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17/01/2017

EU-Umweltbericht: Lebensräume für viele Arten sind gefährdet

Energie und Umwelt

EU-Umweltbericht: Lebensräume für viele Arten sind gefährdet

Der Bestand vieler Vogelarten in der EU ist gefährdet oder dezimiert.

[Neil Smith/Flickr]

Der Bericht zum Zustand der Natur in der EU stellt fest: Rund die Hälfte aller Wildvögel haben einen „sicheren Erhaltungszustand“ – die EU-Programme zu ihrem Schutz scheinen zu funktionieren. Doch die Bilanz des Berichts ist gemischt. EurActiv Brüssel berichtet.

Der Bericht zum Zustand der Natur in der Europäischen Union für den Zeitraum 2007-2012 stellt eine Gefährdung von 17 Prozent der Vogelarten, darunter einiger Greifvögel fest. Weitere 15 Prozent sind potenziell gefährdet oder ihr Bestand nimmt ab. Dazu gehören auch verbreitete Vogelarten wie die Feldlerche.

Es ist die bisher ausführlichste Bewertung des Zustandes der Natur, durchgeführt von Forschern der Europäischen Umweltbehörde. Demnach ist der Zustand der Lebensräume noch besorgniserregender als der der Arten. Ein Großteil weist einen ungünstigen Erhaltungszustand auf.

Dem Bericht zufolge ist der Zustand der Lebensräume im Grünland, in Feuchtgebieten und in Dünen besonders alarmierend. Das sei auf landwirtschaftliche Praktiken wie Überweidung, Aufgabe von Weidewirtschaftssystemen, Düngen und Pestizide zurückzuführen.

Die Forschung zeige, dass die Bemühungen zur Verbesserung sensibler Ökosysteme sehr wirksam sein können, sagte der Kommissar für Umwelt, Meerespolitik und Fischerei, Karmenu Vella. „Zudem wird in diesem Bericht auch das Ausmaß der noch vor uns liegenden Herausforderungen hervorgehoben“.

„Gezielte Erhaltungsmaßnahmen haben zwar zu Erfolgen geführt, aber es sind noch viel größere Anstrengungen erforderlich, um die Situation deutlich zu verbessern“, so die Kommission in einer Mitteilung zu dem Bericht.

Unter den Vögeln, die von gezielten Erhaltungsmaßnahmen profitieren, sind nach Angaben des Berichts Bartgeier und Weißkopfruderenten. Ihre Zahlen seien deutlich gestiegen.

Umweltgruppen zufolge zeige der Bericht die Notwendigkeit für strenge EU-Gesetze zum Umweltschutz. Die politischen Entscheider sollten sich nicht von Argumenten der Europaskeptiker gegen die Einmischung Brüssels ablenken lassen.

„Eine blühende Natur ist entscheidend für die Gesundheit und das Wohlbefinden von allen, die EU wäre also töricht, den Naturschutz im Namen des Bürokratieabbaus zu untergraben“, sagt Robbie Blake von Friends of the Earth.

Die am Dienstag angekündigte Politik der „besseren Regulierung“ der Kommission sieht sich Vorfwürfen ausgesetzt, wonach sie Umweltstandards senken wird. Der erste Vizepräsident der Kommission, Frans Timmermans, wies das zurück.

Umweltaktivisten erhoffen sich einen großen Beitrag des Berichts zur derzeitigen Bewertung der EU-Vögel – und Habitatsrichtlinie. Die Kommission führt sie durch, um zu entscheiden, ob die Richtlinie noch angemessen und zweckdienlich ist.

Positionen

Tony Long, Leiter des WWF European Policy Büro , sagte: "Präsident Juncker sollte diesen Bericht genau lesen, der von seiner eigenen Kommission vorbereitet wurde und zeigt, was die richtigen Werkzeuge zur Rettung von Europas Natur sind und dadurch die Erholung unserer Wirtschaft unterstützen. Europa hat einen enormen Schatz in seinen Händen, der gegen die zunehmende Gefährdung durch intensive Landwirtschaft und unhaltbare Energie- und Verkehrsentwicklungen verteidigt werden muss. Es gibt gute Möglichkeiten, mit der Natur zu arbeiten, und sie zahlen sich immer aus".

"Wir erwarten, dass dieses Stück Wissenschaft bei der momentanen Auswertung der EU-Naturrichtlinie stark berücksichtigt wird, da es mit konkreten Beispielen aus vielen Ländern beweist, dass die Natur sich erholen und den Menschen Vorteile bringen kann, wenn sie wirksam geschützt wird".

Ariel Brunder, Leiter der Abteilung Politik bei BirdLife Europe, sagt: "Der neue Bericht zeigt, dass Erhaltungsmaßnahmen Wirkung haben, dass die Gesamtsituation der EU-Biodiversität aber immer noch schlimm ist. Wenn wir uns nicht dringend der wichtigsten Einflussfaktoren für den Verlust der Biodiversität annehmen, insbesondere der Landwirtschaft, werden wir das Ziel für 2020 verpassen, wertvolle Lebensräume und Arten verlieren und als Gesellschaft einen hohen Preis bezahlen".

"Auf der positiven Seite gibt es deutliche Anzeichen, dass das Natura 2000-Netzwerk positive Folgen hat. In nur einer Woche haben sich über 100.000 europäische Bürger an der Konsultation der Kommission auf www.naturealert.eu beteiligt, um Natura 2000 zu retten. Die Erkenntnisse des Berichts Zustand der Natur bietet die wissenschaftliche Unterstützung dieser Forderungen. Lassen Sie uns hoffen, dass die Kommission beides in Erwägung zieht".

Hintergrund

Am Dienstag eröffnete die Kommission eine öffentliche Konsultation im Rahmen des "Eignungstests" der Naturschutzvorschriften der EU (Vogelschutzrichtlinie und Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie).

Dieser Eignungstest ist ein Teil der Strategie zur besseren Regulierung, die vom ersten Vizepräsidenten der Kommission, Frans Timmermans, angeführt wird. Sie soll das EU-Recht vereinfachen und die Regulierungskosten senken. Allerdings wird die Strategie dafür kritisiert, Sozial- und Umweltstandards zu gefährden.

Umweltaktivisten sorgen sich, dass die Konsultation der erste Schritt für eine Opferung der Vogelschutz- und Habitat-Richtlinien ist – um "unternehmensfreundlicher" zu werden.

Die Vogelschutzrichtlinie "betrifft die Erhaltung sämtlicher wild lebender Vogelarten, die im europäischen Gebiet der Mitgliedstaaten heimisch sind, auf einem Stand, der insbesondere den ökologischen, wissenschaftlichen und kulturellen Erfordernissen entspricht." Sie verbietet das Sammeln von Eiern und die Zerstörung von Nestern. Auch das Jagen wird auf bestimmte Jahreszeiten, Methoden und Arten begrenzt.

Hauptziel der Richtlinie ist "die Bewahrung oder Erhaltung natürlicher Lebensräume und Arten von gemeinschaftlichem Interesse". Das soll durch einen speziellen Erhaltungsstatus für über 1.000 Pflanzen- und Tierarten in rund 230 verschiedenen Lebensraumtypen geschehen.

Die EU hat einige der strengsten Naturschutzgesetze weltweit. Sie wird vom Natura 2000, einem Netzwerk von Schutzgebieten unterstützt. Es deckt beinahe ein Fünftel der Landfläche der EU und vier Prozent ihrer Seefläche.

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