EU-Kommission: Aus Atomkraft produzierter Wasserstoff ist „CO2-arm“

Das Don-Quijote-Projekt in Belgien: Eine Tankstelle versorgt Fahrzeuge mit Wasserstoff. [Claudio Centonze / EC Audiovisual Service]

Die Europäische Kommission wird aus Atomkraft erzeugten Wasserstoff als „CO2-arm“ betrachten, erklärte eine hochrangige EU-Beamtin am vergangenen Montag (16. November) vor dem Europäischen Parlament.

„Die Elektrolyse kann mit erneuerbarer Elektrizität durchgeführt werden. Dann wird der Wasserstoff als erneuerbar eingestuft,“ so Paula Abreu Marques, Leiterin des Referats für erneuerbare Energien und CCS-Politik in der Energiedirektion der EU-Kommission. „Wenn die Elektrolyseure an Kernkraftwerke angeschlossen werden, würde dies hingegen als CO2-armer Wasserstoff eingestuft werden“, erläuterte Marques den EU-Parlamentsabgeordneten im parlamentarischen Ausschuss für Umwelt, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit.

Diese Klarstellung der Europäischen Kommission war offenbar notwendig, denn in der Wasserstoffstrategie der EU, die im Juni dieses Jahres vorgestellt worden war, wird Atomkraft tatsächlich nicht erwähnt.

Wasserstoff: Knackpunkt Transport und Infrastruktur

Die Kosten für die Nachrüstung der Infrastruktur in Verbindung mit den Anforderungen der Endverbraucher auf lokaler Ebene werden bestimmen, ob gemischter oder reiner Wasserstoff letztendlich an den Endverbraucher geliefert wird.

Bei der Nutzung von Kernenergie zur Wasserstofferzeugung wird das Endprodukt als „violetter Wasserstoff“ bezeichnet. Sie bietet den Vorteil niedrigerer CO2-Emissionen im Vergleich zur Elektrolyse per Erdgas, sogenannter grauer Wasserstoff. Letztere ist derzeit am weitesten verbreitet.

Als die Kommission ihre Wasserstoffstrategie vorstellte, führte sie das Konzept des „sauberen Wasserstoffs“ in Bezug auf Herstellungsverfahren ein, bei denen erneuerbare Elektrizität verwendet wird. Diese Art der Wasserstoffproduktion ist die klare Priorität der EU.

Weiter heißt es im Gesetzestext: „CO2-armer Wasserstoff umfasst fossilen Wasserstoff mit CO2-Abscheidung und strombasierten Wasserstoff, bei dem die über den gesamten Lebenszyklus entstehenden Treibhausgasemissionen erheblich geringer sind als bei der derzeitigen Wasserstofferzeugung.“

Atomkraft wird hingegen nicht genannt, obwohl diese – ungeachtet ihrer anderen Risiken – durchaus als CO2-arm angesehen werden kann.

Energieintensiver Wasserstoff

Wasserstoff wird als Mittel zur Dekarbonisierung von Schwerindustrien wie der Chemie- und Stahlindustrie oder des Fernverkehrs wie der Luft- und Schifffahrt gesehen. Die Verfahren zu seiner Herstellung selbst sind jedoch recht energieintensiv und ineffizient.

Derzeit werden rund 95 Prozent des Wasserstoffs per Elektrolyse mit Erdgas hergestellt. Laut dem französischen Energieversorger EDF werden für die Herstellung von 1 kg Wasserstoff 10 kg CO2 ausgestoßen. Pläne zur Verwendung von Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (carbon capture and storage, CCS) zur Verringerung der Emissionen befinden sich noch in der Entwicklung.

In ihrer neuen, sieben Milliarden Euro schweren nationalen Wasserstoffstrategie kündigt die französische Regierung an, „kohlenstoffarme“ Quellen nutzen zu wollen. Atomkraftwerke als Energiequelle für die Elektrolyse dürften also genutzt werden. Deutschland hingegen hat angekündigt, insbesondere „grünen“ Wasserstoff aus erneuerbaren Energien wie Offshore-Wind zu produzieren. (Mehr zur „Wasserstoff-Farbenlehre“ hier)

„Ich bin überrascht, dass Wasserstoff aus Kernenergie [in der Strategie der Kommission] nicht erwähnt wird,“ so die französische Europaabgeordnete Joëlle Mélin von der rechtsextremen Fraktion Identität und Demokratie. Sie behauptet: „Erneuerbare Energien werden nicht ausreichen. Ich denke, dass wir bei der Definition von sauberem Wasserstoff weiter gehen müssen.“

Brüssel wird neuen AKWs "nicht im Weg stehen"

Die Europäische Kommission werde Ländern, die sich für den Bau neuer Atomkraftwerke entscheiden, „nicht im Weg stehen“, so EU-Klimachef Frans Timmermans.

Die Forschung im Bereich der Kernkraft zur Wasserstofferzeugung hat in letzter Zeit an Dynamik gewonnen. Anfang des Jahres teilte der französische Energieversorger EDF mit, man hege Pläne für die Erzeugung von Wasserstoff mit Energie aus britischen Kernkraftwerken. Ein von der Gruppe angeführtes Konsortium erklärte, dies würde einen erheblichen Teil des prognostizierten Energiebedarfs des Landes decken.

In den Vereinigten Staaten hat die Regierung bereits 2003 die „Nukleare Wasserstoff-Initiative“ ins Leben gerufen, in der detailliert beschrieben wird, wie Kernkraftwerke durch die Produktion von Wasserstoff als zweite Einnahmequelle zu „hybriden Energiesystemen“ werden könnten.

Die Europäische Kommission wünscht sich ihrerseits, dass sauberer Wasserstoff eine Ergänzung zu einer auf erneuerbaren Energien basierenden Energiewirtschaft wird, betonte Marques. Die EU-Exekutive geht davon aus, dass sauberer Wasserstoff bis 2050 rund 24 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken könnte.

Man wolle die Installation von Wasserstoff-Elektrolyseure mit Kapazitäten von mindestens 6 GW zur Erzeugung von bis zu einer Million Tonnen Wasserstoff unterstützen. Bis 2030 soll diese Kapazität auf 40 GW steigen und spätestens 2050 in großem Maßstab eingesetzt werden.

Unterschiedliche Meinungen

Wie sauber Wasserstoff ist, hängt in jedem Fall von der Energiequelle ab, mit der er hergestellt wird. Während der Debatte im Umweltausschuss des Parlaments sprachen sich die grünen Europaabgeordneten klar für erneuerbaren Wasserstoff („grün“) gegenüber dem derzeit am meisten verwendeten Erdgas („grau“) aus.

„Wir haben noch viel zu tun, um sicherzustellen, dass wir uns mit unserer Strategie nicht selbst ins Knie schießen. Wir dürfen nicht zulassen, dass dies zu einer „Greenwashing“-Aktion wird, die uns in eine weitere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen führt,“ warnte der schwedische Grünen-Abgeordnete Pär Holmgren.

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Hildegard Bentele, eine deutsche CDU-Abgeordnete sowie Berichterstatterin des Parlaments über die Wasserstoffstrategie der EU, sprach sich für Wasserstoff im Allgemeinen aus und betonte, dieser verspreche ein nachhaltigeres Energiesystem: „Wir müssen die Möglichkeiten des Wasserstoffs so schnell wie möglich nutzen, um uns selbst den Weg zur Klimaneutralität zu erleichtern.“ Sie warnte jedoch, dass es Zeit brauchen werde, die Produktion hochzufahren und Finanzierungsmechanismen einzurichten, um den Prozess zu beschleunigen.

Tiemo Wölken, ebenfalls deutscher Europaabgeordneter der sozialdemokratischen S&D, warnte hingegen, er sei skeptisch gegenüber Verfahren zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung. Außerdem sei die Nutzung von Kernenergie oder gar Kohle zur Wasserstofferzeugung keine gute Alternative.

Auf der anderen Seite der Debatte sprach sich Alexandr Vondra, ein konservativer tschechischer Europaabgeordneter (EKR), für den sofortigen Ausbau der Wasserstoffproduktion aus, insbesondere durch den weiteren Einsatz von Erdgas: „Die Verwendung von aus Erdgas hergestelltem Wasserstoff kann gewichtige Vorteile haben. Er kann lokal produziert werden, wodurch die ökologischen und finanziellen Kosten des Transports vermieden werden können.“

Vondra glaubt auch: „Außerdem kann dies bei einer [sozial] gerechten Energiewende helfen: Sie können die gleichen Leute weiter beschäftigen, die bereits bei den Unternehmen für fossile Brennstoffe arbeiten.“

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]

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