Energie-Szenarios der IEA „nicht kompatibel“ mit den Pariser Klimazielen

Fatih Burol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA) [EPA/GIORGIO ONORATI]

Die Internationale Energieagentur hat die Regierungen zu Entscheidungen über die Nutzung von Öl, Gas und Kohle geführt, die mit den langfristigen Klimazielen des Pariser Abkommens unvereinbar sind, so ein heute veröffentlichter Bericht.

Die im sogenannten New Policy Scenario der IEA angegebene Menge fossiler Brennstoffe, die angeblich verbrannt werden dürfe, ist in Wirklichkeit mit dem in Paris festgelegten 2°C-Wärmeziel unvereinbar, so der Bericht von Oil Change International und dem Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA).

Das New Policy Scenario wird von der in Paris ansässigen IEA in ihrem jährlichen World Energy Outlook als Hauptreferenz verwendet.

Nach diesem Basisszenario der IEA würde die maximale Menge an CO2, die sich die Menschheit leisten kann, um die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, bereits 2022 überschritten werden, so die Studie. Bei einem Ziel von 2°C würde das sogenannte maximale Kohlenstoffbudget im Jahr 2034 überschritten.

Tatsächlich würde das New Policy Scenario der IEA im Endeffekt zu einer Erderwärmung von 2,7 bis 3,3°C führen, heißt es im Bericht mit dem Titel „Off Track“ („Neben der Spur“).

Selbst das ehrgeizigere Szenario für nachhaltige Entwicklung der IEA steht im Widerspruch zu den Zielen von Paris, heißt es in der Studie weiter. In diesem Szenario würde das „Kohlenstoffbudget“ des Planeten bei einem Ziel von 1,5°C im Jahr 2023 und bei 2°C im Jahr 2040 erreicht.

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Ursprünglich im Jahr 2009 als Indikator zur Vermeidung des Klimawandels entwickelt, wurde dieses Szenario für nachhaltige Entwicklung allerdings seit der Pariser Klimakonferenz von 2015 nicht mehr aktualisiert und ist somit „ein schlechter Leitfaden für die Politikgestaltung, da es die aktuellen Klimaziele der Regierungen nicht widerspiegelt,“ so die Autoren des Berichts.

Die IEA wies die Kritik gegenüber EURACTIV per E-Mail zurück. Die Agentur teilte mit, „jede Behauptung, das IEA-Szenario für nachhaltige Entwicklung sei nicht mit den Zielen von Paris vereinbar, ist falsch.“

Sie räumte jedoch auch ein, dass das bisherige Referenzszenario nicht ausreichend sei, um die globalen Klimaziele zu erreichen: „Die klare Botschaft des New Policies Scenario ist, dass aktuelle und angekündigte Maßnahmen – einschließlich der national festgelegten Beiträge im Rahmen des Pariser Abkommens – lediglich zu Emissionsminderungen führen, die weit davon entfernt sind, schwerwiegende Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden,“ unterstrich die IEA.

Weitere Investitionen in Öl und Gas

Weiter erklärte die Energieagentur, die Erfüllung der Pariser Ziele umfasse auch „Investitionen in die Öl- und Gasförderung und Infrastruktur, um die wirtschaftliche Stabilität und Energiesicherheit zu gewährleisten, die für einen erfolgreichen Energieübergang erforderlich sind.“

Während erneuerbare Energien und Kernenergie in allen Szenarien an Bedeutung gewinnen, spiele auch Erdgas „weiterhin eine wichtige Rolle für sich steigernde Stromerzeugung“, betonte die IEA. „Und in Sektoren, in denen es nur wenige Alternativen gibt, insbesondere in der Petrochemie, der Schifffahrt und der Luftfahrt, bleibt Öl von entscheidender Bedeutung,“ heißt es weiter.

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Der Bericht von Oil Change International dokumentiert die zahlreichen öffentlichen Erklärungen von IEA-Beamten, die sich für weitere Investitionen in die Öl- und Gasförderung – darunter auch in Kanadas stark verschmutzende Teersand-Förderung – aussprechen, obwohl immer mehr internationale Organisationen fordern, die Finanzierung fossiler Brennstoffe einzustellen.

So kündigte beispielsweise die Weltbank im Dezember 2017 an, nach 2019 keine Öl- und Gasprojekte mehr zu finanzieren. Damit richte die Bank „ihre Unterstützung auf diejenigen Länder aus, die ihre Pariser Ziele erreichen wollen.“

Fossile Brennstoffe sind überschätzt

Laut Oil Change International sind stattliche 78 bis 96 Prozent – oder etwa 11,2 bis 13,8 Billionen Dollar im Zeitraum 2018-2040 – der empfohlenen Investitionen im New Policy Scenario der IEA unvereinbar mit den Pariser Klimazielen.

„Die IEA fördert eine Zukunftsvision, in der die Welt weiterhin von fossilen Brennstoffen abhängig ist,“ kritisierte Greg Muttitt, wissenschaftlicher Leiter bei Oil Change International. „Wenn dies die Grundlage für Politik- und Investitionsentscheidungen ist, besteht die Gefahr, dass es sich zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung entwickelt,“ warnte er.

Kritiker monieren, die IEA habe die Bedeutung der fossilen Brennstoffe in ihrem World Energy Outlook, der jedes Jahr im November erscheint, deutlich überschätzt. Die Energieagentur habe auch das Wachstum der erneuerbaren Energien immer wieder unterschätzt; und dabei optimistischere Annahmen über die Kernenergie getroffen.

„Es ist wahrscheinlich, dass diese Szenarien hauptverantwortlich dafür sind, dass sich die Weltgemeinschaft in den letzten zehn bis zwanzig Jahren nicht ausreichend intensiv mit erneuerbaren Energien beschäftigt hat,“ kommentierte Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group, auf der englischsprachigen Website der Deutschen Welle.

Die IEA erklärte in Reaktion auf die Kritik, Szenarien seien per Definition unsicher und unterliegen Vorbehalten. Sie sollten daher nicht mit „Prognosen“ verwechselt werden.

In Brüssel hatte die Europäische Kommission kürzlich zugegeben, vom raschen Rückgang der Kosten für erneuerbare Energien überrascht worden zu sein. Die EU-Exekutive aktualisierte kürzlich entsprechend ihre eigenen Energieprognosen.

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Interessenskonflikte

Oil Change International unterstellt darüber hinaus, die Haltung der IEA könne auch durch Interessenkonflikte erklärt werden: „Mindestens zwei der Autoren des jüngsten World Economic Outlook (WEO) waren Mitarbeiter von Ölgesellschaften. Und diese zahlten die Gehälter während des Verfassens des WEO weiter,“ heißt es im Bericht.

„Beide waren von Shell,“ präzisierte Muttitt gegenüber EURACTIV. Diese Information könne auch in der Liste der Beitragenden zum WEO-Bericht nachgelesen werden. Dort werden Dutzende von Energieexperten als Mitwirkende aufgeführt, unter anderem von Ölgesellschaften wie Schlumberger, ConocoPhillips, Statoil, Shell und Chevron.

Zu den weiteren Autoren gehören Beamte nationaler Energieministerien aus zahlreichen Ländern, Verbände für erneuerbare Energien, Forschungsinstitute, Think-Tanks und Nichtregierungsorganisationen wie das World Resources Institute und Greenpeace.

In ihrer Antwort-E-Mail an EURACTIV machte die Energieagentur deutlich: „Die IEA ist keiner Branche und keinem Ergebnis verpflichtet.“ Ihre Analyse umfasse „alle Brennstoffe und alle Technologien auf unparteiische Weise“. Ziel sei es, „einen genauen und ausgewogenen Blick in die Zukunft des Energiesektors zu geben“.

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