EU setzt für den Green Deal auf Bioökonomie

Der EU-Kommissar für Landwirtschaft Janusz Wojciechowski spricht mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner auf der Internationalen Grünen Woche am 17. Januar in Berlin. [BERRY/EC]

This article is part of our special report Die „neun Ziele“ der GAP und die Bioökonomie.

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Die Europäische Kommission und die Mitgliedsstaaten wollen verstärkt das Konzept der „Bioökonomie“ nutzen: So sollen gerade im Bereich Landwirtschaft die politischen Prioritäten umgesetzt werden, die im Mittelpunkt der neuen EU-Umweltpolitik und des Green Deal stehen.

In einer Rede vor dem Landwirtschaftsausschuss des kroatischen Parlaments in Zagreb betonte Agrarkommissar Janusz Wojciechowski kürzlich, die Bioökonomie stelle „eine große Chance“ für die EU-Landwirtschaft dar, eine entscheidende Rolle für den Erfolg des europäischen Green Deal zu spielen.

„Wenn wir unsere Wirtschaft dekarbonisieren wollen, müssen wir mehr Biomasse produzieren, um damit Energie und biobasierte Materialien und Chemikalien herzustellen,“ so Wojciechowski weiter.

Auf dem EU-Ratstreffen zu den Themen Landwirtschaft und Fischerei im vergangenen Dezember hatte der polnische Kommissar bereits betont, die Vorteile, die die Bioökonomie bieten könne, seien „voll und ganz“ im Einklang mit den politischen Prioritäten, die den Kern des Green Deal ausmachen. Für die Erreichung dieser Ziele sei die Bioökonomie daher ein wichtiger Faktor.

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Was die praktische Seite der Entwicklungsstrategie betrifft, so wolle man sich auf die Anwendung eines sektorübergreifenden, kohärenten und ganzheitlichen Ansatzes, aber auch auf die für die Bioökonomie entscheidende „territoriale Dimension“ konzentrieren: „Die Rolle der politischen Entscheidungsträger auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene ist sehr wichtig, um die Entwicklung lokal verwurzelter Wertschöpfungsketten zu gewährleisten – aber innerhalb eines globalen strategischen Rahmens,“ erläuterte er.

Nach Ansicht des Kommissars ist die Förderung dieser Art von (lokalen) Wertschöpfungsketten, in die die Primärerzeuger vollständig und erfolgreich integriert sind, außerdem eine Voraussetzung, um mehr qualifizierte Arbeitsplätze und Innovattions-Know-How auf dieser Produktionsebene zu schaffen.

Die Bioökonomie wird darüber hinaus ausdrücklich als Teil der neun Hauptziele der reformierten Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) genannt. Somit werden alle Mitgliedsstaaten in nationalen Strategieplänen darlegen müssen, wie sie diese EU-weiten Ziele, einschließlich eben der Förderung der Bioökonomie, mit den Instrumenten der GAP erreichen wollen.

„Das vorgeschlagene neue Umsetzungsmodell bietet den Mitgliedsstaaten die Möglichkeit, maßgeschneiderte und stärker ergebnisorientierte Maßnahmen in diesem Bereich zu entwickeln,“ zeigte sich Wojciechowski optimistisch.

Motivationsschübe

Die Aktualisierung der Bioökonomiestrategie durch die EU-Kommission im Oktober 2018 hatte der Entwicklung des Rahmenwerks neuen Schwung verliehen.

Ursprünglich vor acht Jahren als ein Mittel zur Verringerung der Abhängigkeit Europas vom Erdöl konzipiert, wurde in der aktualisierten Fassung der Kommission die Bioökonomiestrategie von der Produktion von Biokraftstoffen auf jede Art „biobasierter Industrie“ ausgedehnt.

Die Strategie befasst sich nun mehr mit dem Konzept der Kreislaufwirtschaft im Allgemeinen als lediglich mit der Energienutzung. Erklärtes Ziel ist es, die bereits recht dynamischen europäischen Bio-Sektoren weiter zu stärken und auszubauen.

Kommission: Bioökonomie-Strategien müssen ausgeweitet werden

Laut Plänen von EU-Landwirtschaftskommissar Hogan müssen die EU-Staaten künftig auch Pläne für die Bioökonomie in ihre nationalen GAP-Strategieplänen aufnehmen.

Nach der Veröffentlichung der aktualisierten Strategie wurden im Jahr 2019 dann zwei hochrangig besetzte Konferenzen zur Bioökonomie von den EU-Ratspräsidentschaften Rumäniens und Finnlands veranstaltet.

Unter rumänischer Führung wurde der Fokus vor allem auf Forschungs- und Innovationsaspekte gerichtet, beispielsweise mit Blick auf eine stärkere Verzahnung mit dem aktuellen Forschungsprogramm „Horizon 2020“ und dem folgenden „Horizon Europe“.

Die Agrarforschung sollte wieder in die Diskussion über Bioökonomie eingebracht werden, forderte der rumänische Landwirtschaftsminister Petre Dea im vergangenen Juni bei einem informellen Treffen mit anderen zuständigen EU-Ministerinnen und -Ministern. Seiner Ansicht nach sei die Forschung ein wichtiger Treiber für die Landwirtschaft der Zukunft.

In der Debatte wurde auch mehrfach auf die Notwendigkeit hingewiesen, sicherzustellen, dass die Landwirte auch tatsächlichen Zugang zu diesem neuen Wissen erhalten und es entsprechend nutzen können.

Finnlands und Kroatiens EU-Vorsitze

Die finnische Präsidentschaft setzte die Diskussion fort und wies dabei nachdrücklich darauf hin, dass alle EU-Mitgliedsstaaten voneinander lernen, bewährte Praktiken miteinander teilen und den Grundsatz „Niemand darf zurückgelassen werden“ anwenden sollten.

Die finnische Regierung hob außerdem die entscheidende Rolle hervor, die nicht nur den Landwirten, sondern auch den Waldbesitzern bei der Verwirklichung einer europäischen Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie zukommt. Schließlich würden sie eine aktive Rolle bei der Bewältigung der mit dem Klimawandel verbundenen Herausforderungen spielen.

Die Landwirtschaftsministerinnen und -minister betonten auch mehrfach, dass der aus den biobasierten Wertschöpfungsketten resultierende Mehrwert zu gleichen Teilen zwischen den beteiligten Akteuren, einschließlich der Landwirte, aufgeteilt werden sollte. So erkenne man an, dass sie ein integraler Bestandteil dieser Wertschöpfungsketten sind.

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Die Bioökonomie wird darüber hinaus ausdrücklich im Programm der kroatischen Präsidentschaft erwähnt, zusammen mit einem Schwerpunkt auf Familienbetrieben und jungen Landwirten.

Auch bei seinem kürzlichen Besuch in Zagreb unterstrich Kommissar Wojciechowski, dass die Bioökonomie gerade für kleine und mittelständische Familienbetriebe eine große Hilfe und Chance sein könne.

Noch interessanter dürfte derweil sein, dass während der kroatischen Ratspräsidentschaft eine Evaluierung der überarbeiteten EU-Bioökonomiestrategie, zwei Jahre nach ihrer Verabschiedung, ansteht.

In diesem Zusammenhang soll die Umsetzung der Strategie – auch über den Agrarsektor hinaus – überprüft werden.

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Dieses Projekt wird mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission kann nicht für eine weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben haftbar gemacht werden.

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