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23/01/2017

Energieeffizienz wird Schlüsselfaktor im Ukraine-Konflikt

Energie und Umwelt

Energieeffizienz wird Schlüsselfaktor im Ukraine-Konflikt

Pipelines für Gaslieferungen von der EU in die Ukraine.

[James Crisp]

Im Kampf der kriegsgebeutelten Ukraine für mehr Energieunabhängikeit von Russland werden Maßnahmen zur Energieeffizienz immer wichtiger. Die ukrainischen Verbraucher erwarten stark steigende Gaspreise. EurActiv Brüssel berichtet.

Die Energieeffizienz wird immer mehr zum entscheidenden Faktor im russisch-ukrainischen Konflikt, denn die Ukraine muss Gas von Russlands staatlichem Gasmonopolisten Gazprom für seinen einheimischen Markt mit 14 Millionen Haushalten importieren.

Diese Haushalte sind es, die die dringend benötigten Investitionen in die veraltete Infrastruktur des Landes stemmen müssen. Die Rechnungen stiegen beinahe um das Vierfache.

Traditionellerweise subventioniert der Staat die Kosten. Doch die Ukraine trägt seit 2008 die zusätzliche Belastung von zwei internationalen Rettungspaketen. Dementsprechend werden die Kunden zur Kasse gebeten.

Der Verbraucherpreis soll auf 1.590 ukrainische Hrywnja (rund 65 Euro) pro tausend Kubikmeter Gas ansteigen – von zuvor 419 ukrainischen Hrywnja (17 Euro).

Das ukrainische Parlament verabschiedete ein Gesetz, wonach Haushalte bis zum 1. Januar 2016 Gaszähler installiert haben müssen, wenn das Gas für Kochen und die Erwärmung von Wasser genutzt wird. Bei ausschließlicher Gasverwendung für das Kochen muss der Zähler bis zum 1. Januar 2018 angeschafft werden.

In anderen Ländern zeigte sich, dass Gaszähler den Verbrauch um rund 30 Prozent senken. Bis jetzt sind in der Ukraine mehr als zehn Millionen Zähler in den Haushalten im ganzen Land installiert worden. 71 Prozent der Wohnungen, die rund 90 Prozent des Familienverbrauchs ausmachen, verfügen jetzt über Zähler.

Sowohl die Haushalte selbst als auch die Gasverteilungsunternehmen und der Staatshaushalt bezahlen für die Zähler.

Wie EurActiv erfuhr, wird die Ukraine mehr Zeit für die restlichen Haushalte benötigen, weil sie in entlegeneren Gegenden liegen.

Das Unternehmen Samgaz in der westukrainischen Stadt Riwne wurde 1995 gegründet. Seither produzierte es 2,5 Millionen Zähler und beschäftigt 200 Arbeitnehmer.

Samgaz arbeitet jetzt an Gaszählern, die Daten übertragen können. Das macht es für Energieunternehmen und die Verbraucher einfacher, den Verbrauch zurückzuverfolgen.

Die Gläubiger der Ukraine wie die EU forderten das Land dazu auf, seine Energieeffizienz zu verbessern.

Die Energieintensität des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist nach Angaben des Weltenergierates beinahe vier Mal so hoch wie der Durchschnittswert in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Die Ukraine könnte demnach die Hälfte ihres Energieverbrauchs durch eine verbesserte Energieeffizienz einsparen. Das kann Arbeitsplätze und gesundheitliche Vorteile schaffen – und die Energiesicherheit ankurbeln.

Der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge ging die Energieintensität der ukrainischen Wirtschaft um lediglich 3,5 Prozent zurück – ein im Vergleich zu Ländern wie Russland und Weißrussland schwacher Wert.

Russischer Druck

Russland nutzt die Abhängigkeit der Ukraine von Importen und Einnahmen aus dem Gastransit an die EU aus, um das Land unter politischen Druck zu setzen. In der Vergangenheit wurden auch die Gashähne zugedreht.

Vor 2012 bezog die Ukraine alle ihre Erdgasimporte aus Russland. Im vergangenen Jahr waren rund 92 Prozent der Gasimporte aus Russland. Die Erdgasimporte machen rund 57 Prozent aller Energieimporte in die Ukraine aus.

Das Gas zurückzuschicken, indem russische Gaskunden wie die Slowakei, Ungarn und Polen an die Ukraine weiterverkaufen, hilft. Bis zum Jahresende kam das Land durch diese Weiterverkäufe 0,9 bcm pro Monat.

Die Ukraine wird die aus Europa gekaufte Gasmenge erhöhen müssen. Bevor das aber passieren kann, muss sie ihren Energiesektor reformieren.

Das Staatsmonopol Naftogaz wird privatisiert werden. Doch dieser Prozess wird im Einklang mit dem EU-Wettbewerbsrecht stattfinden müssen, sollte das Land Gas aus Europa kaufen wollen.

Einheimische Produktion

Die nationale Gasproduktion liegt bei rund 20 Milliarden Kubikmetern (bcm) pro Jahr. Durch die Beschlagnahmung der Infrastruktur in den Gebieten der von Russland unterstützten Rebellen ging sie zurück. Auch die Kapazität zur Gasspeicherung ging wegen des Konflikts verloren.

Das ukrainische Staatsunternehmen Naftogaz, das zu Sowjetzeiten Teil Gazproms war, schätzt den jährlichen nationalen Bedarf auf 48 bcm.

Bis 2025 könnte die nationale Gasproduktion laut Internationaler Energie-Behörde so entwickelt werden, dass sie 27-30 Milliarden Kubikmeter liefert. Doch große Teile der Infrastruktur sind veraltet und benötigen Investitionen.

Früher wären viele dieser Kosten mit den Einnahmen aus dem Transit russischen Gases nach Europa finanziert worden. Ukraine ist derzeit das größte Transitland für Erdgas der Welt. Rund 40 Prozent der russischen Gaslieferungen an Europa gehen über die Ukraine. Doch Moskau hat bereits signalisiert, den 2019 auslaufenden Gasvertrag nicht mehr verlängern zu wollen.

Die Ukraine transportiert jährlich zwischen 75 und 85 Milliarden Kubikmeter Gas aus Russland in die europäischen Märkte. 2014 lag dieser Wert auf dem Allzeittief von 60 bcm, in den Nullerjahren lag dieser Wert noch bei 120 bcm.

Gazprom senkte den Transport russischer Gasexporte über die Ukraine nach Europa von 65 Prozent im Jahr 2007 auf unter 50 Prozent 2014.

Die Lieferungen an Deutschland, Frankreich und Belgien laufen über die Pipeline Nord Stream. Auch der Weg über Weißrussland, die Yamal- oder Nordlicht-Route, könnte in Zukunft niedrigere Transportkosten bieten.

Doch die russischen Pläne, die Ukraine als Transitland für die Erdgaslieferungen an Europa zu umgehen, kommen Gazprom teuer zu stehen. Denn es muss jährlich Transitgebühren von rund einer Milliarde US-Dollar an die Slowakei und Bulgarien bezahlen, wie aus Branchenkreisen zu hören ist.

Hintergrund

Die Ukraine hat 45,6 Millionen Einwohner und ist mit einer Fläche von mehr als 603.000 Quadratkilometern das zweitgrößte Land Europas. Sie liegt an der Schnittstelle zwischen Ost und West, der EU und Russland, dem Schwarzen Meer und dem Kaspischen Meer. Das Land verfügt über reichliche Bodenschatzvorkommen wie Öl, Erdgas und Kohle. Darüberhinaus hat es großes Potenzial für Wasserkraft und Biomasse. Mit ihrer Bevölkerung und ihrem hohen Energieverbrauch ist die Ukraine einer der größten Energiemärkte Europas. Sie bleibt auch weltweit das größte Transitland für Erdgas und spielt eine Schlüsselrolle für die russischen Gaslieferungen an die europäischen Märkte.

Nach dem Sturz des vom Kreml unterstützten Präsidenten Wiktor Janukowitsch unterzeichnete und ratifizierte die ukrainische Regierung 2014 ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union.

Russland drehte die Gashähne für die Ukraine zu. Die daraus resultierenden Engpässe in der EU gaben den politischen Anstoß für das Projekt Energieunion, das unter anderem die Widerstandsfähigkeit der EU bei solchen Schocks stärken soll.

Die Krim-Annexion und der Abschuss der Passagiermaschine der Malaysia Airlines durch von Russland unterstützte Rebellen führte zu EU-Sanktionen, die noch immer bestehen.

Die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, Russlands und der Ukraine beschlossen am 12. Februar in der weißrussischen Hauptstadt Minsk ein Abkommen zur Beendigung der Kämpfe in der Ostukraine, nach 17-stündigen Verhandlungen.

Man verständigte sich in einer gemeinsamen Erklärung darauf, die Souveränität und die territoriale Unversehrtheit der Ukraine zu respektieren. Die westlichen Staats- und Regierungschefs beobachten die Umsetzung dieses Minsker Abkommens genau.

Die europäischen Staats- und Regierungschefs vereinbarten am 2. März, dass die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) als Beobachter des Waffenstillstands und für die Waffenbeseitigung eine umfassendere Rolle bräuchte.

Die Ukraine bat die EU um die Entsendung einer von der EU angeführten Sicherheits- und Verteidigungsmission (CSDP) in den Donbass.

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