EU-Parlament: Unterstützung für CO2-armen Wasserstoff, Schweigen zu Atomkraft

Jens Geier, deutscher Europaabgeordneter der sozialdemokratischen S&D und Verfasser des Berichts. [Alexis HAULOT / EP]

Der Industrie- und Energieausschuss des Europäischen Parlaments hat am Montag eine Resolution verabschiedet, mit der Wasserstoff unterstützt wird, der aus „CO2-armen“ Energiequellen hergestellt wird. Dies beinhaltet auch Gas mit CO2-Abscheidung. Die Kernenergie als mögliche Energiequelle wird im Antrag hingegen nicht erwähnt.

Der Entschließungsentwurf des Parlaments zur Wasserstoffstrategie der Europäischen Kommission (von Juli 2020) befürwortet kurz- bis mittelfristig die Verwendung von kohlenstoffarmem Wasserstoff als Mittel zur Weiterentwicklung des Marktes.

Die EU müsse „eine nachhaltige Wasserstoffwirtschaft entwickeln, die darauf abzielt, sauberen Wasserstoff so bald wie möglich wettbewerbsfähig zu machen“, heißt es in dem Entschließungsentwurf, der mit 46 Ja- und 25 Nein-Stimmen sowie fünf Enthaltungen angenommen wurde.

Erneuerbar oder nur "low-carbon"? EU-Länder streiten über Wasserstoff

In der EU stehen sich zwei gegensätzliche Lager gegenüber: die Befürworter von grünem Wasserstoff, der ausschließlich aus erneuerbarem Strom hergestellt wird, und die Befürworter einer breiter gefassten Definition von „CO2-armen“ Produktionsmöglichkeiten, die auch Kernkraft und dekarbonisierte Gase einschließt.

Auf komplett erneuerbaren Wasserstoff zu warten, käme einer „Vertröstung“ auf zehn bis fünfzehn Jahre gleich, erklärte Jens Geier, ein deutscher Europaabgeordneter der sozialdemokratischen S&D, der der Verfasser des Resolutionsentwurfs ist. „Wie lange blauer Wasserstoff verwendet wird, kann ich wirklich nicht sagen, weil ich kein Prophet bin. Es hängt von vielen Umständen ab, die wir nur bedingt politisch beeinflussen können,“ sagte er gegenüber EURACTIV.com.

Sogenannter „blauer“ Wasserstoff wird gewonnen, indem das CO2 aus der Erdgas-Produktion abgeschieden und unterirdisch gespeichert wird (engl. Carbon Capture and Storage, CCS). Laut der Wasserstoffstrategie der Europäischen Kommission wird dies als eine „CO2-arme“ Art der Wasserstoffproduktion angesehen.

Der Resolutionsentwurf wird nun an das Plenum des EU-Parlaments weitergeleitet, das im April darüber abstimmen wird.

Im Parlament hat sich die konservative Europäische Volkspartei (EVP) bereits für die Schaffung eines Marktes für Wasserstoff unter Verwendung von „kohlenstoffarmen“ Energiequellen ausgesprochen. „Die Grünen und die Linke sind hingegen nicht der Meinung, dass auch CO2-armer Wasserstoff in die Wasserstoffstrategie aufgenommen werden sollte, sondern dass sich die Einführung ausschließlich auf erneuerbaren Wasserstoff konzentrieren sollte,“ erklärt Angelika Niebler, Sprecherin der EVP für die Wasserstoffstrategie.

Einen reinen Fokus auf komplett erneuerbare Energien lehne die EVP strikt ab: „Wir sind der Meinung: Für die Entwicklung eines Wasserstoffmarktes brauchen wir CO2-armen Wasserstoff als Brückentechnologie.“

EU-Kommission skizziert Pläne für 100 Prozent erneuerbaren Wasserstoff

Die EU-Kommission hat ihre Pläne zur Förderung von Wasserstoff vorgestellt, der vollständig auf erneuerbarer Elektrizität basiert. Sie fügte jedoch hinzu, dass auch „CO2-armer“ Wasserstoff aus fossilen Brennstoffen unterstützt werden soll.

Die Umweltorganisation WWF und der Klima-Thinktank Sandbag warnen jedoch, dass der Bericht des Parlaments zumindest „mit Risiken behaftet“ sei, wenn CO2-armer Wasserstoff für öffentliche Gelder und politische Unterstützung in Betracht gezogen werde.

„Das Europäische Parlament hatte die Gelegenheit, eine Vision für eine wirklich effiziente, strategische Entwicklung von Wasserstoff zu liefern, aber es hat sie vertan,“ kritisierte Imke Lübbeke, Leiterin des Bereichs Klima und Energie beim WWF European Policy Office.

„Die rückschrittlichen Motive der Parlamentsdiskussion spiegeln den besorgniserregenden Trend wider, Wasserstoff in allen Formen und für alle Verwendungszwecke zu fördern, ohne zu berücksichtigen, welche anderen effizienteren Optionen existieren und ob eine bestimmte Anwendung von Wasserstoff im breiteren Kontext der Dekarbonisierung des Energiesystems überhaupt Sinn macht,“ fügte Adrien Assous von Sandbag hinzu.

Zufrieden zeigten sich die beiden hingegen, dass die MEPs zumindest eine gewisse Vorsicht bei der Beimischung von Wasserstoff zu Erdgas in den Pipelines an den Tag gelegt hatten – trotz intensiver Lobbyarbeit seitens der Industrie.

Thema Atomenergie vorerst nicht geklärt

Der Bericht betont die „Technologieneutralität“ – was bedeutet, dass keine separate Technologie besonders gefördert wird, sondern „der Markt“ entscheidet, so Niebler gegenüber EURACTIV.

Dabei wird allerdings nicht auf die Atomenergie als mögliche Energiequelle eingegangen, während die Kohlenstoffabscheidung, -nutzung und -speicherung (CCUS) erwähnt wird, obwohl beide weithin als CO2-arm gelten.

Auch in einem Wasserstoff-Entwurf, über den im Januar im Umweltausschuss des Parlaments abgestimmt wurde, hatte die Kernenergie wegen ihrer „politischen Sensibilität“ keine Erwähnung gefunden.

In diesem Fall habe man darauf verwiesen, dass die einzelnen EU-Länder die Souveränität über ihren Energiemix hätten, so Geier gegenüber EURACTIV.

EU-Kommission: Aus Atomkraft produzierter Wasserstoff ist "CO2-arm"

Die Europäische Kommission wird aus Atomkraft erzeugten Wasserstoff künftig als „CO2-arm“ betrachten, erklärte eine hochrangige EU-Beamtin.

Ein Kompromissänderungsantrag „unterstreicht die Rolle, die umweltverträgliche“ CCUS bei der Erreichung des Green Deal und der Reduzierung von Treibhausgasemissionen spielen können, fügt jedoch hinzu, dass „die EU-Netto-Null-Strategie direkten Emissionsreduzierungen und Maßnahmen zur Erhaltung und Verbesserung der natürlichen Senken und Speicher der EU Priorität einräumen sollte“.

CCUS ist noch nicht im kommerziellen Maßstab verfügbar. Laut dem Bericht 2019 Global Status of CCS sind weltweit bisher nur 19 CCUS-Anlagen in Betrieb, die insgesamt 40 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr abscheiden.

Die Internationale Energieagentur hat nahegelegt, dass „CCUS eine schnelle Skalierung der CO2-armen Wasserstoffproduktion unterstützen kann, um die aktuelle und zukünftige Nachfrage durch neue Anwendungen im Verkehr, in der Industrie und in Gebäuden zu decken“.

„Wir denken, dass wir diese Technologie – die Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (CCS) und die Kohlenstoffabscheidung und -nutzung (CCU) insbesondere für industrielle Anwendungen – hochskalieren müssen, also wollten wir ein positives Wording haben,“ so Niebler. „Wenn man sich den Kompromiss anschaut, den wir zu CCS und CCU gefunden haben, dann zeigt das, dass wir das riesige Potenzial bei der Einführung dieser Technologie und der Skalierung dieser Technologie sehen.“

Der Parlamentsbericht fordert derweil auch eine rechtliche Klassifizierung der verschiedenen Arten von Wasserstoff, die die Kommission voraussichtlich in der dritten Revision der Richtlinie für erneuerbare Energien im Juni festlegen wird, sowie die „dringende Notwendigkeit“ von EU-Normen zur Überwindung regulatorischer Hindernisse.

Es wird erwartet, dass der Bericht im April ins Plenum kommt.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]

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