Europas Offshore-Windindustrie verzeichnete 2020 hohe Wachstumsraten. Doch nun könnte die Fischerei den Ausbau bremsen.
Die Offshore-Windindustrie verzeichnete im Jahr 2020 einen Zuwachs von 7,1 GW an zusätzlicher Kapazität – was ein weiteres Rekordjahr für markiert, trotz der COVID-19-Pandemie. Damit ist die Branche auf gutem Wege, ihr 2030er-Ziel von 60 GW Offshore-Kapazität zu erreichen. Möglich gemacht wird dies vor allem dank einer wachsenden Zahl von „Megaprojekten“ mit mehr als einem GW Kapazität.
Allerdings scheint es, dass die Interessen der Entwickler von Offshore-Windkraftanlagen mit denen der EU-Fischer kollidieren könnten. Dies gilt sowohl mit Blick auf die Raumnutzung der Meere als auch um die Aufmerksamkeit und Zuwendung der Politik.
„Fischer und Aquakulturproduzenten sollten ein echtes Mitspracherecht haben, wenn es darum geht, wo diese Windräder gebaut werden,“ forderte kürzlich Peter van Dalen, ein niederländischer EU-Abgeordneter der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP), der einen Bericht zu diesem Thema für den Fischereiausschuss des Europäischen Parlaments verfasst hat.
In seinem Bericht betont van Dalen, neue Windanlagen sollten erst gebaut werden, wenn per Folgenabschätzung geklärt wurde, „welche Auswirkungen auf die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Umwelt, das Klima und die Artenvielfalt zu erwarten sind“. So könnten beispielsweise „Fische und Meeressäuger durch den Infraschalllärm der Rotorblätter von Offshore-Windparks verscheucht werden“. Des Weiteren sei nicht auszuschließen, dass „von Unterwasserkabeln erzeugte elektromagnetische Felder und Unterwasserlärm durch das Einrammen von Pfählen schwerwiegende negative Auswirkungen auf die marine Tier- und Pflanzenwelt haben könnten“.
Um diese Probleme anzugehen, fordert van Dalen, dass Fischer und andere Interessengruppen in den Entscheidungsprozess einbezogen werden müssen. Die Fischereibetriebe sollten außerdem entschädigt werden, wenn Windparks ihre Fanggewässer einschränken.
Dies könnte jedoch im Gegenzug die Genehmigungsverfahren für Windparks weiter verlangsamen – die ohnehin bereits ein großes Problem für den Ausbau der Offshore-Windindustrie darstellen.
„Eine bessere und frühere Zusammenarbeit mit Fischern und Aquakulturproduzenten im Sinne einer echten Koexistenz verlangsamt nicht unbedingt den Expansionsprozess,“ glaubt hingegen van Dalen. Mit zunehmender gesellschaftlicher Akzeptanz werde die Entwicklung der Offshore-Windenergie in der Folgezeit eher zunehmen.
Allerdings gibt es Gegenbeispiele, die dieser Hoffnung entgegenstehen: In Frankreich ist beispielsweise bis heute kein einziger Offshore-Windpark gebaut worden, vor allem wegen des Widerstands von Fischern und Küsten-Kommunen. In der bretonischen Bucht von Saint-Brieuc wurde 2011 ein Offshore-Windpark genehmigt, aber von lokalen Verbänden blockiert, die sich über eine „verpfuschte“ öffentliche Konsultation und das Fehlen einer Umweltverträglichkeitsstudie beschwerten. Diese wurde schließlich vier Jahre später, 2015, in Angriff genommen.
Dennoch scheint sich auch die Industrie nicht allzu besorgt zu geben: „Wir glauben, dass die lokalen Küstengemeinden sehr von den Projekten für erneuerbare Energien, die wir und andere verfolgen, profitieren können,“ so ein Sprecher des norwegischen Energieriesens Equinor gegenüber EURACTIV. Man versuche, die Erfahrungen aus den Offshore-Öl- und Gasbohrungen zu nutzen, um die gesellschaftliche Akzeptanz in den betroffenen Gemeinden zu fördern.
WindEurope, der Verband der Windindustrie, wollte die Angelegenheit nicht kommentieren.
Der Bericht des Europäischen Parlaments kommt zu einem kritischen Zeitpunkt: Die Richtlinie zur maritimen Raumplanung von 2014 verlangte von den EU-Küstenstaaten eigentlich, der Kommission bis Ende März 2021 nationale Strategiepläne vorzulegen. Diese Pläne sollen die Interessen aller Stakeholder berücksichtigen, die von der „maritimen Raumplanung“ betroffen sind – sei es die Fischerei, das Militär oder eben die Offshore-Windenergie.
Italien und Spanien sind dabei die wohl gewichtigsten Nachzügler, die ihre Pläne noch nicht vorgelegt haben. Nach Angaben der Europäischen Kommission hatten bis Ende Juni allerdings fast 50 Prozent der Küstenstaaten ihre Pläne noch nicht eingereicht.
Deutschland hat die Pläne vorgelegt, deren ursprüngliche Version bereits aus dem Jahr 2009 stammt. Eine neue Version durchläuft derzeit eine öffentliche Konsultation und wird der Kommission mitgeteilt, sobald sie genehmigt ist, teilte ein Sprecher des deutschen Innenministeriums mit.
Der deutsche Plan dürfte für die Offshore-Windindustrie eine eher unangenehme Lektüre sein: Er zeige, dass dem Land nach 2040 wohl der Platz für neue Windparks ausgehen werde, sagte eine am Planungsprozess beteiligte Regierungsquelle gegenüber EURACTIV. Dies liegt vor allem an der doch recht begrenzten Größe des deutschen Meeresgebiets.
Der deutsche Meeresraum wird derzeit hauptsächlich für Schifffahrtsrouten genutzt, die 50 Prozent der zugewiesenen Fläche erhalten. Der Windenergie bleiben aufgrund von Umweltschutzprioritäten dagegen nur 15 Prozent des Meeresraums. Die Fischerei ist theoretisch nahezu überall erlaubt, aber in der Nähe von Windparks verboten.
Ob Interessenkonflikte mit der Fischerei den Kampf um Raum in deutschen Gewässern verschärfen werden, ist aktuell noch unklar. Ein Kommissionsbeamter erklärte gegenüber EURACTIV allerdings, dass die Schleppfischerei am ehesten mit den Offshore-Windentwicklungen in der Nord- und Ostsee kollidieren dürfte.
Vizepräsidentin der Europäischen Kommission Šuica Dubravka betonte derweil in ihrer Rede vor dem EU-Parlament am 5. Juli: „Maritime Raumpläne müssen regelmäßig aktualisiert werden, um neuen Realitäten und politischen Entwicklungen gerecht zu werden – mindestens alle zehn Jahre.“
Die Entwicklung des deutschen maritimen Raumordnungsplans von 2009 dauerte mehr als zehn Jahre. Die Bundesregierung hofft, dass die aktualisierte Version schneller verabschiedet werden kann.
[Bearbeitet von Frédéric Simon]








