2050 die Klimaneutralität erreichen will, müsste es seinen CO-Fußabdruck um 80 Prozent reduzieren, was nach Ansicht des Hohen Klimarats des Landes ein realistisches Ziel ist.

Denn: „Mehr als drei Viertel des CO2-Fußabdrucks Frankreichs hängen mit Entscheidungen der französischen Wirtschaftsakteure zusammen, ob es sich nun um französische Unternehmen (durch ihre Beschaffungsentscheidungen) oder um Haushalte (durch ihre direkten Emissionen und Verbrauchsentscheidungen) handelt,“ heißt es im Bericht.

Laut dem Klimarat ist dieser Anteil auch relativ homogen zwischen den verschiedenen Gütern und Dienstleistungen verteilt – mit seltenen Ausnahmen, wie zum Beispiel bei Metallurgie- oder Raffinerieprodukten – und steigt sogar noch weiter an, wenn die Entscheidungen anderer Wirtschaftsakteure in der EU ebenfalls berücksichtigt werden.

Schlussendlich, so der Bericht, ist klar, dass „die französischen und europäischen Regulierungsrahmen durch ihren Einfluss auf private Entscheidungen die importierten Emissionen beeinflussen können“.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]

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