Europäische Umweltagentur: Luftverschmutzung könnte Anfälligkeit für Coronavirus erhöhen

Die Luftverschmutzung ist im Frühjahr 2020 vielerorts zurückgegangen. Grund dafür war der eingeschränkte Verkehr während der zur Bekämpfung von Corona verhängten Ausgangssperren. [NadyGinzburg/shutterstock]

Die Luftverschmutzung in Europa war im Frühjahr 2020 im Zuge der Coronavirus-Lockdowns massiv gesunken. Der Jahresbericht der Europäischen Umweltagentur über die Luftqualität in Europa betont den Zusammenhang zwischen unserem Lebensstil und der Belastung der Umwelt.

Die im Frühjahr verhängten Ausgangsbeschränkungen haben in vielen europäischen Staaten zu „erheblichen Reduzierungen“ der Luftverschmutzung geführt, wie aus dem am Montag (23. November) veröffentlichten Jahresbericht der Europäischen Umweltagentur (EUA) hervorgeht.

Zum zehnten Mal in Folge hat die EUA in 41 Ländern Europas die Anteile von Feinstaub, Stickstoffdioxid (NO2) und bodennahem Ozon (O3) in der Luft gemessen und ausgewertet.

Im Zusammenhang mit den Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus sei insbesondere die NO2-Konzentratition im April 2020 stellenweise um bis zu 60 Prozent gesunken, heißt es aus dem Bericht. Grund dafür sei hauptsächlich der durch die Lockdowns bedingte Rückgang des Straßen- und Luftverkehrs.

„Die Schwankungen in der Luftqualität in Verbindung mit der Corona-Pandemie betonen die Zusammenhänge zwischen unserem Lebensstil und dem Wohlergehen der natürlichen Systeme, die uns erhalten,“ so die Autoren des Berichts.

Die Ergebnisse des Berichts gäben somit die „einzigartige Gelegenheit, über diese Zusammenhänge nachzudenken und darüber, wie wir menschliche Aktivitäten und die Widerstandsfähigkeit der Umwelt ausbalancieren könnten.“

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Bodennahes Ozon

Denn insbesondere zu hohe Konzentrationen von O3 wirken sich dem Bericht zufolge negativ auf unsere Ökosysteme aus. Für 45 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Europa hätten die gemessenen Werte im Jahr 2018 die von der EU festgelegten Luftqualitätsstandards überschritten. Für Wälder lagen gar 88 Prozent aller gemessenen O3-Werte über dem kritischen Wert. Die Folgen: Vermindertes Pflanzenwachstum und sinkende Biodiversität.

Zwischen 2016 und 2018 seien die O3-Werte in Europa gestiegen, heißt es im Bericht. Grund dafür sei die große Wetterabhängigkeit der O3-Konzentration: So hätten hohe Temperaturen etwa im Sommer 2018 zu einem starken Anstieg der Luftverschmutzung durch O3 geführt.

Aber nicht nur die Umwelt, auch die Bürgerinnen und Bürger selbst sind von den schädlichen Auswirkungen der Luftverschmutzung nach wie vor stark betroffen. Denn seit der ersten Erhebung der EUA im Jahre 2009 sind der Ausstoß von Feinstaub und NO2 dem Bericht zufolge zwar stetig gesunken.

Gleichzeitig sterben in Europa noch immer knapp 500.000 Menschen pro Jahr vorzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung durch Feinstaub, NO2 und O3. Die Sterblichkeitsrate im Zusammenhang mit der Belastung durch O3 hat seit 2009 sogar um 20 Prozent zugenommen.

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Nicht alle Bevölkerungsgruppen gleich betroffen

Nicht alle Bevölkerungsgruppen in Europa sind jedoch gleichermaßen von unsauberer Luft betroffen. „Niedrige sozio-ökonomische Gruppen sind der Luftverschmutzung tendenziell stärker ausgesetzt und ältere Personen, Kinder und Personen mit schon bestehenden gesundheitlichen Problemen sind besonders empfindlich“, so der Bericht.

Erste Hinweise deuten außerdem darauf hin, dass auch die Anfälligkeit für das Coronavirus mit der Luftqualität zusammenhängen könnte: „Während die bisher erhobenen Daten noch keine endgültige Aussage diesbezüglich zulassen, besteht dennoch die Annahme, dass Luftverschmutzung die Anfälligkeit dem Virus gegenüber erhöht,“ teilen die Autoren des Berichts jedenfalls mit.

Wörtlich heißt es dort: „Luftverschmutzung wird mit Herz-Kreislauf- sowie Atemwegserkrankungen assoziiert. Gleichzeitig sind diese beiden Vorerkrankungen als Risikofaktoren für den Tod von Coronavirus-Patienten identifiziert worden. Schlechte Luft kann außerdem Entzündungen der Lunge hervorrufen, was die Symptome von Corona ebenfalls verschlimmern kann. Daher ist zu erwarten, dass es bei manchen Personen die Anfälligkeit gegenüber dem Coronavirus erhöht, verschmutzter Luft ausgesetzt zu sein.“

Verlorene Lebensjahre

Für die menschliche Gesundheit im Allgemeinen wird die Auswirkung unsauberer Luft an zwei Werten gemessen: Der Rate an frühzeitigen Todesfällen und der daraus errechneten Zahl verlorener Lebensjahre (Years of life lost, YLL).

Die stärksten negativen Auswirkungen auf die Gesundheit hat die Luftverschmutzung dem Bericht zufolge für Deutschland, Italien, Polen, Frankreich und Großbritannien. 76.300 Personen seien 2018 in Deutschland frühzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung durch Feinstaub, NO2 und O3 gestorben.

Besonders im Hinblick auf die NO2-Konzentration steht die Bundesrepublik im Vergleich mit anderen europäischen Staaten schlecht da, wie aus dem Bericht hervorgeht.

Grund für die hohen NO2-Werte, die Deutschland verzeichnet, sei unter anderem der hohe Anteil an Dieselfahrzeugen, erklärt Ute Dauert, Leiterin des Fachgebiets Beurteilung der Luftqualität beim Umweltbundesamt, das die von der EUA präsentierten Daten auf deutscher Seite erhebt. „Diesel hat bei uns einen Stellenwert, den er in anderen Ländern so nicht hat,“ so Dauert.

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Die Expertin sieht die Ergebnisse des Berichts dennoch differenziert: Die Auswertung der EUA beziehe sich auf Messungen der Luftqualität aus dem Jahr 2018. Seitdem habe sich aber viel verändert. Die NO2-Konzentrationen etwa seien im Jahr 2019 in Deutschland „nahezu abgestürzt“, so Dauert. „Die Zahl der Grenzwertüberschreitungen von NO2 hat sich 2019 gegenüber dem Vorjahr mehr als halbiert.“

Ein Grund für den positiven Trend sei der „starke Flottenwechsel auf sauberere Fahrzeuge“, so die Fachgebietsleiterin. Der Wechsel hin zu Fahrzeugen, die die Abgasnorm Euro 6 d-TEMP oder besser erfüllen, bringe „erhebliche Reduktionen“ an luftverschmutzenden Stickstoffoxid-Ausstößen mit sich.

Und auch in deutschen Städten sei laut Dauert viel getan worden. Tempolimits, geänderte Verkehrslenkungen, streckenbezogene Fahrverbote und Maßnahmen wie etwa die Nachrüstung der Busflotten trügen zu einem spürbaren Rückgang der Luftverschmutzung bei.

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