Erneuerbar oder nur „low-carbon“? EU-Länder streiten über Wasserstoff

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil begutachtet Brennstoffzellen während eines Besuchs im Wasserstoffkraftwerk in Laage, Mecklenburg-Vorpommern. [EPA-EFE/FELIPE TRUEBA]

Die EU-Mitgliedsstaaten streiten aktuell darüber, welche „Art“ von Wasserstoff unterstützt werden soll. Dabei stehen sich zwei gegensätzliche Lager gegenüber: die Befürworter von grünem Wasserstoff, der ausschließlich aus erneuerbarem Strom hergestellt wird, und die Befürworter einer breiter gefassten Definition von „CO2-armen“ Produktionsmöglichkeiten, die auch Kernkraft und dekarbonisierte Gase einschließt.

Am heutigen Freitag treffen sich die Botschafterinnen und Botschafter der 27 EU-Mitgliedsstaaten, um Pläne für die Schaffung eines Wasserstoffmarktes in Europa zu diskutieren.

Die Europäische Kommission sieht Wasserstoff als „ein entscheidendes fehlendes Puzzlestück“, um eine tiefergehende Dekarbonisierung in Industrien wie der Stahlherstellung und der Chemie zu erreichen, die als nicht vollständig elektrifizierbar gelten.

Im Juli stellte die Exekutive eine Wasserstoffstrategie vor, die den Schwerpunkt auf „erneuerbaren Wasserstoff“ legt, der aus Wind- und Solarenergie erzeugt wird, und die darauf abzielt, Europas Elektrolyseur-Kapazität zu erhöhen. Bis 2030 sollen bis zu 10 Millionen Tonnen „grüner Wasserstoff“ produziert werden.

Die Kommission räumte jedoch ein, dass es einige Zeit dauern wird, bis dieses Ziel erreicht wird. In der Zwischenzeit soll auch sogenannter CO2-armer Wasserstoff aus fossilem Gas – allerdings mit Kohlenstoffbindung und -speicherung – unterstützt werden, um die Produktion kurzfristig zu steigern.

EU-Kommission skizziert Pläne für 100 Prozent erneuerbaren Wasserstoff

Die EU-Kommission hat ihre Pläne zur Förderung von Wasserstoff vorgestellt, der vollständig auf erneuerbarer Elektrizität basiert. Sie fügte jedoch hinzu, dass auch „CO2-armer“ Wasserstoff aus fossilen Brennstoffen unterstützt werden soll.

Die EU-Botschafter werden diese Pläne am heutigen Freitag erörtern, um „Schlussfolgerungen“ für die Dezembersitzung des Energierates zu erarbeiten, in dem dann die 27 zuständigen Ministerinnen und Minister zusammenkommen.

„Was wir vorschlagen, ist ein globaler, auf Regeln basierender Markt für Wasserstoff und – im Herzen dieses Marktes – harmonisierte Sicherheits- und Umweltstandards,“ erklärte EU-Energiekommissarin Kadri Simson am Donnerstag auf dem Europäischen Wasserstoffforum.

Doch der jüngste Textentwurf, der EURACTIV.com vorliegt, „schwächt die Priorität, die erneuerbarem Wasserstoff eingeräumt wird, erheblich ab“, so die Kritiker. Sie verweisen insbesondere auf den Druck einer Gruppe von Ländern, die sich für Atomkraft und Erdgas stark machen.

Zu der Pro-Atom-Gruppe gehören Tschechien, Finnland, Frankreich, Ungarn, die Niederlande, Polen und Rumänien. Im Gegenlager finden sich insbesondere Österreich, Dänemark, Irland, Lettland, Luxemburg, Portugal und Spanien, die sich ausschließlich aus erneuerbaren Energien erzeugten Wasserstoff wünschen.

EU-Kommission wünscht sich globalen Wasserstoffmarkt – mit dem Euro als Leitwährung

Europa will den Euro als Referenzwährung für den Wasserstoffhandel einführen. Allerdings müsste zunächst ein globaler Markt mit harmonisierten Standards geschaffen werden, um die Nachfrage zu befriedigen, so die EU-Energiekommissarin am heutigen Donnerstag.

Der überarbeitete Text wurde von der deutschen EU-Ratspräsidentschaft nach „Kommentaren von Mitgliedsstaaten, die der Gasindustrie und der Atomindustrie neue Subventionen anbieten wollen“, vorgelegt, so eine EU-Quelle, die ein Briefing vor dem heutigen Treffen vorbereitet hatte.

„Im gesamten Text werden die Worte ’sicherer und nachhaltiger Wasserstoff‘ hinzugefügt, aber dieser Ausdruck ist nicht definiert und öffnet die Tür für Subventionen für atom- und gasbasierten Wasserstoff, anstatt sich ausschließlich auf erneuerbare Energien zu konzentrieren,“ kritisierte die EU-Quelle, die anonym bleiben wollte.

Vergangene Woche schien die Europäische Kommission bereits nachzugeben, indem sie zum ersten Mal öffentlich erklärte, dass „CO2-armer“ Wasserstoff auch Kernkraft einschließen würde. Die ursprüngliche Strategie der Kommission hatte Kernkraft überhaupt nicht erwähnt.

„Auf EU-Ebene sollte ausschließlich erneuerbarer Wasserstoff gefördert werden,“ fordert hingegen Luxemburgs Energieminister Claude Turmes. Es sei „inakzeptabel, die Tür für massive Subventionen für Technologien zu öffnen, die nur unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und Atomkraft verewigen werden“.

Die Niederlande haben ihrerseits schon früh deutlich gemacht, dass sie auf sogenannten „grauen“ Wasserstoff aus Erdgas setzen würden, um so einen Schritt in Richtung eines integrierten Wasserstoffmarktes zu machen.

EU-Kommission: Aus Atomkraft produzierter Wasserstoff ist "CO2-arm"

Die Europäische Kommission wird aus Atomkraft erzeugten Wasserstoff künftig als „CO2-arm“ betrachten, erklärte eine hochrangige EU-Beamtin.

Rund 70 Millionen Tonnen Wasserstoff werden nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) derzeit weltweit verwendet, vor allem für die Ölraffination und die chemische Produktion.

Der niederländische Wasserstoffbeauftragte Noé van Hulst hatte bei einer EU-Veranstaltung im vergangenen Jahr gesagt, man müsse nun „einfach anfangen, den grauen Wasserstoff grüner zu machen“, indem man Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (carbon capture and storage, CCS) verwendet. Diese Abscheidungen könnten dann vergraben und die Emissionen somit gesenkt werden (sogenannter blauer Wasserstoff), so van Hulst.

Kritiker monieren hingegen, dass CCS sich im industriell-kommerziellen Maßstab noch nicht habe beweisen können. Darüber hinaus hat CCS einen CO2-Fußabdruck, der je nach Technologie stark variieren kann. „Eine Abscheideleistung von mindestens 90 Prozent sollte die Mindestanforderung für CCS-Technologien sein“, forderte daher die oben genannte anonyme EU-Quelle.

Sie wies weiter darauf hin, dass die heute vorherrschende Technologie, die sogenannte Dampf-Methan-Reformierung, eine Abscheiderate von lediglich 60-70 Prozent ermöglicht.

Außerdem löse die Kopplung von CCS mit fossilem Gas nicht das Problem der vorgelagerten Emissionen, fügte die Quelle hinzu und verwies auf Methanleckagen in der Förderphase.

Wasserstoff: Knackpunkt Transport und Infrastruktur

Die Kosten für die Nachrüstung der Infrastruktur in Verbindung mit den Anforderungen der Endverbraucher auf lokaler Ebene werden bestimmen, ob gemischter oder reiner Wasserstoff letztendlich an den Endverbraucher geliefert wird.

Beim Thema Atomkraft gehen die Meinungen in Europa bekanntlich weit auseinander. Länder wie Österreich und Deutschland sind vehement gegen die Wasserstoffproduktion aus Atomkraft, während andere wie Frankreich, Finnland und die östlichen EU-Staaten die Technologie unterstützen.

Lisa Fischer, leitende Beraterin des Klima-Thinktanks E3G, sagte, dass die EU mit ihrer Wasserstoffstrategie „eine Richtung“ und einen klaren Fokus auf erneuerbare Energien brauche.

„Alles in allem müssen alle Pläne für Wasserstoff Folgendes leisten: Sicherstellen, dass die schrittweise Einführung von Wasserstoff an eine Reduzierung des fossilen Gasverbrauchs gekoppelt ist; den Fortschritt trotz der Komplexität des Wasserstoffübergangs sichern, indem der unabhängigen Wissenschaft und Beratung eine zentrale Rolle eingeräumt wird; und sicherstellen, dass die Wasserstoffbemühungen nicht die bereits verfügbaren Lösungen wie Energieeffizienz und Elektrifizierung verdrängen.“

Gegenüber EURACTIV.com fasst sie daher zusammen: „Die vorliegenden Schlussfolgerungen sind zaghafte Schritte in Bezug auf einige dieser Elemente. Sie sind jedoch weit davon entfernt, bei irgendeinem Thema voll zu punkten.“

> Lesen Sie die Beschlussentwürfe unten oder laden Sie sie hier herunter:

Council-conclusions-H2-20-Nov

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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