EU-Fachleute sehen Atomkraft als „grüne Investition“

"Die Analysen ergaben keine wissenschaftlich fundierten Belege dafür, dass die Atomenergie die menschliche Gesundheit oder die Umwelt stärker schädigt als andere Technologien zur Stromerzeugung," heißt es im Berichtsentwurf. [EPA-EFE/RONALD WITTEK]

Fachleute, die mit der Beurteilung beauftragt sind, ob die Europäische Union Atomenergie als „grüne Investition“ ansehen sollte, werden wohl zu dem Schluss kommen, dass dies tatsächlich der Fall und die Kernkraft „nachhaltig“ ist. Dies geht aus einem geleakten Dokument hervor.

Die Europäische Kommission versucht aktuell, ihre sogenannte „Taxonomie“ fertigzustellen, in der festgelegt wird, welche wirtschaftlichen Aktivitäten in der EU als „nachhaltige Investitionen“ gekennzeichnet werden können. Die entsprechende Einschätzung basiert auf Prüfungen, ob die jeweiligen Energie-Technologien strenge Umweltkriterien erfüllen.

Die EU-Fachleute waren sich letztes Jahr uneinig darüber, ob die Kernenergie ein solches grünes Label verdient. Zwar erkannte man an, dass bei der Stromerzeugung mit Atomkraft relativ geringe CO2-Emissionen erzeugt werden. Gleichzeitig brauche es aber mehr Analysen über andere Umweltauswirkungen, insbesondere bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle.

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Die Kommission hatte ihre Gemeinsame Forschungsstelle (GFS) mit einem Bericht zu diesem Thema beauftragt. Ein Entwurf des GFS-Berichts, den EURACTIV.com und andere Medien einsehen konnten und der diese Woche veröffentlicht werden soll, besagt nun tatsächlich, dass die Atomkraft ein grünes EU-Label verdient.

„Die Analysen ergaben keine wissenschaftlich fundierten Belege dafür, dass die Atomenergie die menschliche Gesundheit oder die Umwelt stärker schädigt als andere Technologien zur Stromerzeugung,“ heißt es im Berichtsentwurf. Die Lagerung von Atommüll tief unter der Erde sei „angebracht und sicher“.

Allerdings wird zu Letzterem auch eingeräumt, dass „derzeit keine langfristigen Betriebserfahrungen vorliegen“. Viele „Technologien und Lösungen“ für die Atommüll-Lagerung befänden sich noch in der „Demonstrations- und Testphase“.

Dennoch: „Bezüglich hochradioaktiver Abfälle und abgebrannter Brennelemente besteht ein breiter Konsens unter Wissenschaftlern, Technikern und Aufsichtsbehörden, dass die Endlagerung in tiefen geologischen Lagern die effektivste und sicherste machbare Lösung ist. Diese kann sicherstellen, dass in der erforderlichen Zeitspanne kein signifikanter Schaden für Mensch und Umwelt entsteht,“ so die GFS.

Weitere Einschätzungen

Zwei weitere Expertenausschüsse werden nun drei Monate lang die Ergebnisse der GFS prüfen, bevor die Kommission eine endgültige Entscheidung trifft.

„Dies ist nur ein Schritt im Prozess,“ erinnerte ein Sprecher der Kommission gegenüber EURACTIV.com. Die Taxonomie-Frage werde „streng“ angegangen; schließlich sei „die Glaubwürdigkeit dieser Bewertung von entscheidender Bedeutung“, so der Sprecher weiter.

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Das EU-Parlament hat sich dafür ausgesprochen, dass Investitionen in Atomenergie nicht mit einem Label für „nachhaltige/grüne Finanzanlagen“ versehen werden dürfen.

Die EU-Länder sind beim Thema Atomkraft derweil gespalten. Im Vorfeld eines EU-Gipfels letzte Woche hatte eine Gruppe aus sieben Ländern, darunter Frankreich, Ungarn und Polen, die Kommission aufgerufen, die Kernenergie stärker zu unterstützen.

Andere Staaten, darunter insbesondere Österreich und Deutschland, sowie viele Umweltgruppen lehnen die Technologie hingegen ab und verweisen auf den gefährlichen Abfall, mögliche Unfälle sowie auch auf die inzwischen üblichen Verzögerungen und steigenden Kosten der jüngsten Projekte. „Die Atomindustrie sucht verzweifelt nach Geldern, da Atomkraft zu teuer ist und sich immer wieder neue Projekte in Rauch auflösen,“ so Silvia Pastorelli von Greenpeace.

Foratom, die Lobbygruppe der Atomindustrie, begrüßte indes den geleakten Bericht und teilte mit, dieser mache deutlich, „dass die Atomkraft weder der menschlichen Gesundheit noch der Umwelt mehr Schaden zufügt als jede andere energieerzeugende Technologie, die derzeit nach der Taxonomie als nachhaltig gilt.“

Foratom-Generaldirektor Yves Desbazeille erklärte weiter: „Jetzt, da diese Bewertung vorliegt, hoffen wir, dass die Kommission schnell einen klaren Hinweis darauf geben wird, wie und wann sie die Kernenergie in die Taxonomie einbeziehen will.“

"Sehr viel Unsicherheit" für die Atom-Industrie

Im kommenden Monat soll ein Expertenbericht vorgelegt werden, wie die Atomenergie im Rahmen der sogenannten „Taxonomie“ für grüne Finanzanlagen in der EU eingestuft werden soll. Die Atomindustrie wird offenbar nervös.

Kritik an der GFS

Greenpeace stellte unterdessen die Unabhängigkeit des GFS-Berichts in Frage und erinnerte, bei der Forschungsstelle handele es sich um eine „strukturell Pro-Atom-ausgerichtete Kommissionsdienststelle“. Diese sei ursprünglich 1957 unter Artikel 8 des Euratom-Vertrags eingerichtet worden, um „die notwendigen Bedingungen für die rasche Errichtung und das Wachstum von Atomindustrien zu schaffen“. Und obwohl sich die GFS seitdem auch auf andere Bereiche konzentriere, mache „die Kernforschung immer noch 25 Prozent ihrer Aktivitäten aus,“ so Greenpeace.

Tatsächlich hat Euratom der GFS für den Zeitraum 2021-2025 insgesamt 532 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Die Europäische Kommission wies die Behauptungen jedoch zurück und betonte, dass die GFS unabhängig bleibe und seit ihrer Gründung 1957 „umfangreiches technisches Fachwissen über Kernenergie“ erworben habe. Ein Sprecher sagte gegenüber EURACTIV: „Die GFS wurde gebeten, einen gründlichen, unabhängigen, faktenbasierten Bericht über Kernenergie und -technologie zu erstellen, der zusammen mit den Stellungnahmen der beiden Expertenausschüsse einen strengen Prozess gewährleisten wird, bei dem alle relevanten Perspektiven und Fakten berücksichtigt werden.“

[Bearbeitet von Josie Le Blond und Tim Steins]

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