Europas Umwelt ist am „Tipping-Point“

"Die Wissenschaft ist klarer denn je. Wir sind dabei, genau die Ökosysteme zu zerstören, die die Menschheit erhalten", sagte Ester Asin. [© Samuel Raybone, My City /EEA]

Europa steht vor Umweltproblemen von „beispiellosem Ausmaß und Dringlichkeit“, so ein ausführlicher Bericht über Luft-, Land- und Wasserökosysteme, der am heutigen Mittwoch von der Europäischen Umweltagentur veröffentlicht wurde.

Auch wenn in Bereichen wie der Luft- und Wasserverschmutzung einige Fortschritte erzielt wurden, seien diese „nicht annähernd ausreichend“, um die langfristigen Ziele der EU zu erreichen, warnt der Bericht der EUA über den „Zustand der Umwelt 2020″.

Die allgemeinen Trends haben sich seit dem letzten Bericht der EUA im Jahr 2015 nicht verbessert, erklärte die Agentur.

„Die Umwelt in Europa befindet sich an einem Tipping-Point, einem Wendepunkt“, sagte Hans Bruyninckx, Exekutivdirektor der EUA. Er nannte die Methanemissionen aus auftauendem Permafrost, schmelzendem Eis und Waldschäden als einige der gefährlichen Rückkopplungskreise, die zu einer beschleunigten Erwärmung des Planeten führen.

„Plötzliche und irreversible Veränderungen dieser Art könnten die Fähigkeit der Natur, Grundlegendes wie die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Ressourcen, die Erhaltung von sauberem Wasser und fruchtbarem Boden und die Bereitstellung eines Puffers gegen Naturkatastrophen zu erbringen, ernsthaft beeinträchtigen“, heißt es im Bericht.

Die unkontrollierbare globale Erwärmung ist demnach aber nicht der einzige gefährliche Wendepunkt, vor dem Europa steht. Fragen im Zusammenhang mit der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, dem Zusammenbruch der biologischen Vielfalt und dem Klimawandel seien eng miteinander verbunden und verstärken sich gegenseitig, berichtete Bruyninckx gegenüber Reportern am Montag vor der Veröffentlichung des Berichts.

„Wenn wir bei einem versagen, versagen wir auch bei den anderen beiden“, warnte er.

Hinter den Kulissen der EU-Klimastrategie, Teil II

Im Oktober 2018 enthüllte EURACTIV, dass die Europäische Kommission plant, einen ehrgeizigen neuen Klimaplan für 2050 vorzulegen. Jetzt steht die EU kurz davor, sich auf die Umsetzung zu einigen.

Biodiversität und Naturschutz blieben dabei „der größte Bereich entmutigender Entwicklungen“, betonte die Agentur. Sie verwies dabei auf die Intensivlandwirtschaft als „Hauptverantwortliche“.

So sei beispielsweise die Zahl der Vogelarten seit 1990 insgesamt um etwa sechs Prozent zurückgegangen, während die Zahl der Ackerlandvögel um 32 Prozent abgenommen hat, wie Bruyninckx anmerkte. Dies deute darauf hin, dass „der Einsatz von Pestiziden“ und andere „nicht-nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken“ verantwortlich seien.

Auch die Luft- und Lärmbelastung gibt nach wie vor Anlass zur Sorge, wobei die jüngsten Trends darauf hinweisen, dass die Fortschritte bei der Verringerung der Treibhausgase, der Industrieemissionen, der Abfallerzeugung, der Verbesserung der Energieeffizienz und der Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien sich verlangsamen.

Besorgniserregend seien aber vor allem die politischen Reaktionen auf diese Herausforderungen, die „nicht wirklich funktioniert haben“, betonte der EWR-Chef. Er forderte die Entscheidungsträger der EU auf, radikale Entscheidungen zu treffen, anstatt nur kleine Schritte zu wagen.

„Schrittweise Änderungen haben zu Fortschritten in einigen Bereichen geführt“, räumte er ein, aber diese seien „nicht annähernd ausreichend, um unsere langfristigen Ziele zu erreichen“. In diesem Zusammenhang forderte er „bahnbrechende Investitionen“ in Technologien wie Elektrofahrzeuge – und nicht „kostspielige marginale Effizienzgewinne“ in bestehenden Technologien, die sich später als „Sackgassen“ erweisen werden.

„Die Fenster schließen sich. Wenn wir keine Trendwende im nächsten Jahrzehnt sehen, zeigt uns die Wissenschaft auf, dass wir nach 2030 eine sehr raue Fahrt vor uns haben“, schloss Bruyninckx.

Studie: Weltweiter CO2-Ausstoß hat auch 2019 weiter zugenommen

Der weltweite Ausstoß von klimaschädlichem CO2 hat einer Studie zufolge auch in diesem Jahr weiter zugenommen.

Green Deal

Der Bericht kommt eine Woche vor der Veröffentlichung des mit Spannung erwarteten Green Deals durch die neue Europäische Kommission mit seinem Leitvorschlag, wie bis 2050 Klimaneutralität erreichen soll.

„In den kommenden fünf Jahren werden wir eine wirklich transformative Agenda aufstellen“, kündigte der Vizepräsident der EU-Kommission und Verwantwortliche für den European Green Deal, Frans Timmermans, an.

„Es wird viele Vorteile für Europa und die Europäer geben, wenn wir das richtig hinbekommen, und unsere Wirtschaft und unser Planet werden auch als Gewinner hervorgehen“, sagte Timmermans in einer Erklärung.

Umwelt-NGOs sehen den neuesten EUA-Bericht derweil als letzten Warnhinweis. „Die Wissenschaft ist eindeutiger und klarer denn je. Wir sind dabei, genau die Ökosysteme zu zerstören, die die Menschheit erhalten“, warnte Ester Asin, Direktorin des European Policy Office des WWF.

„Auf EU-Ebene könnte der versprochene europäische Green Deal dazu beitragen, das Blatt zu wenden, vorausgesetzt, die Kommission unterbreitet mutige Vorschläge für weitreichende Reformen und erhöht die Ambitionen der EU in Bezug auf Klimaschutz und Naturschutz – weit über das hinaus, was gerade auf dem Tisch liegt“, merkte sie an.

Energie-Renovierungen als "Flaggschiff" des europäischen Green Deals

Ein Renovierungsprogramm für Wohnungen, das darauf abzielt, den Energieverbrauch von Gebäuden zu senken, wird „eines der Flaggschiffe“ des angekündigten Green Deals für Europa sein.

„Ein Verbot von Plastikstrohhalmen oder Anreize für erneuerbare Energien reichen einfach nicht mehr aus – nur die mutigsten Maßnahmen zur Transformation unserer konsum- und wachstumsbesessenen Wirtschaft werden Erfolg haben“, fügte Jagoda Munić, Direktorin von Friends of the Earth Europe, hinzu.

Ein erster Entwurf des European Green Deal, den EURACTIV einsehen konnte, umfasst „eine Reihe von tiefgreifenden transformativen Politiken“, die die neue Kommission vorlegen will, um den Klimawandel zu bekämpfen, die Umwelt zu entlasten und die Wirtschaft umweltfreundlicher zu gestalten.

An erster Stelle steht dabei ein Vorschlag, das europäische Ziel, bis 2050 die Klimaneutralität zu erreichen, in die offizielle Gesetzgebung zu integrieren. Ein „Europäisches Klimagesetz“, in dem das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 verankert wäre, soll „bis März 2020 vorgelegt werden“, heißt es in dem Papier.

Konservativer EU-Abgeordneter Caspary: "Nachhaltiger Deal" statt Green Deal

Es braucht einen „Nachhaltigkeitsdeal“, mit dem nicht nur der Klimaschutz sondern auch die soziale und wirtschaftliche Entwicklung gefördert wird, so Daniel Caspary. Zu hoch angesetzte Standards können dabei negative Effekte haben, warnt er.

[Bearbeitet von Britta Weppner]

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.