Expert:innen fordern Umdenken bei umstrittener Energiekennzahl

Die EU will sich bei der Überarbeitung der EPBD weiterhin auf den Primärenergieverbrauch stützen, eine Methode, die von vielen als fehlerhaft angesehen wird, was zu Forderungen nach Änderungen geführt hat. [Shutterstock/Kaspars Grinvalds]

Der Primärenergieverbrauch ist eine weltweit gebräuchliche Kennzahl, die auch von der EU-Kommission verwendet wird. Die meisten Expert:innen sind sich jedoch einig, dass diese Kennzahl für die Messung des Energieverbrauchs in Gebäuden nicht geeignet sei.

Energiebilanzierung ist eine Herausforderung: Die bisher vorherrschende Methode ist das inputabhängige System der „Primärenergie“, das den Energiegehalt von Kohle, Öl, Gas, Sonnen- oder Windenergie vor deren Umwandlung in Elektrizität oder Wärmeenergie misst.

Bei fossilen Brennstoffen geht ein Großteil der Energie bei der Umwandlung verloren, während bei erneuerbaren Energieträgern nur geringe oder gar keine Umwandlungsverluste anfallen.

In allen Klima- und Energierechtsvorschriften der EU wird auf die Primärenergie Bezug genommen, so auch in dem derzeit in Brüssel diskutierten Gesetzespaket „Fit for 55“, das eine Senkung der Kohlendioxidemissionen um 55 Prozent bis 2030 vorsieht.

Einige stellen jedoch die Relevanz der Verwendung des Primärenergieverbrauchs als Maßstab für Gebäude infrage. Tatsächlich halten die meisten Expert:innen das derzeitige Energiekennzeichnungssystem für Gebäude für ungenau und sogar für wenig hilfreich, wenn es um die Messung der Klimaleistung geht.

„Im Grunde ist der Primärenergieverbrauch die falsche Kennzahl. Kein einziger Verbraucher weiß, worauf er sich bezieht, oder kümmert sich um diese Kennzahl“, sagt Sam Hamels, Wissenschaftler für Energiewirtschaft an der Universität Gent in Belgien.

Die Abhängigkeit von der Primärenergiekennzahl ist besonders problematisch, wenn es um die Bewertung von „Null-Emissions-Gebäuden“ im Rahmen der EU-Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) geht, die derzeit zur Überprüfung ansteht.

„Die Berücksichtigung nur einer Anforderung ist irreführend“, warnt die Initiative Energy in Buildings and Communities (EBC) der Internationalen Energieagentur und verweist auf die weltweit beste Norm für Null-Emissions-Gebäude EN ISO 52000-1.

In ähnlicher Weise hat die Bauindustrie ihre Bedenken bezüglich der Metrik in der vorgeschlagenen Überarbeitung der EPBD geäußert, die letztes Jahr als Teil des Energie- und Klimapakets „Fit for 55“ der Europäischen Kommission vorgelegt wurde.

Die genaue Messung der Energieleistung der Gebäudehülle ist von entscheidender Bedeutung, denn „sie wird für eine lange Zeit Bestand haben“, erklärt Katarzyna Wardal, Public Affairs Manager bei Knauf insulation.

Wenn man den Primärenergieverbrauch als einzigen Indikator dafür heranzieht, ob ein Gebäude „emissionsfrei“ ist, wie es in der Richtlinie festgelegt ist, „besteht die Gefahr, dass Energieeinsparungen, die für den Wärmekomfort der Bewohner:innen und ihre Energierechnungen entscheidend sind, nicht berücksichtigt werden“, erklärte sie.

"Ungenaue" EU-Energieausweise für Gebäude werden überprüft

Energieausweise für Gebäude sind manchmal so ungenau, dass sie sogar ein Hindernis für die Klimaziele der EU sein können, meint die Industrie. Die anstehende Überarbeitung der EU-Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden könnte einen Ausweg bieten.

Alternativen

Es gibt jedoch auch alternative Messgrößen.

Für eine „kohärente Bewertung“ von (nahezu) Null-Emissions-Gebäuden schlägt der EBC eine Kombination aus mehreren Messungen vor:

  • Innenraumbedingungen
  • Die thermischen Eigenschaften des Gebäudes
  • Eine Bilanzierung der installierten Heizungs-, Klima- und Lüftungsanlagen sowie eine umfassendere Optimierung des Energieverbrauchs der technischen Systeme im Gebäude
  • aktive erneuerbare Systeme und
  • Fern- oder Nahwärme und Kälte.

Für Hamels wäre es jedoch einfacher, die CO₂-Emissionen von Gebäuden zu messen. „Sie sind das, worum wir uns kümmern sollten“, so der Wissenschaftler.

Andere drängen dagegen auf die Einführung einer ergänzenden Messgröße. Knauf schlägt beispielsweise vor, den Energiebedarf eines Gebäudes für Heizung und Kühlung zu messen und dies als Obergrenze für die Einstufung als „Null-Emissions-Gebäude“ zu verwenden.

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Die EU-Kommission will das Ziel für erneuerbare Energien für 2030 erhöhen – unter anderem durch schnellere Genehmigungsregeln und obligatorische Solaranlagen auf allen Neubauten, wie aus Vorschlägen hervorgeht, die EURACTIV vorliegen.

Ein zweiter Blick auf den Wohnkomfort

Mit dem Begriff des Primärenergieverbrauchs ist auch das Verständnis der Verbraucher:innen von Komfort verbunden. Da die europäischen Staats- und Regierungschefs die Bürger:innen auffordern, ihre Thermostateinstellungen zu reduzieren, um die Abhängigkeit der EU von russischem Gas zu verringern, wird das Thema Komfort vielleicht noch einmal überdacht.

Ob die Zieltemperatur eines Gebäudes im Winter 21 °C, 20 °C oder 18 °C beträgt, kann einen großen Einfluss auf den Energieverbrauch haben, erklärte die Internationale Energieagentur (IEA) kürzlich in einem gemeinsamen Plan mit der Kommission, um „Geld zu sparen, die Abhängigkeit von russischer Energie zu verringern, die Ukraine zu unterstützen und dem Planeten zu schützen.“

Der Zeitpunkt könnte also genau richtig sein, damit sich die politischen Entscheidungsträger:innen fragen: „Was ist Komfort?“, sagt der italienische Forscher Lorenzo Pagliano.

Die Art und Weise, wie die Menschen Komfort wahrnehmen, führt zu Entscheidungen, die einen großen Einfluss auf den Energieverbrauch haben können, sagt Pagliano. Die Wahl zwischen einer Klimaanlage, die die Raumtemperatur im Sommer auf 25 °C hält, und einem Ventilator, der die Luft in Bewegung bringt, könnte beispielsweise zu einem ähnlichen Komfortniveau führen, aber zu einem unterschiedlichen Energieverbrauch, da Ventilatoren viel weniger Energie verbrauchen.

„Durch den verstärkten Einsatz von Ventilatoren, die lange Zeit als zweitklassige Option betrachtet wurden, können wir den Komfort bei geringerem Energiebedarf erheblich steigern“, erklärt der Forscher.

In der Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) wird bislang nicht an dem Verständnis von Komfort und dem Verbraucherverhalten angesetzt. „Der Gedanke einer besseren Energieeffizienz durch Maßnahmen, die den Komfort bei geringerem Energieverbrauch aufrechterhalten, ist in der EPBP nicht sehr präsent“, schloss Pagliano.

Europa skizziert Energiesparplan: Gut für die Ukraine und den Planeten

Gemeinsam mit der EU-Kommission hat die Internationale Energieagentur einen Plan vorgelegt, um die Abhängigkeit der EU von russischen fossilen Brennstoffen zu verringern, die Haushalte zu entlasten und das Klima zu schützen.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]

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