EU-Kommission fordert deutlich mehr Offshore-Windenergie

Die Nordsee ist bereits der weltweit führende Standort für Offshore-Windenergie. [Vattenfall Nederland / Flickr]

Die Europäische Kommission sucht nach möglichen Wegen, den Anteil der erneuerbaren Energien am Energieverbrauch zu erhöhen. Daher sollen die Offshore-Energiekapazitäten in der EU „bis 2050 um das 25-fache erhöht werden“. Das geht aus einem Gesetzesentwurf vor, den EURACTIV.com einsehen konnte.

Dieser gewünschte Anstieg wird in einem geleakten Entwurf der neuen Offshore-Strategie der Europäischen Kommission hervorgehoben, der am kommenden Donnerstag vorgelegt werden soll. Demnach will sich die EU das Ziel setzen, bis 2030 60 GW und bis 2050 300 GW an Offshore-Windenergie zu generieren.

Die Nordsee, die Ostsee, der Atlantik, das Mittelmeer und das Schwarze Meer haben demnach allesamt Potenzial für einen stärkeren Einsatz von Windturbinen. Die Nordsee ist bereits der weltweit führende Standort für Offshore-Windenergie.

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„Die Windindustrie ist bereit, diese herausfordernden und ehrgeizigen Ausbauziele zu erreichen. Wind ist billig und skalierbar,“ zeigt sich Ivan Pineda von der Industrielobby WindEurope ebenso zufrieden wie zuversichtlich.

Die Branche brauche allerdings einen „überarbeiteten politischen Rahmen“, um diese Art von Wachstum erreichen zu können.

Die nun anstehende Offshore-Strategie wird vor allem von Deutschland vorangetrieben, das derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat und die größten Marktanteile in der EU besitzt – nachdem man 2019 selbst damit begonnen hatte, die kränkelnde Windbranche mit einem neuen Offshore-Plan wieder anzukurbeln.

Mehr erneuerbarer Strom durch Wind- und andere „Meeresenergie“

Die Strategie kommt auch zu einem Zeitpunkt, an dem die Kommission das EU-Ziel für erneuerbare Energien auf 38-40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs des Blocks anheben will – etwa das Doppelte des heutigen Anteils. Nur so könnten die aktualisierten Klimaziele 2030 erreicht werden.

„Die Kommission schätzt, dass im integrierten, umweltfreundlicheren und klimaneutralen Energiesystem des Jahres 2050 eine installierte Kapazität von 300 GW Offshore-Windenergie und etwa 60 GW Meeresenergie bis 2050 benötigt würde,“ so die EU-Exekutive in ihrem Entwurf. Zu besagter „Meeresenergie“ zählen beispielsweise Wellen- und Gezeitenenergie.

Der gewünschte rasche Anstieg wird voraussichtlich 789 Milliarden Euro an Gesamtinvestitionen erfordern, gleichzeitig aber auch 62.000 Arbeitsplätze in der Offshore-Windindustrie schaffen. Aus Sicht der Kommission ist diese Anstrengung daher zwar „sehr herausfordernd“, aber auch „machbar“.

Es wird erwartet, dass die Finanzierung über verschiedene Kanäle, einschließlich nationaler Pandemie-Recovery-Pläne, erfolgen soll, sodass die öffentliche Hand einen Teil der Marktrisiken übernehmen wird. Eine bevorstehende Revision der EU-Richtlinien für staatliche Beihilfen für Energieprojekte, die im kommenden Jahr ansteht, dürfte den nationalen Regierungen außerdem mehr Spielraum für die Finanzierung von derartigen Offshore-Projekten einräumen.

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Die deutsche Windkraftbranche wächst kaum noch. Um das selbstgesteckte Ziele von 65 Prozent erneuerbarer Energien noch zu erreichen, stellt Deutschland erstmals einen stärkeren Ausbau von Offshore-Windparks in Aussicht.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Die Strategie sieht weiter vor, dass die EU-Mitgliedstaaten beim Ausbau der Offshore-Windenergie verstärkt grenzüberschreitend zusammenarbeiten sollen. Entsprechende EU-Gesetzgebung für derartige „Hybridstandorte“ steckt jedoch noch in den Kinderschuhen, und Investitionen gestalten sich aufgrund komplizierter länderübergreifender Verhandlungen oftmals schwierig.

Aktuell gibt es daher lediglich einen derartigen Hybridstandort, bei dem die Turbinen an die Infrastruktur von mehr als einem Land angeschlossen sind: Kriegers Flak, ein Offshore-Windpark zwischen Deutschland und Dänemark, muss aufgrund fehlender EU-Rechtsvorschriften aktuell im Rahmen einer Übergangsregelung betrieben werden.

Die Kommission schlägt daher einen entsprechenden Rahmen vor und erklärt, dass Hybridprojekte einen „Zwischenschritt zwischen kleineren, rein nationalen Projekten und einem vollständig vernetzten Offshore-Energiesystem und -netz“ der EU bilden sollen.

Die Industrie begrüßt diesen Schritt und ruft zu einer raschen Umsetzung auf, um neue grenzüberschreitende Projekte zu schaffen: „Wir brauchen einen Rahmen, der es uns ermöglicht, in Offshore-Hybridprojekte zu investieren, sie zu betreiben und in ihnen zusammenzuarbeiten. Und wir brauchen ihn bis 2021,“ fordert WindEurope-Vertreter Pineda.

Er bekräftigt: „Es sind Projekte in der Pipeline, die nur darauf warten.“

Offshore-Windkraft boomt weiter – aber nicht genug für die Klimaziele

Im Jahr 2019 wurde in Europa ein Rekord bei der Bereitstellung neuer Offshore-Windkraftkapazitäten aufgestellt. Diese nahmen um 3,6 Gigawatt zu. Das Tempo ist dennoch nicht ausreichend, um die ehrgeizigen Klimaziele der EU zu erreichen.

Teil der Kommissionsstrategie zur Förderung derartiger Hybridnutzung ist die Schaffung von Offshore-Bieterzonen, um sicherzustellen, dass die Stromerzeugung in den EU-weiten Strommarkt integriert und der Strom dann in ganz Europa genutzt wird.

Pineda warnt jedoch, dass Offshore-Bieterzonen nicht automatisch die Probleme von Hybridprojekten lösen würden. Sie allein dürften keine ausreichende Investitionssicherheit bieten: „Die Europäische Kommission sollte klarstellen, wie […] Erlöse zwischen Übertragungsnetzbetreibern und Windparkeigentümern verteilt werden können.“ Ohne diese Maßnahme würden die geplanten Regelungen die Offshore-Entwicklung wohl nicht vorantreiben.

Schaffe‘, schaffe‘, Infrastruktur baue‘

Die EU-Strategie zielt derweil auf die gesamte Wertschöpfungskette der Offshore-Windenergie ab, einschließlich der Herstellung von Bauteilen und der Weiterentwicklung der Hafeninfrastruktur an Land.

WindEurope begrüßt dies und betont, dass mehr Nachdruck auf den (Aus-) Bau von Häfen gelegt werden müsse: Diese benötigen Lagerraum für Rotorblätter, die inzwischen über 100 m groß sein können, sowie baulich verstärkte Kais und tiefere Liegeplätze für die Transportschiffe.

Auch der Ausbau der Stromnetze an Land sei integraler Bestandteil der Offshore-Wertschöpfungskette: „Wir dürfen nicht vergessen, die notwendigen Investitionen an Land zu tätigen; in Netzanschlüsse und vor allem in Häfen“, fasst Pineda zusammen.

Die Kommission ist sich dessen offenbar bewusst: „Der Netzausbau hat längere Vorlaufzeiten (in der Regel zehn Jahre oder mehr) als die Offshore-Energieerzeugung selbst, was die Notwendigkeit zukunftsweisender Netzinvestitionen unterstreicht,“ heißt es im Entwurf.

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Mehrere nord- und westeuropäische Staaten fordern ein EU-Rahmenwerk, mit dem die aktuell bestehenden Hindernisse für „hybride“ Offshore-Windenergieprojekte über Ländergrenzen hinweg beseitigt werden sollen.

Globaler Wettbewerb

Ein Hauptziel der neuen Offshore-Strategie ist es in jedem Fall, die Führungsrolle der EU im Sektor zu sichern. Derzeit sind 42 Prozent der weltweiten Offshore-Kapazitäten in Europa installiert.

„Die Offshore-Windenergie ist die Geschichte einer unangefochtenen technologischen und industriellen Führungsrolle Europas“, heißt es in dem Dokument, in dem auch daran erinnert wird, dass der weltweit erste Offshore-Windpark 1991 vor der Südküste Dänemarks gebaut wurde.

Allerdings wird die europäische Vormachtstellung inzwischen zunehmend von China und auch Indien herausgefordert, fügt die Kommission hinzu: „Fast die Hälfte der weltweiten Offshore-Windkraftinvestitionen im Jahr 2018 wurden in China getätigt.“

Krisengeplagte Windbranche fordert schnelles Handeln der Regierung

Deutschland versucht den Atom- und Kohleausstieg, doch zugleich kommt der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht wie geplant voran. Helfen könnte eine EU-Ausbaustrategie für erneuerbare Energien, meint der Branchenverband.

Daher müsse die EU einen „entschlosseneren Ansatz verfolgen, wenn es darum geht, ihre Interessen durch Handelspolitik zu fördern“, heißt es in dem Dokument.

„Freihandelsabkommen und internationale Zusammenarbeit sollten einen unverzerrten Handel und unverzerrte Investitionen zum Ziel haben und die Gegenseitigkeit des Marktzugangs gewährleisten, aber auch die Notwendigkeit der Konvergenz von Normen und Standards berücksichtigen,“ heißt es in der Strategie weiter – wohl gerade mit Blick auf China.

In der direkten Nachbarschaft könnte sich die EU indes der wachsenden Konkurrenz des Vereinigten Königreichs gegenübersehen, das seine Offshore-Kapazitäten ebenfalls vergrößern möchte.

Auch in den USA wird von der wohl in knapp zwei Monaten ins Amt kommenden Biden-Regierung erwartet, dass sie politische Maßnahmen zur Förderung der Windkrafttechnologie wieder auf den vorherigen Pfad zurückbringt.

„Das bedeutet Konkurrenz für Europa,“ weiß auch Industrie-Vertreter Pineda. „Aber es bedeutet ebenso Innovation, Lernen und Zusammenarbeit. Die Sparte Offshore-Windenergie wird noch wettbewerbsfähiger werden.“

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]

> Lesen Sie den Entwurf der Kommission unten oder laden Sie das Dokument hier herunter:

Offshore-strategy-draft_FS

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