EU erwägt gemeinsame Energiepolitik – trotz Widerstand aus den Mitgliedstaaten [DE]

Nach Plänen der Kommission sollen im Rahmen einer gemeinsamen Energiepolitik die nationalen Märkte bald vollständig geöffnet, eine gemeinsame Außenpolitik in Energiefragen entwickelt und erneuerbare Energien stärker gefördert werden. Allerdings will sie sich nicht in grundlegende energiepolitische Entscheidungen der Mitgliedstaaten, etwa in Bezug auf die Kernkraft, einmischen.

Die Kommission hat am 8. März 2006 ein „Grünbuch“ vorgestellt, in dem sie Vorschläge zu einer „Strategie für nachhaltige, wettbewerbsfähige und sichere Energie“ macht. 

Das Dokument wird die Grundlage für die Debatte zwischen den Mitgliedstaaten über die zukünftige Energiepolitik bilden. Einfließen werden außerdem Beiträge einzelner Länder und die Ergebnisse des EU-Frühjahrsgipfels, der am 23. und 24. März 2006 stattfindet. 

Das Grünbuch umreißt sechs „vorrangige Bereiche“: 

  1. Vollendung der europäischen Binnenmärkte für Gas und Strom (siehe EURACTIV-LinksDossier): möglicherweise Ernennung eines europäischen Energieregulierers, der grenzübergreifende Fragen aufgreift und über einen europäischen Netz-Kodex entscheidet
  2. Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit: Schaffung von Erdgasvorräten neben den existierenden Erdölvorräten, möglicherweise Einrichtung einer europäischen Stelle zur Beobachtung der Energieversorgung, um für mehr Transparenz bei Nachfrage und Angebot zu sorgen; außerdem erwägt Energiekommissar Piebalgs rechtliche Schritte gegen die EU-Länder, die die unter EU-Recht vorgeschriebenen Erdölvorräte noch nicht aufgebaut haben   
  3. Ein vielfältigerer Energieträgermix: Diversifizierung des Energiemixes, gleichzeit aber gilt: „Jeder Mitgliedstaaten und jedes Energieunternehmen entscheidet sich für seinen eigenen Energieträgermix.“ In einer regelmäßigen „Überprüfung der EU-Energiestrategie“ könnte untersucht werden, welche Auswirkungen nationalen Energiepolitiken auf andere EU-Länder haben. Bei Konflikten könnte die Gemeinschaft eingreifen. 
  4. Klimaschutz: Um der Klimaerwärmung entgegenzuwirken, schlägt die Kommissionen einen langfristigen Fahrplan für erneuerbare Energien vor, in dem unter anderem Ziele für 2020 und darüber hinaus festgelegt werden könnten (siehe LinksDossiers über Energieeffizienz und erneuerbare Energien). Ein Aktionsplan für Energieeffizienz, der ursprünglich im März/April 2006 vorliegen sollte, wird nun wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt 2006 vorgeschlagen werden   
  5. Ein strategischer Plan für europäische Energietechnologie: Ein solcher Plan sei erforderlich, damit „Überschneidungen in nationalen Technologie- und Forschungsprogrammen“ vermieden und „abgestimmte Forschungsinhalte und Einführungsstrategien“ ausgearbeitet werden und EU-Industrien auf diese Weise die Markt-Führerschaft im Energietechnologiebereich übernehmen könnten (siehe klimafreundliche Technologien)
  6. Eine gemeinsame Energieaußenpolitik (siehe auch LinksDossier über geopolitische Aspekte der Energieversorgung): Koordinierung der Beziehungen zu den Lieferantenländern wie Russland und den OPEC-Ländern, und evt. Bau neuer Infrastruktureinrichtungen, insbesondere von neuen Pipelines für Erdöl und Erdgas sowie von Flüssiggas-(LNG-)-Terminals zur Verbesserung der Versorgungssicherheit; im Rahmen des EU-Russland-Energiedialogs (siehe auch LinksDossier) könnte Russland außerdem dazu bewegt werden, den Vertrag über die Energiecharta, der während des Gasstreits im Januar 2006 zwischen Russland und der Ukraine ins Blickfeld geraten war, zu ratifizieren.

Der österreichische Ratsvorsitz hat gesagt, die Kommission setze in ihrem Grünbuch „die richtigen Schwerpunkte“. Laut des österreichischen Energieministers Martin Bartenstein sei es jedoch wichtig, alternative Energien und erneuerbare Energieträger stärker zu fördern: „Europa soll zum Weltmeister in Sachen Energieeffizienz und erneuerbare Energieträger werden“. Hierzu sei insbesondere notwendig, dass in neue Technologien investiert würde, unter anderem um Biomasse und Biogas besser zu nutzen.  Bartenstein begrüßte „das klare Bekenntnis der Kommission, dass der Energiemix nationale Kompetenz bleibe“, insbesondere mit Hinblick auf die Atomenergie. Österreich werde auch weiterhin ein klarer Atomgegner sein.

Frankreich hat seine eigenen Vorschläge bereits in Forms eines Memorandums veröffentlicht, dass im Januar an die Finanzminister ausgeteilt worden war. Die Vorschläge Frankreichs ähneln denen der Kommission, mit dem Unterschied, dass die Atomkraft und die Entwicklung der nächsten Generation der Kernkraftwerke stärker im Vordergrund stehen.

Unterdessen arbeiten die Vertreter der Mitgliedstaaten im Ministerrat  an ihren Empfehlungen an den EU-Frühjahrsgipfel, der am 23. und 24. März stattfindet. Der Entwurf der Energieminister unterstützt den Ansatz der Kommission bezüglich der Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und ökologischen Nachhaltigkeit. Es wird hervorgehoben, dass grundlegende Marktregeln (hinsichtlich von Transparenz, Nichtdiskriminierung und Wettbewerbsrecht) eingehalten werden und die neue Energiepolitik „im Einklang mit den öffentlichen Dienstleistungspflichten stehen“ müsse. Darüber hinaus betonen die Minister, dass die „die Hoheit der Mitgliedstaaten über die Primärenergiequellen uneingeschränkt“ geachtet und die Mitgliedstaaten „bei der Wahl des Energiemixes voll und ganz“ respektiert würden. Die Minister empfehlen außerdem die Ausarbeitung einer langfristig angelegten Strategie für erneuerbare Energien, einschließlich für Biomasse. 

Der Verband Foratom, der die europäische Nuklearindustrie vertritt, hat das Grünbuch begrüßt, insbesondere weil „sämtliche Energiequellen“ in der Energiedebatte berücksichtigt würden. Die Unterstützung der Atomkraft gehe dem Verband jedoch nicht weit genug. 

„Einige Länder wie die Niederlande, Belgien und Großbritannien stellen die Gültigkeit des Atomausstiegs bereits offen infrage. Andere, wie Bulgarien, Finnland, Frankreich und Rumänien weiten ihren Nuklearsektor aus. Polen hat sich erstmals für die Atomkraft entschieden“, betonte Dr. Peter Haug, Generaldirektor von Foratom.

Der Europäische Rat der Verbände der chemischen Industrie (Cefic) hat gesagt, man begrüße, dass die EU in Energiefragen mit einer Stimme sprechen und die Diversifizierung der Energiequellen vorantreiben wolle. „Für einen energieintensiven Sektor wie die chemische Industrie ist es entscheidend, dass wir Zugang zu erschwinglichen und zuverlässigen Energiequellen haben“, sagte Peter Claes, Vorsitzender des Cefic-Energieausschusses.

Die Umweltorganisation WWF hingegen kritisiert die Vorschläge der Kommission, da diese zu sehr auf Versorgungssicherheit ausgerichtet seien und den Klimaschutz dabei vernachlässige. Obgleich das Grünbuch eine gute Analyse der energiepolitischen Herausforderungen liefere, ließe es in Bezug auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien einiges zu wünschen übrig, da es weder konkrete Ziele noch eine schärfere Gesetzgebung fordere.

“Die EU scheint herkömmlichen Quellen, wie Kohle und Gas, die weder wirtschaftlich noch ökologisch tragfähig sind, immer noch Priorität einzuräumen“, sagte Stephan Singer, Leiter der europäischen Klima- und Energieabteilung des WWF. 

Die Umweltorganisation Freunde der Erde hat noch mehr Kritik geübt. Sie bezeichnete es als „erschreckend“, dass der Verkehrssektor kaum angesprochen werde, obgleich 70 % bis 80 % der Ölimporte auf ihn entfalle. Es fehlten „Visionen, Ziele und konkrete Vorschläge“. 

Ganz besonders kritisch bewertet die Organisation die Vorhaben im Forschungsbereich. Hier solle der Nuklearbereich im Zeitraum 2007-2013 „den Löwenanteil“ der EU-Forschungsgelder erhalten. Der aktuelle Vorschlag unterteile den Forschungshaushalt in zwei Teile: € 4,8 Milliarden für die Kernkraft und € 3 Milliarden für alle anderen Energietechnologien, wovon die meisten Mittel für CO2-Abscheidung und –Speicherung anstatt für erneuerbare Energien bestimmt seien.

Jeremy Rifkin, Präsident der Foundation on Economic Trends  in Washington DC, sagte, es sei nun „notwendig“, dass eine „langfristige Vision für erneuerbare Energien“ bestimmt und bis 2030  „ein nachhaltiges nichtverschmutzendes Wasserstoff-Zeitalter“ eingeläutet würde. 

„Die Lissabon-Ziele, der wettbewerbsfähigste Wirtschaftsraum der Welt zu werden, können nur erreicht werden, wenn die EU in allen ihren Ländern ein nahtloses und integriertes Verkehrs-, Kommunikations- und Stromnetz aufbaut, so dass die Europäische Union sich mit gleicher Leichtigkeit in Handel und Kommerz bewegen kann wie die USA in ihren 50 Bundesstaaten“, so Rifkin.

Angesichts hoher Ölpreise, einer wachsenden Abhängigkeit von einigen wenigen Lieferanten (hauptsächlich OPEC und Russland), neuer Sorgen um die langfristige Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe und der Dringlichkeit der Reduzierung der Treibhausgasemissionen ist in Europa die Debatte über eine gemeinsame Energiepolitik neu entbrannt. 

Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine im Januar machte die energiepolitische Abhängigkeit Europas von anderen Ländern erneut deutlich (siehe EURACTIV, 4. Januar 2006). Auf dem EU-Gipfel von Hampton Court, der im vergangenen Jahr im Oktober stattfand, wurde bereits entschieden, dass auf EU-Ebene mehr getan werden müsse (siehe EURACTIV, 28. Oktober  2005).

  • 14. März 2006: Außerordentliche Sitzung des EU-Energierates (Ministerebene, Brüssel) zu den Kommissionsvorschlägen 
  • 23. und 24. März 2006: EU-Frühjahrsgipfel, auf dem Schlussfolgerungen zur EU-Energiepolitik angenommen werden sollen
  • 8. Juni 2006: Energierat wird mit der Umsetzung der Gipfelentscheidungen beginnen
  • Dezember 2006: Kommission wird voraussichtlich ein Weißbuch über die zukünftigen energiepolitischen Schwerpunkte vorlegen

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