EU übererfüllt Klimaziele 2020, muss sich für 2030 und 2050 dennoch anstrengen

Die Emissionen sind in der EU beständig zurückgegangen und lagen 2019 um 24 Prozent unter dem Niveau von 1990. Probleme gibt es dennoch. EPA/CARSTEN KOALL

Die Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union sind im vergangenen Jahr um 3,7 Prozent zurückgegangen. Damit ist der Block auf bestem Weg, sein Emissionsreduzierungsziel für Ende 2020 um vier Prozentpunkte zu überbieten, teilt die Europäische Umweltagentur (EUA) mit.

Die Emissionen sind in der EU beständig zurückgegangen und lagen 2019 um 24 Prozent unter dem Niveau von 1990. Das geht aus dem Trends and Projections Report 2020 hervor, der die Fortschritte auf dem Weg zu den Klima- und Energiezielen der EU verfolgt.

Der nun präsentierte Rückgang der Emissionen im Jahr 2019 ist bereits deutlich höher als das von der Europäischen Union für 2020 ausgegebene Ziel von 20 Prozent, heißt es in dem am Montag veröffentlichten Bericht.

„Dies hebt die Ergebnisse einer effektiven Klimapolitik hervor, die in der gesamten EU umgesetzt wird, und zeigt, dass es eindeutig möglich ist, ehrgeizigere Reduktionsziele bis 2030 zu erreichen und damit den Weg für eine klimaneutrale EU bis 2050 zu ebnen,“ so die EUA in  einer separaten Erklärung.

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Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, muss die Landwirtschaft reformiert werden. Rund 14 Millionen Tonnen Treibhausgase müssen dafür in Deutschland eingespart werden, wo die Landwirtschaft offiziell für 6,3 Prozent der Emissionen verantwortlich ist. Nun soll das EU-Klimaziel erhöht werden – welchen Anteil kann die Landwirtschaft leisten?

Vorläufige Daten deuten außerdem darauf hin, dass 19,4 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs in der EU-27 im vergangenen Jahr aus erneuerbaren Quellen wie Wasser-, Biomasse-, Wind- und Sonnenenergie stammten. „Die EU ist somit gut unterwegs, das 2020er-Ziel eines Mindestanteils von 20 Prozent zu erreichen,“ meint die EUA.

Allerdings könnten die Zahlen nach dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs in künftigen Berichten nicht mehr so rosig aussehen. Tatsächlich spiegeln die aktuellen Statistiken noch den Beitrag des UK zu den EU-weiten Zielen wider.

Und dieser Beitrag ist insgesamt positiv: So hatten die Emissionen auf den Inseln im vergangenen Jahr den niedrigsten Stand seit 1888 erreicht, was auf den rapide sinkenden CO2-Ausstoß zurückzuführen ist, der zum großen Teil durch das CO2-Handelssystem der EU (ETS) hervorgerufen wurde.

Auch insgesamt sorgte das EU-Emissionshandelssystem im EUA-Bericht für Zufriedenheit: Im Rahmen des ETS seien die Emissionen im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2018 um 9,1 Prozent zurückgegangen. Diese Emissionssenkungen seien bisher „beispiellos“. Noch wichtiger: Sie fallen in eine Zeit mit immerhin moderatem Wirtschaftswachstum. Dies unterstreiche eine gewisse „Entkopplung“ der energiebezogenen Emissionen vom BIP-Wachstum, erklärt die EUA.

„Es ist ermutigend, dass bereits vor diesem aktuellen Ausnahmejahr mit der Coronavirus-Pandemie in der Europäischen Union erhebliche Emissionsreduktionen erzielt wurden,“ zeigt sich auch Jutta Paulus, Mitglied der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament, zufrieden.

Paulus jedoch weiter: „Es werden aber enorme Anstrengungen erforderlich sein, um den Ausbau der erneuerbaren Energien im nächsten Jahrzehnt zu beschleunigen.“ Außerdem müsse das bisher „vernachlässigte Potenzial“ im Bereich Energieeffizienz endlich angegangen werden.

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„Wir können zwar zuversichtlich angesichts unserer Fortschritte sein; aber jetzt ist nicht die Zeit, um uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen,“ mahnt auch der erste Vizepräsident der Europäischen Kommission Frans Timmermans, der für die Umsetzung des Green Deal zuständig ist.

„Wir müssen unsere Anstrengungen in allen Wirtschaftssektoren verstärken,“ so Timmermans in seinem Vorwort zum jährlichen Fortschrittsbericht der Kommission zum Klimaschutz, der ebenfalls am Montag veröffentlicht wurde.

„Die Wende ist machbar, wenn wir an unserer Verpflichtung festhalten und die Chancen des Aufschwungs nutzen, um unsere Wirtschaft auf eine grünere, widerstandsfähigere Weise wieder anzukurbeln und eine gesunde, nachhaltige Zukunft für alle zu schaffen,“ fügt der niederländische Kommissar hinzu.

Noch Luft nach oben

Werden die bestehenden Richtlinien und Maßnahmen umgesetzt, so dürften die Gesamtemissionen in der EU-27 bis 2030 voraussichtlich um 30 Prozent gesenkt werden. Angesichts einiger ambitionierter nationaler Maßnahmen könnten die EU-Mitgliedsstaaten diese Emissionsreduktionen bis zum Ende des Jahrzehnts sogar auf etwa 41 Prozent bringen.

Dennoch würde man damit deutlich hinter dem Ziel einer 55-prozentigen Emissionssenkung zurückbleiben, das die Europäische Union aktuell ins Auge fasst.

Darüber hinaus lässt sich eine gewisse Verlangsamung der Fortschritte auf EU-Ebene erkennen: „Im Jahr 2019 weisen vorläufige Schätzungen auf insgesamt zwölf Länder mit Emissionswerten hin, die über ihren eigentlichen Jahreszielen liegen: Österreich, Belgien, Bulgarien, Zypern, Tschechien, Estland, Finnland, Deutschland, Irland, Luxemburg, Malta und Polen,“ stellt die EUA fest.

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Ebenso wird die EU wahrscheinlich auch das Energieeffizienzziel verfehlen, das im Gegensatz zum Ziel für erneuerbare Energien für die Mitgliedsstaaten allerdings nicht rechtsverbindlich ist.

Die Anstrengungen zur Senkung des Energieverbrauchs haben laut EUA in jedem Fall nicht ausgereicht. Schätzungen für 2019 zeigen, dass lediglich neun Mitgliedsstaaten auf dem richtigen Weg waren, um ihre jeweiligen Energieeffizienzziele für 2020 zu erreichen.

„Ich erwarte von Klimakommissar Timmermans ehrgeizige Gesetzesvorschläge für erneuerbare Energien, den Emissionshandel und den Bau- sowie Transportsektor. Nur so können wir im kommenden Jahr mit gutem Gewissen zur Klimakonferenz nach Glasgow reisen,“ fordert Paulus daher.

Auswirkungen der Pandemie

Die COVID-19-Krise werde es derweil wahrscheinlich erleichtern, die Ziele für 2020 zu erreichen, erwartet die EUA. Sie erinnert an den wirtschaftlichen Abschwung, der den Gesamtenergieverbrauch und die Treibhausgasemissionen, insbesondere im Verkehrssektor, stark reduziert hat.

Diese positiven Effekte könnten jedoch von kurzer Dauer sein, warnt die Agentur. Die langfristigen Auswirkungen der COVID-Krise auf das Erreichen der Ziele für 2030 seien überaus fraglich.

Daher wird im Bericht festgehalten: „Während die jüngsten Trends darauf hindeuten, dass die Ziele für die Emissionsreduzierung bis 2020 erreicht oder übererfüllt werden, erfordert die Einhaltung der Ziele für 2030 und 2050 weitere nachhaltige und langfristige Anstrengungen.“

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]

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