Energiewende: Deutschland setzt auf Gas

Berlin betrachtet Erdgas als Schlüsseltechnologie bei der Energiewende. [EPA-EFE/STEFAN SAUER GERMANY OUT]

Auch Deutschland steigt allmählich aus der Atom- und Kohle-Energie aus. Berlin betrachtet dabei Erdgas zunehmend als Schlüsseltechnologie zur Überbrückung der Zeit zwischen einer auf fossilen Brennstoffen basierenden und einer CO2-armen Wirtschaft.

„Mit der Realisierung neuer Technologien und Kooperationen ist der Energiewendeprozess in Deutschland in vollem Gange,“ sagte auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in seiner Eröffnungsrede bei der 5. Auflage des Berliner Energiewende-Dialogs (BETD).

Neben erneuerbaren Energien und Wasserstoff bezog er sich dabei explizit auf Gastechnologien: „Wir müssen alte und ineffiziente Kraftwerke stilllegen und moderne Gaskraftwerke bauen.“ Ziel sei es, einen „bezahlbaren und zuverlässigen“ Energiesektor zu sichern.

Altmaier wiederholte damit auch seine Aussage aus einem Interview mit dem Handelsblatt, in dem er betont hatte, Deutschland brauche flexible Lösungen, wobei Gaskraftwerke „die allererste Wahl“ seien.

In seiner Rede in Berlin betonte der Minister weiter, im Energie- und Industriesektor sei Deutschland auf einem guten Weg, seine Klimaziele für 2030 zu erreichen. Gerade im Verkehrs- und Bausektor gebe es aber immer noch „große Herausforderungen“.

BDI: "Grüne Gase" für Deutschlands Klimaneutralität

Um die deutsche Wirtschaft komplett CO2-frei zu machen, sind große Mengen an sogenannten „synthetischen Kraftstoffen“ aus erneuerbaren Energien erforderlich, erklärt der Branchenverband BDI.

In Berlin treffen sich aktuell zahlreiche Minister und hochrangige Delegationen aus mehr als 50 Ländern zum fünften Energiewende-Dialog der Bundesregierung. Mit der Veranstaltung sollen Ansätze der deutschen Energiewende im Ausland gefördert werden.

In seiner Eröffnungsrede sprach Bundesaußenminister Heiko Maas von „großen geopolitischen Auswirkungen“, die der Wandel hin zu mehr grüner Energie mit sich bringe.

Die beste Vorbereitung darauf sei es, „bereits heute umfassend in wettbewerbsfähige erneuerbare Energien zu investieren“, so Maas. Deutschland wolle seine vielerorts wahrgenommene Vorreiterrolle nutzen, um die Fortschritte auf internationaler Ebene zu beschleunigen.

Debatte nimmt Fahrt auf – auch wegen Fridays for Future

Das umstrittene Thema „CO2-Preise“ erwähnte Wirtschaftsminister Altmaier in seiner Rede zu keinem Zeitpunkt – obwohl die Nachrichtenagentur Reuters noch am Freitag berichtet hatte, sein Ministerium könne nun doch die Einführung einer Emissionssteuer in Betracht ziehen.

Die Debatte über CO2-Preise verschärft sich in Deutschland auch aufgrund des Drucks der „Fridays For Future“-Demonstrationen, beobachtet der Klimawissenschaftler Ottmar Edenhofer. Seiner Einschätzung nach machen die Schülerproteste viele Politiker „sehr, sehr nervös“, so Edenhofer gegenüber Journalisten am Montag in Berlin.

Vergangene Woche stellten Vertreter der Fridays for Future in Deutschland die Maßnahmen vor, die die Bundesregierung ihrer Meinung nach ergreifen sollte, um die globale Erwärmung wirksam zu bekämpfen: Dazu zählen neben sektorübergreifenden Steuern auf Treibhausgasemissionen das Ziel von 100 Prozent erneuerbare Energie bis 2035, ein endgültiges Ende der Subventionen für fossile Brennstoffe sowie noch bis Jahresende die Abschaltung eines Viertels der deutschen Kohlekraftwerke.

Deutsche Schüler präsentieren Klimaforderungen an Bundesregierung

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„Trotz der Ziele des Pariser Abkommens sind die Emissionen im vergangenen Jahr gestiegen; der Kohleverbrauch wächst weiter und die [Verbesserung der] Energieeffizienz verlangsamt sich“, kritisierte derweil Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), während seiner Präsentation beim BETD.

So seien im Jahr 2018 noch immer rund 70 Prozent des Energiebedarfs durch fossile Brennstoffe gedeckt worden, und die Emissionen erreichten ein historisches Hoch: „Es gibt eine wachsende Diskrepanz zwischen verbesserten politischen Aussagen, einem Anstieg der Emissionen und dem, was vor Ort wirklich geschieht,“ fügte Birol hinzu. Er stellte auch fest, dass der globale Energiebedarf im Jahr 2018 um 2,3 Prozent (gedeckt durch alle Energieformen und Kraftstoffe) gestiegen ist.

Dabei hatten sich am 2. April 60 Wirtschaftsführer, Wissenschaftler und Investoren in einem offenen Brief darüber beschwert, dass auch die Klimamodelle der IEA selbst nicht mit dem 1,5°C-Ziel des Pariser Abkommens übereinstimmen: Nach dem sogenannten „Basisszenario“ der IEA würde die maximale Menge an CO2, die sich die Menschheit leisten kann, um die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, bereits 2022 überschritten werden, heißt es in einer entsprechenden Studie. Selbst bei einem Ziel von 2°C würde das sogenannte maximale Kohlenstoffbudget schon im Jahr 2034 überschritten.

Tatsächlich würde das Szenario der IEA im Endeffekt zu einer Erderwärmung von 2,7 bis 3,3°C bis 2050 führen.

Die Verfasser des Briefes forderten die IEA daher auf, „ein aktualisiertes und absolut transparentes Szenario für nachhaltige Entwicklung vorzulegen, das die gesamte Bandbreite der Ziele von Paris widerspiegelt“. Dieses Szenario müsse dann auch der „zentrale Bezugspunkt“ für den World Energy Outlook der IEA werden.

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Es wird zunehmend unwahrscheinlicher, dass der globale Temperaturanstieg auf 1,5°C begrenzt werden kann.

Erneuerbare Energie als „einzige Option“

In Berlin befeuerte auch der neu ernannte Generaldirektor der IRENA (International Renewable Energy Agency), Francesco La Camera, die Diskussion um eine „Dekarbonisierung“ der Weltwirtschaft: Er präsentierte eine neue IRENA-Studie mit dem Titel „Global energy transformation: A roadmap to 2050“, die unter anderem aufzeigt, dass die energiebedingten CO2-Emissionen in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich um 1,3 Prozent pro Jahr gestiegen sind.

„Die Kluft zwischen den beobachteten Emissionen und den Reduzierungen, die zur Erreichung der international vereinbarten Klimaziele eigentlich erforderlich sind, wird immer größer,“ wird im Bericht gewarnt. Insbesondere im Gebäude- und Industriesektor liege der Einsatz erneuerbarer Energien immer noch weit unter dem erforderlichen Niveau.

„Um in Übereinstimmung mit dem Pariser Klimaabkommen zu bleiben, sind erneuerbare Energien unsere einzige Option,“ betonte La Camera bei seinem ersten Auslandsauftritt als Generaldirektor der IRENA.

In der Studie wird ein Szenario aufgezeigt, wie bis 2050 immerhin ein Anteil von 86 Prozent erneuerbarer Energie erreicht werden dürfte. Auffällig ist dabei die potenzielle Rolle von Elektrofahrzeugen: „Die Haupttreiber für den erwarteten erhöhten Strombedarf wären die über eine Milliarde Elektrofahrzeuge, ebenso wie die verstärkte Nutzung von Strom für Wärme und die Fortschritte bei der Nutzung von erneuerbarer Wasserstoffkraft.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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