Die verurteilende Ansicht wurde nur einen Tag nach der Veröffentlichung eines neuen Berichts der Weltbank geäußert. In diesem heißt es, dass die Herstellung von Biokraftstoffen bei der Anhebung der Lebensmittelpreise um 83% innerhalb der vergangenen drei Jahre eine entscheidende Rolle gespielt habe. Die besten Szenarien der gesteigerten Verwendung von Biokraftstoffen implizierten einen wesentlichen Ausgleich durch Lebensmittelpreise, warnt die Studie. Der Bericht macht ebenfalls höhere Energie- und Düngerpreise, einen schwachen Dollar und Exportverbote für die Lebensmittelpreisanstiege verantwortlich. In einer Reihe von Entwicklungsländern ist es aufgrund dessen in den vergangenen Wochen zu Gewaltausbrüchen bekommen.
Während einer Pressekonferenz im Vorfeld des jährlichen Frühjahrstreffens des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington am 13. April 2008 sagte der Präsident der Weltbank-Gruppe Robert Zoellick, während viele darüber besorgt seien, ihre Tanks zu füllen, hätten andere auf der Welt Probleme, ihre Mägen zu füllen. Dies werde von Tag zu Tag schwieriger.
Zoellick forderte während des Treffens ein ‚neues Abkommen für die weltweite Lebensmittelpolitik’, um Hunger und Unterernährung zu bekämpfen, jedoch auch um die Verbindungen zwischen Lebensmittelversorgung und Energie und Klimawandel zu untersuchen.
Frankreich drängt ebenfalls seine EU-Partner, zu reagieren, indem sie Landwirtschaft wieder nach ganz oben auf die Agenda der Union setzen. Der französische Agrarminister Michel Barnier sagte, er werde ein Treffen der EU-Agrarminister, das heute (14. April 2008) stattfindet, nutzen, um eine europäische Initiative für Lebensmittelsicherheit in der gesamten Welt vorzustellen.
Der britische Premierminister Gordon Brown unterstützt ebenfalls, dass das Problem der hohen Lebensmittelpreise und deren Verbindung zur Biokraftstoffproduktion im Juli 2008 während des G8-Gipfels der Industrienationen in Hokkaido, Japan, diskutiert werden.
Biokraftstoffhersteller in Europa bedauern jedoch die Tatsache, dass die Debatte so „emotional und irrational“ geworden sei. Rob Vierhout, Generalsekretär der European Bioethanol Fuel Association (eBio), die europäische Vereinigung für Bioethanolkraftstoffe, betonte, dass bestehende wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt hätten, dass das Zehn-Prozent-Ziel „machbar“ sei, ohne Böden, Wasser und die Biovielfalt zu stark zu gefährden, selbst wenn es vollständig auf heimischer Herstellung basiere.
Vierhout betonte, der Umweltausschuss der EUA habe keine neuen Erkenntnisse vorgelegt.
Er warnte davor, das Zehn-Prozent-Ziel zu verwerfen, da dies nur dazu führe, dass die EU keine Biokraftstoffe verwende, während Länder wie die USA und Brasilien, die nicht zwingend unter den Standards herstellen, wie sie die EU durch ihre Nachhaltigkeitskriterien anstrebt, weiterhin Biokraftstoffe produzierten.
Vierhout betonte weiter, während die gesteigerte Biokraftstoffproduktion natürlich einen Einfluss auf die Lebensmittepreise habe, seien die Biokraftstoffe nicht Schuld an den derzeitigen Anstiegen. Stattdessen verwies er auf einen veränderten Lebenswandel von mehreren Millionen von Menschen in China und Indien sowie auf schlechtes Wetter als die Hauptgründe.
„Es macht keinen Sinn, Biokraftstoffe als die Quelle allen Übels zu bezeichnen. Die Biokraftstoffproduktion aufzuhalten würde nur einen sehr begrenzen Effekt haben“, sagte Vierhout EURACTIV. Er wies darauf hin, dass die Weltbank selbst eine „lange Geschichte der Zerstörung der afrikanischen Landwirtschaft“ habe – aufgrund falscher Diagnosen und Ratschläge.
Die Sprecherin der GD Umwelt, Barbara Helfferich, sagte EURACTIV ebenfalls, dass die Kommission noch immer glaube, dass das Zehn-Prozent-Ziel erreichbar sei. Sie betonte jedoch, dies werde gemäß der Nachhaltigkeitskriterien und neben der Förderung von Biokraftstoffen der zweiten Generation geschehen.
Helfferich wies den Gedanken zurück, dass die EU davor stehe, in ihrer Biokraftstoff-Politik einen Rückzieher zu machen. Die EU-Staats- und Regierungschefs hätten während des jüngsten Gipfels das Ziel bestätigt (EURACTIV vom 14. März 2008).