EU-Stromnetzausbau: Investitionslücke größer als befürchtet

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Europa muss möglicherweise mehr in Hochspannungsleitungen investieren als ursprünglich angenommen. Dies geht aus Untersuchungen hervor, die darauf hindeuten, dass die EU-Staaten den künftigen Zuwachs an erneuerbaren Energien systematisch unterschätzen. [Shutterstock/svetograph]

Die EU-Staaten unterschätzen in ihren Entwicklungsplänen systematisch die Geschwindigkeit, mit der erneuerbare Energien ausgebaut und in die Netze eingespeist werden. Dadurch ist die Investitionslücke größer als gedacht, wie eine neue Studie zeigt, die Euractiv vorliegt.

Europa hat ein Netzproblem. Während in der EU rasch neue Solarmodule und Windturbinen installiert werden, hinken die Investitionen in Hochspannungsfernleitungen und Niederspannungsverteilungsnetze hinterher. In einem Bericht aus dem Jahr 2023 wird die Lücke bis 2030 auf 583 Milliarden Euro beziffert. Neue Erkenntnisse, die exklusiv mit Euractiv geteilt wurden, deuten jedoch darauf hin, dass die Lücke noch größer sein könnte.

Elf EU-Staaten berücksichtigen die Ziele für erneuerbare Energien in ihren Netzplänen nicht ausreichend, was „die Gefahr birgt, dass die Energiewende in Europa ins Stocken gerät, wenn die Pläne nicht aktualisiert werden“, so Elisabeth Cremona, Analystin beim Energie-Think-Tank Ember, die die Studie durchgeführt hat.

Angesichts des Booms der Solarenergie und des Aufschwungs der Windenergie hat Ember herausgefunden, dass 19 Netzpläne den erwarteten Zubau von Solarmodulen um 205 Gigawatt unterschätzen, während die Windenergie in zehn Ländern mit insgesamt 17 Gigawatt unterschätzt wird.

Ohne ausreichende Stromleitungen bleiben die Solarmodule auf dem Trockenen sitzen. „Die Sicherstellung, dass Solar- und Windenergie tatsächlich an das System angeschlossen werden können, ist genauso wichtig wie die Module und Turbinen selbst“, sagte Cremona.

Netzengpässe können ein Risiko für die Energiewende darstellen. Je nach Land müssen neu errichtete Solaranlagen oft monatelang warten, bis sie ans Netz angeschlossen werden und den Investoren Geld einbringen.

Angemessene Netzplanungsprognosen sind von entscheidender Bedeutung, um sicherzustellen, dass Strom aus Regionen mit großem Potenzial an erneuerbaren Energien in die Nachfragezentren geleitet werden kann.

Einige Länder sind mit einer ähnlichen Problemlage wie Deutschland konfrontiert. Dort hat der Widerstand der Bevölkerung den Transfer von Windenergie aus dem Norden in den Süden um mehrere Jahre verzögerte. Heute beträgt der Rückstand bei den Stromleitungen 6.000 Kilometer – und die Stromrechnungen in Deutschland sind höher als in den meisten anderen europäischen Ländern.

In Spanien ist die Rechnung der Netzbetreiber für die Netzstabilität höher als ihre jährlichen Investitionen.

Längerfristig dürften sich die Probleme dort noch verschärfen. „Es besteht die Gefahr, dass die Netze nicht auf den bevorstehenden Solarschub vorbereitet sind“, so Ember. Da die europäischen Märkte für erneuerbare Energien zunehmend von Solarmodulen dominiert werden, weichen die Pläne der EU-Staaten um bis zu 82 Prozent von den aktuellen Prognosen ab.

Bemerkenswerte Ausnahmen sind Kroatien, Dänemark, Finnland und die Niederlande, deren Netzpläne mit dem erwarteten Anstieg der Solarenergie und – in geringerem Maße – der Windkraftanlagen Schritt halten.

„Der finnische Übertragungsnetzbetreiber Fingrid scheint sich bei seinen Szenarien an hochgesteckten politischen Zielen wie der Klimaneutralität [Finnlands] ab 2035 und der EU-Klimaneutralität ab 2050 zu orientieren“, schreibt der Think-Tank.

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[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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