Europäische Atom-Allianz fordert 30 neue Reaktoren: Ein Kostenüberblick

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Die Kosten für zusätzliche 50 Gigawatt Atomkraft werden auf fünf bis elf Milliarden Euro pro Gigawatt geschätzt – eine Spanne, die "ein hohes Maß an Unsicherheit und große Unterschiede in den Annahmen" zeige, sagte der Energieökonom Professor Jaques Percebois gegenüber Euractiv. [Shutterstock/M.Pakats]

15 EU-Mitgliedstaaten, die sogenannte Atomkraft-Allianz, haben erklärt, dass die EU bis 2050 zusätzliche 50 Gigawatt an Atomenergie benötige, um die Ziele der Energiewende zu erreichen. Dies erfordere den Bau von mehr als 30 neuen Reaktoren. Dabei spielen die Kosten eine entscheidende Rolle.

Die Kosten für zusätzliche 50 Gigawatt Atomkraft werden auf fünf bis elf Milliarden Euro pro Gigawatt geschätzt – eine Spanne, die „ein hohes Maß an Unsicherheit und große Unterschiede in den Annahmen“ zeige, sagte der Energieökonom Professor Jaques Percebois gegenüber Euractiv.

Grundlegende Annahmen

Wenn die Kosten in Bezug auf die Stromerzeugung (gemessen in Kilowattstunden [kWh] oder Gigawattstunden [GWh]) ausgedrückt werden, werden die Gesamtkosten für die Erzeugung einer Stromeinheit dabei berücksichtigt: Investitionen in den Bau, Betrieb (täglicher Betrieb, Wartung) und Brennstoff (Beladung, Lebenszyklus). Dies sind die sogenannten Stromgestehungskosten (Levelised Cost of Energy, LCOE).

Die Schätzungen konzentrieren sich jedoch häufig auf die für den Bau der Anlage (gemessen in Kilowatt oder Gigawatt) erforderlichen Investitionskosten.

„Denn sie machen etwa 70 Prozent der Kosten eines neuen Reaktors aus, während die Betriebskosten nur etwa 15 Prozent und die Brennstoffkosten etwa 15 Prozent des Gesamtbetrags ausmachen“, erklärte Percebois.

Unterschiedliche Schätzungen können die Kosten für die Stilllegung von Anlagen und die Abfallbehandlung einschließen oder ausschließen. Die Kostenangaben können auch stark von Annahmen über externe Faktoren wie künftige Inflationsraten beeinflusst werden.

Frankreichs Energiekonzern EDF kämpft mit seinen Atomprojekten

Der staatliche französische Energiekonzern EDF wird wegen steigender Kosten und Verzögerungen bei seinen Atomprojekten stark kritisiert. Auch bei bestehenden Reaktoren gibt es Probleme. Damit steht EDF und der gesamte Nuklearsektor vor einigen Herausforderungen.

Bau und Finanzierung

Das Herzstück des Baus sind die Finanzierungskosten, die die endgültige Baukostenrechnung „um mehr oder weniger 30 Prozent“ beeinflussen können, so Percebois.

Es gibt vier nicht ausschließliche Möglichkeiten für Entwickler, ihre Projekte zu finanzieren: Eigenkapital, Eigenkapitalfinanzierung, Kreditaufnahme und öffentliche Zuschüsse.

Heute sind externe private Kapitalbeteiligungen an der Entwicklung von Atomkraftwerken in Europa selten.

Ein Modell, das derzeit geprüft wird, ist die Beteiligung einer Genossenschaft großer industrieller Stromverbraucher am Bau eines Kraftwerks. Im Gegenzug erhalten sie Exklusivrechte für den gesamten oder einen Teil des erzeugten Stroms. Dieses Modell wurde in Finnland für den neuesten Reaktor Olkiluoto 3 gewählt.

„Es ist denkbar, aber es wird nicht das am weitesten verbreitete Modell in Europa sein, da nur wenige Verbraucher in der Lage sind, die Leistung eines großen Atomreaktors zu absorbieren“, so François Lévêque, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule für Ingenieurwesen Mines Paris PSL.

Daher ist die Kreditaufnahme der wichtigste Kanal für privates Kapital zur Finanzierung des Baus von Atomreaktoren.

Die Kosten für die Kreditaufnahme können beträchtlich sein, je nach Höhe des beantragten Betrags, dem Kreditnehmer und dem Vertrauen der Bank in die Erfolgsaussichten des Projekts.

Es gibt viele Möglichkeiten, diese Zinskosten zu senken. Die wichtigste ist die Verringerung des Darlehensvolumens durch die Maximierung des Einsatzes von öffentlichen Subventionen und staatlich gesichertem Eigenkapital.

Jeder Staat, der den Bau von Atomkraftwerken subventionieren möchte, muss sich an die EU-Vorschriften für staatliche Beihilfen halten. Eine Reihe von Mitgliedstaaten fordert auch die Möglichkeit, zur Finanzierung der Atomkraft auf europäische Fonds zurückzugreifen oder sogar neue spezielle Fonds einzurichten.

Die Unterstützung der Finanzierung durch öffentliche Banken, wie die Europäische Investitionsbank (EIB), kann sich ebenfalls als entscheidend erweisen.

„Ihr Beitrag ist aufgrund der niedrigen Zinssätze und der Signalwirkung für andere Investoren unerlässlich“, erklärt Valérie Faudon, Generaldelegierte von Sfen, der französischen Vereinigung zur Förderung der Atomkraft.

Schließlich kann ein staatlicher Anteilseigner, wie Frankreich im Falle von EDF, direkte Kapitalzuführungen vornehmen, was das Risiko einer Insolvenz verringert. Generell können Atomunternehmen ihre eigenen Bilanzen zur Finanzierung des Baus nutzen. Beide Ansätze können dazu beitragen, die Zinssätze für etwaige Begleitkredite zu senken.

Stromproduktionsraten

Die erwartete Stromproduktionsrate eines Atomkraftwerks hat großen Einfluss auf die geschätzten Betriebskosten.

In Frankreich „hat der Optimismus der Kommission für Energieregulierung [CRE] in Bezug auf das Produktionspotenzial der Atomkraft zu einer Schätzung der aktuellen Atomstromkosten [für eine Flotte von 56 in Betrieb befindlichen Reaktoren] von etwa 60 Euro pro Megawattstunde geführt, verglichen mit 75 Euro pro Megawattstunde für EDF“, so Jacques Percebois.

Die Erzeugungsraten der Atomkraft lassen sich nur schwer vorhersagen, da „es […] weitgehend vom Stromsystem und -mix in den kommenden Jahren abhängt, dessen Zusammensetzung erst in 15 oder 30 Jahren klar sein wird“, so Lévêque weiter.

EU-Investitionsbank zögert weiterhin bei Finanzierung von Atomprojekten

Die Europäische Investitionsbank (EIB) versetzte der Atomindustrie auf dem Internationalen Atomenergiegipfel in Brüssel letzte Woche einen schweren Schlag. Sie zauderte bei der Forderung der Branche nach mehr Finanzmitteln für Atomprojekte.

Die Wahl der Technologie

Die für den Reaktor gewählte Technologie ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung.

Die schiere Größe großer Reaktoren bringt Komplexität mit sich, was zu Bauverzögerungen und Kostenüberschreitungen geführt hat. Dies ist im Wesentlichen der Fall bei den im Bau befindlichen Reaktoren in Frankreich im Atomkraftwerk Flamanville und im Vereinigten Königreich im Werk Hinkley Point.

„So wie man nie denselben Flughafen zweimal findet, wird man auch nie denselben Atomreaktor zweimal finden“, erklärte Lévêque. „Infolgedessen […] stagnieren oder steigen die Kosten, aber sie sinken nie.“

Serienbau = niedrigerer Preis pro Einheit

Befürworter kleiner modularer Reaktoren (SMR) argumentieren, dass dieses Problem durch den Serienbau kleinerer Atomkraftwerke überwunden werden kann.

Dank des Serieneffekts können die Kosten pro Einheit von in Serie gebauten Reaktoren „20 bis 25 Prozent“ niedriger liegen als die Kosten für den ersten Reaktor, so Percebois. Die Internationale Energieagentur (2021) und Sfen (2018) schätzen eine Senkung von bis zu 30 Prozent sei möglich.

In Frankreich gehen Experten davon aus, dass diese Kosteneinsparung ab dem fünften Reaktor zum Tragen kommen wird.

Während große Reaktoren vom Serieneffekt profitieren können, ist dieser Effekt größer, wenn viele Reaktoren gebaut werden – wie es bei SMR der Fall sein könnte.

Mehr Klarheit erforderlich

Diese Kombination von Faktoren erklärt die großen Unterschiede bei den Kostenschätzungen für neue Atomkraftwerke. Irgendwann wird es jedoch notwendig sein, „Zahlen zu haben“, warnte Percebois – und sei es nur, um den Finanzierungsbedarf abzuschätzen.

EDF wünscht sich mehr Klarheit darüber, wie viele Reaktoren in Europa entwickelt werden sollen. Denn die angekündigten (aber nicht unbedingt bestätigten) 58 Gigawatt an neuen Atomkraftkapazitäten würden nicht ausreichen, damit Europa bis 2050 150 Gigawatt erreichen kann.

[Bearbeitet von Anna Martino/Donagh Cagney/Alice Taylor/Kjeld Neubert]

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