Erderwärmung: G20-Staaten vom 1,5°C-Ziel weit entfernt

2019 gaben die G20-Länder 130 Milliarden US-Dollar für Subventionen für fossile Brennstoffe aus. Diese Zahl wird jetzt auf 233 Milliarden Dollar ansteigen. Grund dafür: Die Wiederaufbau- und Konjunkturpläne. [JJ Merelo / Flickr]

Die G20-Staaten werden das im Pariser Klimaabkommen festgelegte Ziel von 1,5°C Erderwärmung verfehlen, zeigt der am Mittwoch veröffentlichte Climate Transparency Report.

Der Bericht prognostiziert, dass die Klimazusagen und -ziele zu einer Erwärmung von 2,7°C bis zum Ende des Jahrhunderts führen werden. Das sind zwar 0,1 Prozentpunkte weniger als 2018, aber eben deutlich über dem Pariser Ziel.

Mit den jüngsten Klimazusagen Chinas, Japans, Südkoreas und der Europäischen Union könnte der Wert auf 2,3 bis 2,4°C sinken. Eine weitere Reduzierung um 0,1°C wird erwartet, wenn die USA bis 2050 CO2-neutral werden sollten.

„Die Umsetzung der aktuellen Ziele wird zu einem Temperaturanstieg von 2,7°C bis zum Ende des Jahrhunderts führen. Das ist eine beträchtliche Diskrepaz. Die Frage ist, wie wir diese Diskrepanz überwinden und uns endlich in Richtung 1,5°C bewegen können,“ so Deborah Ramalope, Teamleiterin für politische Analysen bei Climate Analytics.

Im Bericht wird prognostiziert, dass aufgrund der Pandemie die energiebedingten CO2-Emissionen der G20-Länder bis Ende 2020 um 7,5 Prozent niedriger sein werden als 2019. Allerdings könnten diese positiven Entwicklungen durch die erneute Förderung und Subventionierung fossiler Brennstoffe in den Konjunkturpaketen wieder zunichte gemacht werden.

„Wir beobachten, dass die G20-Regierungen riskieren, alle bisher gemachten Fortschritte umzukehren, da der Wirtschaftsaufschwung weiterhin hauptsächlich auf fossile Brennstoffe ausgerichtet ist,“ kritisiert Angela Picciariello, Senior Research Officer beim Thinktank Overseas Development Institute.

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Im Jahr 2019 gaben die G20-Länder 130 Milliarden US-Dollar für Subventionen für fossile Brennstoffe aus. Diese Zahl, in der das Vereinigte Königreich, die Türkei und Saudi-Arabien nicht einmal eingeschlossen sind, wird Prognosen zufolge auf 233 Milliarden Dollar ansteigen. Grund dafür: Die Wiederaufbau- und Konjunkturpläne.

Mindestens 19 der G20-Länder haben sich dazu entschlossen, den heimischen Öl-, Kohle- oder Gassektor finanziell zu unterstützen. 14 haben nationalen Fluggesellschaften ohne jegliche Klimabedingungen vor dem Bankrott gerettet, und nur vier haben mehr Geld für grüne Sektoren als für emissionsintensive Industrien bereitgestellt.

Die EU hat 30 Prozent ihrer insgesamt 1,8 Billionen Euro schweren Recovery Funds und Haushalt für die Jahre 2021 bis 2027 für eine „grüne Wende“ vorgesehen. Allerdings werden auch in der Union weiterhin Gelder für fossile Energieträger bereitgestellt.

„Die Konjunkturpakete können die Klimakrise lösen oder sie verschlimmern“, fasst Charlene Watson vom Overseas Development Institute zusammen. „Einige G20-Mitglieder wie die EU, Frankreich oder Deutschland gehen meist mit gutem Beispiel voran und bauen widerstandsfähigere Volkswirtschaften auf, während sie sich gleichzeitig gegen die sich beschleunigenden Klimaauswirkungen abschirmen. Andere unterstützen die fossilen Brennstoffe zu stark und gefährden damit die positiven Entwicklungen der letzten Zeit.“

Fossile Brennstoffe machen immer noch 81,5 Prozent der weltweiten Primärenergie aus. Der Verbrauch von Öl und Gas wächst aktuell um drei bzw. ein Prozent.

Die Nutzung von Kohle, die bis 2040 aus dem Verkehr gezogen werden muss, um die Pariser Ziele zu erreichen, ging im vergangenen Jahr um zwei Prozent zurück – aber nur fünf G20-Mitglieder haben konkrete Ausstiegsziele. Darüber hinaus steigen die Länder verstärkt von Kohle auf Öl und Gas um, anstatt auf erneuerbare Energien.

Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung stieg in allen G20-Ländern bis auf eines und macht nun insgesamt 27 Prozent der Stromerzeugung in der Gruppe aus. Allerdings kann trotzdem kein einziger G20-Staat eine Ausbauquote der erneuerbaren Energien vorweisen, die mit dem 1,5-Grad-Ziel in Einklang steht.

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Die in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag zwischen der Bundesregierung und Vertretern der vier Bergbau-Länder erzielte Einigung erlaubt es Deutschland nicht, seine Klimaverpflichtungen zu erfüllen. Dennoch will Berlin 40 Milliarden Euro für die Bergbauregionen zur Unterstützung der Umstrukturierung mobilisieren.

Europa – im Sinne von EU + Vereinigtes Königreich – ist derzeit nicht auf dem Weg, seinen fairen Arbeitsanteil an einer Erwärmung um 1,5°C zu erreichen, obwohl die Treibhausgasemissionen pro Kopf im vergangenen Jahrzehnt gesunken sind und deutlich besser sind als der Durchschnitt der G20.

Bestehende politische Maßnahmen in den EU-Mitgliedsstaaten würden zu einer Reduktion von etwa 37 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 führen. Der Wert würde sich auf 46-48 Prozent erhöhen, wenn die Energie- und Effizienzziele der EU erreicht werden, so Ramalope.

Dies liegt allerdings immer noch unter den von der Kommission vorgeschlagenen 55 Prozent Einsparung. Das EU-Parlament wünscht eine Reduzierung um 60 Prozent.

Fossile Brennstoffe machen derzeit 70 Prozent des EU-Energiemixes aus, ein Anteil, der um 67 Prozent gesenkt werden muss, um die Pariser Ziele für 2030 zu erreichen.

Die EU strebt derzeit einen Anteil von 32 Prozent erneuerbarer Energien bis 2030 an, wobei diese Zahl voraussichtlich steigen wird, um die neuen Emissionsreduktionsziele zu erreichen.

Um ihr Ziel für 2030 zu erreichen, muss die EU außerdem die Renovierungsrate im Gebäudesektor von derzeit einem auf mindestens 3,5 Prozent erhöhen, sowie grünen Wasserstoff entwickeln, um CO2-intensive Industrien zu dekarbonisieren, heißt es im Bericht.

Länder, die stark von Kohle abhängig sind, wie Polen, die Tschechische Republik, Bulgarien und Rumänien, müssen ebenfalls ihren Kohleausstieg forcieren. Viele dieser Länder sehen nun Erdgas als Sprungbrett in Richtung erneuerbare Energien. Im Bericht wird daher bereits gewarnt, dass die EU Gefahr läuft, künftig weniger vom fossilen Energieträger Kohle, dafür deutlich mehr vom fossilen Energieträger Erdgas abhängig zu sein. Die Erdgasnutzung ist seit 2019 um satte zwölf Prozent gestiegen.

Bulgarien wünscht sich EU-Hilfe beim Kohleausstieg

Der bulgarische Premierminister Bojko Borissow hat die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, um einen „Plan“ gebeten, um den Ausstieg des Landes aus der Kohleförderung zu unterstützen.

Die G20-Länder sind nicht immun gegen die Auswirkungen des Klimawandels: Der Bericht zeigt, dass durch extreme Wetterereignisse bereits 220.000 Menschenleben verloren wurden sowie 2,6 Billionen Dollar an Schäden entstanden sind. Dies dürfte sich mit zunehmender globaler Erwärmung noch verstärken.

Im Bericht wird festgestellt, dass die Dynamik für strengere Klimaziele unter den größten Emittenten der Welt wächst, dass aber die kurzfristigen politischen Rahmenbedingungen und Investitionen noch nicht mit den langfristigen Plänen übereinstimmen.

China, Südafrika, Japan und Südkorea haben sich inzwischen dem Ziel angeschlossen, bis etwa zur Mitte des Jahrhunderts CO2-neutral zu werden (China strebt 2060 an).

Die Einbeziehung dieser produktionsstarken Länder ist wichtig, weil sie Innovationen in der umweltfreundlichen Produktion von Stahl, Zement und Chemikalien sowie in der Energieerzeugung vorantreiben wird, so Thomas Spencer vom Energy and Resources Institute in New Dehli.

„Diese Länder sind allesamt industrielle Schwergewichte. Zusammen machen gerade diese drei [asiatischen] Länder fast ein Drittel der gesamten globalen Produktion von industrieller Wertschöpfung aus. Damit diese drei Länder die Netto-Null-Ziele erreichen können, müssen sie im Wesentlichen auch ihre Industriesektoren dekarbonisieren,“ sagte er.

In den USA hat der designierte Präsident Joe Biden ein Netto-Null-Ziel bis 2050 angekündigt. Genauere Details sind allerdings noch nicht bekannt.

Da immer mehr Netto-Null-Zusagen kommen, verlagert sich der Fokus nun weg vom Ehrgeiz hin zu konkreten Verpflichtungen und zur Transformation, sagte Spencer. Es brauche nun dringend weitere Innovationen, um Netto-Null tatsächlich zu erreichen.

Und: „Wir können auch mit bestehenden Technologien ziemlich weit kommen. Wir können den Strom fast dekarbonisieren. Wir können im Transportsektor mit der Elektrifizierung von Leichtfahrzeugen und dem öffentlichen Nahverkehr eine Menge erreichen. Wir können eine Menge mit Energieeffizienz erreichen. Darüber hinaus, also jenseits von lediglich 60-70 Prozent Emissionsreduzierung, brauchen wir aber Innovationen.“

(Bearbeitet von Frédéric Simon)

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