Europas „importierte Abholzung“

Laut Schätzungen dürfte der durchschnittliche Franzose 352 Quadratmeter Wald pro Jahr "essen" bzw. konsumieren. [Rich Carey_SHUTTERSTOCK]

Eines der weniger beachteten Themen, das die Agrarministerinnen und -minister der EU-Staaten am vergangenen Montag diskutiert haben, ist weiterhin Gegenstand heftiger Debatten: die Forstpolitik. Denn klar ist: Die Europäerinnen und Europäer tragen durch ihren Lebensstil weltweit zur massiven Entwaldung und Abholzung bei. EURACTIV Frankreich berichtet.

Der mit großem Pomp im vergangenen Dezember vorgestellte europäische Green Deal gibt ambitionierte Ziele vor: Europa soll bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent der Welt werden.

Die Initiative wurde zwar allgemein begrüßt, aber es bleibt abzuwarten, wie die EU-Kommission sie in die Praxis umsetzen wird. Unter den neuen Maßnahmen, die verabschiedet werden sollen, ist derweil auch eine „EU-Forststrategie nach 2020“, die die EU-Exekutive Anfang 2021 vorlegen will.

Die Landwirtschaftsministerinnen und -minister der Staaten erörterten am Montag dieses Thema. In ihren Schlussfolgerungen zum Thema Wälder fordern sie die Kommission auf, eine „verstärkte Forststrategie“ vorzulegen, deren Auswirkungen in Europa und international zu spüren sein würden.

Tatsächlich sind Probleme im Bereich Forst und Wälder grenzüberschreitend und international. In ihrem jüngsten Bericht über den Zustand der Wälder weist die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) darauf hin, dass sich mehr als die Hälfte der Wälder des Planeten in lediglich fünf Ländern befindet: Brasilien, Kanada, China, den Vereinigten Staaten und Russland.

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Über die Grenzen hinweg

Ihre vielfältige Biodiversität macht diese Ökosysteme zu äußerst begehrten Gebieten. Da der Holzhandel förmlich explodiert und stetig neues Land für die Landwirtschaft gerodet wird, schrumpfen die globalen Waldflächen weiterhin kontinuierlich. Die FAO schätzt den gegenwärtigen Verlust an Wäldern auf zehn Millionen Hektar pro Jahr – eine Fläche von der Größe Portugals.

Während die Tropenwälder am stärksten gefährdet sind, ist Entwaldung auch in Europa kein Fremdwort.

Insgesamt sind die EU-Staaten für fast zehn Prozent der weltweiten Waldzerstörung verantwortlich. Fleisch, Milchprodukte, Soja, Kautschuk, Palmöl: Viele Lebensmittel und andere Produkte, die täglich von Millionen EU-Bürgerinnen und Bürgern konsumiert werden, werden auf Kosten der Waldökosysteme produziert.

Laut FAO ist die industrielle Landwirtschaft nach wie vor eine der Hauptursachen für das Phänomen Abholzung und Rodung. Die UN-Organisation schätzt, dass zwischen 2000 und 2010 „die großflächige kommerzielle Landwirtschaft für fast 40 Prozent der Entwaldung in der tropischen Welt verantwortlich ist“. Besonders schädlich seien in dieser Hinsicht Viehzucht, Sojaanbau sowie Palmölproduktion.

Abholzung und Rodung: Großkonzerne äußern sich nicht

Fast drei Viertel der Unternehmen mit einem signifikanten Einfluss auf die Wälder der Erde haben keine Daten über ihre Auswirkungen auf die globale Abholzung im Jahr 2018 vorgelegt.

Beispiel Frankreich

Die französische NGO Envol vert kam bereits in ihrem Bericht über den französischen Wald-Fußabdruck aus dem Jahr 2018 zu dem Schluss, dass Soja, Leder, Palmöl, Papier, Kaffee, Gummi, Kakao und Holz an sich als die wichtigsten Produkte angesehen werden können, die zur Entwaldung führen.

Nach ihren Schätzungen würde der durchschnittliche Franzose somit 352 Quadratmeter Wald pro Jahr „essen“ bzw. konsumieren.

Angesichts der Herausforderungen empfahl der nationale Hohe Rat für Klimafragen der französischen Regierung kürzlich, eine Strategie zur Bekämpfung der „importierten Entwaldung“ beschleunigt anzugehen.

Der Rat beobachtet in seinem neuesten Bericht: „Während die Treibhausgasemissionen auf dem nationalen Territorium Frankreichs sinken, steigen die importierten Emissionen kontinuierlich an.“

Europäische Ansätze

Der Bericht des Rates wird in einem Punkt deutlich: Der Kampf gegen importierte Entwaldung müsse in erster Linie auf europäischer Ebene geführt werden.

Tatsächlich haben verschiedene Institutionen bereits begonnen, sich mit dem Thema zu befassen. Zusätzlich zu den nationalen Ministerien im EU-Rat forderte das Europäische Parlament am 22. Oktober die Kommission auf, einen EU-Rechtsrahmen vorzulegen, um die von der Europäischen Union (mit-) verursachte globale Abholzung zu stoppen.

„Keine EU-Vorschriften verbieten das Inverkehrbringen von Produkten, die zur Zerstörung der Wälder beigetragen haben, auf dem europäischen Markt,“ merkte Eric Andrieu, Vize-Chef der sozialdemokratischen S&D-Fraktion und Mitglied des Umweltausschusses, in einer Erklärung an. Er hoffe, dass Sanktionen „für Unternehmen eingeführt werden, die Produkte auf den europäischen Markt bringen, die aus Rohstoffen stammen, die Wälder und Ökosysteme gefährden“.

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Die Art und Weise, wie die Menschheit Nahrungsmittel, Energie und Waren produziert, zerstört die Lebensräume tausender wild lebender Tierarten und führt zu einem Einbruch der Populationsgrößen, so der WWF.

Der Ball liegt somit im Feld der Europäischen Kommission, die in Kürze ihre neue EU-Forststrategie vorstellen will. Zunächst wird aber noch bis zum 10. Dezember eine öffentliche Konsultation zum Thema Abholzung und Entwaldung durchgeführt.

Die Kampagne #Together4Forests, die von fast 150 NGOs koordiniert wird, ruft derweil die Bürgerinnen und Bürger auf, sich rege an dieser Konsultation zu beteiligen: „Die Europäische Kommission muss neue Gesetze vorschlagen,“ betonte Anke Schulmeister-Oldenhove, Leiterin Forstpolitik im WWF-Büro für Europapolitik, im Gespräch mit EURACTIV Frankreich. Sie ist sicher: „Wenn so viele Menschen wie möglich auf die Konsultation reagieren, wird die EU keine andere Wahl haben, als ehrgeizige Maßnahmen gegen die Entwaldung, die weitere Zerstörung der biologischen Vielfalt und zum Schutz der Menschenrechte zu ergreifen.“

Seit ihrem Start am 3. September hat die Konsultation fast eine Million Antworten und Anmerkungen erhalten. Laut WWF ist sie damit die EU-Konsultation mit den bisher zweitmeisten Reaktionen.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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