Energieschocks aus 2022: Wirtschaft kämpft noch immer mit Folgen

Die anhaltenden geopolitischen Spannungen in den Nachbarländern der EU "erinnern uns daran, dass die Energiepreise noch einige Zeit hoch bleiben werden", räumte der irische Finanzminister Paschal Donohoe (Bild) ein, der das Ministertreffen in Brüssel leitete. [Copyright: European Union]

Die Gas- und Strompreise werden auch in absehbarer Zeit nicht auf das Niveau von vor der Pandemie zurückkehren, erklärte die EU-Kommission am Montag (15. Januar). Sie warnte vor den langfristigen wirtschaftlichen Folgen der hohen Energiepreise für die Wettbewerbsfähigkeit in Europa.

Die europäischen Unternehmen seien „weiterhin mit unterschiedlichen Energiekosten konfrontiert, was sich auf ihr Wachstum auswirkt“, warnte die EU-Kommission in einer Mitteilung an die 20 Finanzminister der Eurozone, die in Brüssel zu einem regelmäßigen Treffen zusammenkamen.

Insbesondere die hohe Abhängigkeit der EU von Gasimporten „hat den relativen Nachteil der europäischen Produzenten gegenüber den USA vergrößert“, so die Kommission. Die USA sind inzwischen das weltweit größte Gasexportland und ermöglicht dadurch den ansässigen Unternehmen vom Zugang zu billiger Energie zu profitieren.

„Dies wird die Leistungsbilanz des Euroraums belasten und weitere wirtschaftliche Folgen haben“, warnte die EU-Kommission.

Der sprunghafte Anstieg der Gaspreise hat die Strompreise im Jahr 2022 in die Höhe schnellen lassen und eine Reform des EU-Strommarktes ausgelöst, um die Abhängigkeit der Union von schwankenden Gaspreisen zu verringern.

Strommarktdesign: So will die EU die Strompreise zähmen

Die Europäische Kommission hat am Dienstag (14. März) ihren Vorschlag zur Reform des EU-Strommarktes veröffentlicht. Im Mittelpunkt stehen dabei der Schutz der Verbraucher vor volatilen Gaspreisen, die Förderung erneuerbarer Energien und die Unterstützung nachfrageseitiger Maßnahmen.

Asymmetrischer Schock

Obwohl der Energieschock von 2022 den gesamten Euroraum betraf, „waren einige Mitgliedstaaten stärker betroffen als andere“, heißt es in dem Kommissionspapier weiter. Dies stelle Herausforderungen in Bezug auf die Inflation und die Wettbewerbsfähigkeit dar.

Laut einer Umfrage der Europäischen Investitionsbank vom Oktober gaben bis zu 81 Prozent der Unternehmen in einigen Ländern an, dass die Energiekosten ein Haupthindernis für ihre langfristigen Investitionsentscheidungen darstellen, während dieser Anteil in anderen EU-Ländern nur bei 24 Prozent lag.

Der asymmetrische Charakter des Energieschocks lässt sich durch die unterschiedliche Abhängigkeit der EU-Länder von russischen Gasimporten erklären, deren Preise 2022 nach den Wirtschaftssanktionen, die gegen Moskau wegen seiner militärischen Aggression in der Ukraine verhängt wurden, in die Höhe schossen.

Sie ist jedoch auch das Ergebnis der „Beggar-thy-Neighbour“-Politik (zu Deutsch etwa: „mach deinen Nachbarn zum Bettler“) von Ländern wie Deutschland und in geringerem Maße auch Frankreich.

Seit Beginn der Krise haben die EU-Länder 540 Milliarden Euro bereitgestellt, um Industrie und Haushalte vor den steigenden Energiekosten zu schützen. Deutschland allein hat nach Angaben des Think-Tanks Bruegel 158 Milliarden Euro in seine Wirtschaft investiert.

„Die unterschiedlichen Auswirkungen des Anstiegs der Energiekosten sind zum Teil das Ergebnis der unterschiedlichen Unterstützungspakete für den Energiesektor, die die Länder als Reaktion auf die Krise eingeführt haben, wobei die nationalen Haushaltszuschüsse in der Eurozone zwischen etwa 2,6 Prozent und 0,10 Prozent des BIP liegen“, so die Kommission in ihrer Mitteilung.

Dies hat dazu geführt, dass die Energieunternehmen in den ärmeren EU-Ländern anfälliger für externe Energieschocks sind, insbesondere in Osteuropa, wo die klammen Regierungen die Versorgungsunternehmen weniger unterstützt haben, so S&P Global Ratings in einer am 8. Januar veröffentlichten Mitteilung.

„Wir sind der Meinung, dass die Herausforderungen der Erschwinglichkeit in Osteuropa akuter sind, da das durchschnittliche Pro-Kopf-BIP deutlich niedriger ist als in Westeuropa“, so S&P.

Als Reaktion darauf könnten die Regierungen in diesen Ländern versucht sein, die auf dem Höhepunkt der Krise im Jahr 2022 eingeführten Sondersteuern wieder einzuführen, so S&P.

Energiepreise „werden bis 2025″ hoch bleiben und danach sinken

Zu den weiteren kurzfristigen Risiken gehören der russische Angriffskrieg auf die Ukraine sowie der Konflikt im Nahen Osten, die „jetzt die Schifffahrtsrouten in der Region beeinträchtigen“, so EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni.

„Sollte dies anhalten oder sich verschlimmern, könnten die möglichen Auswirkungen auf die Preise und die Unterbrechung der Lieferketten den Inflationsdruck erneut anheizen“, sagte er auf einer Pressekonferenz im Anschluss an die Sitzung der Euro-Gruppe.

Die anhaltenden geopolitischen Spannungen in den Nachbarländern der EU „erinnern uns daran, dass die Energiepreise noch einige Zeit hoch bleiben werden“, räumte der irische Finanzminister Paschal Donohoe ein, der das Ministertreffen in Brüssel leitete.

„Wir erkennen an, dass wir unsere Abhängigkeit von den globalen Preisschwankungen im Energiesektor verringern müssen. Und dass dies nur durch Koordination und bessere Integration möglich ist“, sagte er nach dem Treffen vor Journalisten.

Die wichtigsten Mittel, um dies zu erreichen, seien die weitere Diversifizierung der Energiequellen, die Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien, die Dekarbonisierung der Wirtschaft und der Ausbau der Verbundnetze auf den europäischen Strommärkten, fügte er hinzu.

Die Berater des McKinsey Global Institute gingen noch weiter und sagten, dass Europa eine Halbierung der Strom- und Gaspreise anstreben sollte, um seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China und den Vereinigten Staaten wiederherzustellen.

„Europa braucht ausreichend erschwingliche Energie, wenn es energieintensive Industrien der handelsfähigen Güter wie Landwirtschaft, Chemie, Stahl oder Schifffahrt aufrechterhalten will, um mit anderen Regionen mithalten zu können“, schrieb MGI in einem am Dienstag (16. November) veröffentlichten Briefing.

In der Zwischenzeit wird erwartet, dass die Strompreise in Europa „bis 2025 hoch bleiben werden“, so S&P in seiner Mitteilung.

Ab 2026 rechnet die Agentur jedoch mit einem Einbruch der Strompreise aufgrund eines Anstiegs der Kapazitäten für erneuerbare Energien. „S&P Global Commodity Insights schätzt, dass die Grundlastpreise in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und dem Vereinigten Königreich (E5) in den fünf Jahren vor Ende 2030 um 30 bis 60 Prozent sinken werden“, schrieb S&P in einem im August veröffentlichten Meinungsbeitrag.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald/Kjeld Neubert]

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