Die Ziele der EU für klimafreundliche Flugkraftstoffe drohen verfehlt zu werden. Davor warnen Umweltorganisationen und Ölkonzerne in einem seltenen Akt der Einigkeit angesichts ausbleibender Investitionen in Produktionsanlagen.
Im Rahmen ihres Klimapakets „Fit for 55“ hat die EU im vergangenen Jahr das Gesetz „ReFuelEU Aviation“ verabschiedet, das die Klimaauswirkungen von Flügen verringern soll.
Die neue Verordnung legt Quoten für die Verwendung von sogenannten nachhaltigen Flugzeugkraftstoffen (SAF) fest, die in zunehmendem Maße dem auf europäischen Flughäfen verwendeten Kerosin beigemischt werden sollen.
Das Gesetz wird 2025 in Kraft treten, wenn zwei Prozent des Kraftstoffmixes aus nachhaltigen Quellen stammen sollen. Dieser Anteil soll bis 2035 auf 20 Prozent und bis 2050 auf 70 Prozent steigen.
Zu den klimafreundlichen Flugkraftstoffen gehören Kraftstoffe auf der Basis von gebrauchtem Speiseöl, wie zum Beispiel Frittierfett, das nach dem Gebrauch gesammelt und verarbeitet wird. Die dabei entstehende Flüssigkeit gilt als „fortschrittlicher“ Biokraftstoff, der für die Erfüllung der SAF-Ziele der EU infrage kommt.
Da solche Abfallstoffe jedoch nur in begrenztem Umfang zur Verfügung stehen, enthalten die Ziele auch Vorgaben für sogenannte E-Fuels. Dabei handelt es sich um synthetische Kraftstoffe, die aus Wasserstoff hergestellt werden und langfristig in größerem Umfang verfügbar sein sollen.
Größere Investitionen in die Produktion von E-Fuels wurden in Europa jedoch noch nicht vorgenommen, warnt die Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) in einem am Mittwoch (24. Januar) veröffentlichten Bericht.
Zwar gebe es Pläne für 25 industrielle Produktionsstätten für E-Kerosin in der EU, Island und Norwegen, aber für „keines der größeren Projekte wurde bisher eine endgültige Investitionsentscheidung getroffen“, so die NGO.
„Es ist noch ein langer Weg, bis wir E-Kerosin in unseren Flugzeugen sehen werden“, sagte Camille Mutrelle, Expertin für klimafreundliche Flugkraftstoffe bei T&E.
„Wir müssen vom Papier zur Realität übergehen und sicherstellen, dass die E-Kerosin-Projekte auch wirklich zustande kommen, sonst ist das Gesetz nichts als leere Worte“, fügte sie hinzu.
Branche fordert mehr Subventionen
Unterdessen warnten Vertreter von Ölkonzernen, dass trotz der von der EU festgelegten verbindlichen Ziele für die Beimischung von E-Kerosin Investitionen in neue Produktionsstätten für viele Banken ohne zusätzliche Subventionen ein zu großes Risiko darstellen würden.
„Wir sind noch nicht in der ‚technology readiness‘ […], wo wir das im industriellen Großmaßstab einsetzen können“, sagte Niels Anspach, Vizepräsident für Bio- und CO2-arme Kraftstoffe bei BP Europe, auf einer Branchenkonferenz am Montag (22. Januar) in Berlin.
„Und natürlich, wenn Sie eine Bank sind, die Kapital geben möchte, und Sie dann mit unterschiedlichen [Experten] sprechen, die sagen, dass wesentliche Bausteine dieser Technologie noch nicht im industriellen Maßstab verfügbar sind und kein Mensch weiß, wann diese Technik im industriellen Maßstab verfügbar sein wird, dann tun Sie sich natürlich schwer damit, wenn Sie keinerlei [staatliche] Förderung bekommen“, fügte er hinzu.
Subventionen könnten helfen, „um diese Lücke zu schließen“, so Anspach.
Ralph-Uwe Dietrich, Ingenieur am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), antwortete auf Anspachs Äußerungen, dass „die Technologie seit Jahrzehnten da ist.“ Er bezeichnete die Behauptung, dass die Technologie nicht bereit sei, die Produktion hochzufahren, als „rein politisches Statement.“
„Die Aussage, dass das nicht ‚bankable‘ [bankfähig] ist, die ist nur deswegen richtig, weil die Quote zu gering ist“, sagte Dietrich im Hinblick auf das deutsche Ziel von zwei Prozent synthetischem Kerosin bis 2030, was 200.000 Tonnen entspricht.
„Keine Bank ist interessiert an diesen 200.000 Tonnen [E-Kerosin]. Das sind Peanuts“, sagte Dietrich.
Aufgrund der höheren Kosten von E-Kerosin hat die EU nur einen Anteil von 1,2 Prozent solcher synthetischen Kraftstoffe bis 2030 vorgeschrieben, was 600.000 Tonnen entspricht. Daher ist es wahrscheinlich, dass der größte Teil der Quote für nachhaltige Flugkraftstoffe durch billigere Optionen erfüllt wird, etwa fortschrittlichen Biokraftstoffen aus gebrauchtem Speiseöl.
„Es geht auch darum, dass man Marktrisiken hat“, sagte Christian Küchen von en2x, einem Verband, der die großen Ölkonzerne in Deutschland vertritt. „Denn sie brauchen nicht nur die Nachfrage, die Sie mit Quoten bekommen können, sondern auch den Preis des Investments. Und das Problem ist, dass eine Quote keinen Preis generiert“, fügte er hinzu.
Haushaltskürzungen beeinträchtigen Finanzierung
Die Situation könnte sich aufgrund der deutschen Haushaltskrise weiter verschärfen, in dessen Zuge die Bundesregierung nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 45 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds gestrichen hat.
„Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts und die daraus resultierenden Kürzungen betreffen leider auch dieses Maßnahmenpaket [zum Hochlauf der Produktion von erneuerbaren Kraftstoffen]“, sagte Hartmut Höppner, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, auf der Konferenz.
Der von der Bundesregierung vorgelegte Haushaltsentwurf sieht vor, dass die Mittel allein im Jahr 2024 um 74 Millionen Euro gekürzt werden. In den folgenden Jahren dürften die Kürzungen noch stärker ausfallen, so der Branchenverband UNITI.
Die verbleibenden Mittel würden sich auf 117 Millionen Euro für Produktionsstätten für erneuerbare Kraftstoffe sowie auf 130 Millionen Euro speziell für die Forschung und Entwicklung von E-Fuels für die Luftfahrt und den maritimen Sektor belaufen, erklärte Höppner.
„Trotz schwieriger Haushaltslage wollen wir zusammen mit Industrie und Wirtschaft die Forschung und Produktion strombasierter Kraftstoffe voranbringen“, sagte Höppner.
Jane Amilhat, Leiterin des Referats Saubere Verkehrswende in der Abteilung für Forschung und Innovation der Europäischen Kommission, warnte, dass die deutsche Entscheidung Auswirkungen auf die gesamte EU haben könnte.
„In Hinsicht der Menge, die in Deutschland gekürzt worden ist, ist das sicherlich ein Problem für Europa“, sagte sie auf der Konferenz.
[Bearbeitet von Sean Goulding Carroll/Nathalie Weatherald]




