Energetische Gebäudesanierung: Eine deutsch-französische Herausforderung

Der Gebäudesektor ist für 36 Prozent der Treibhausgasemissionen der EU verantwortlich ist Eine energieeffiziente Renovierung des Gebäudebestands ist daher unerlässlich. [EPA/CARSTEN KOALL]

Um bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, ist die Frage der energieeffizienten Gebäudesanierung von entscheidender Bedeutung. Mehr als je zuvor ist sie auf beiden Seiten des Rheins Gegenstand von Debatten.

Viele europäische Länder haben sich, oft mit großem Enthusiasmus, dazu verpflichtet, bis 2050 die Klimaneutralität zu erreichen. Und weil der Gebäudesektor für 36 Prozent der Treibhausgasemissionen der EU verantwortlich ist, ist eine energieeffiziente Renovierung des Gebäudebestands unerlässlich. Frankreich und Deutschland arbeiten seit mehreren Jahren an diesem Thema. In den letzten Monaten hat die Debatte an Dynamik gewonnen.

In Frankreich wird über neue Investitionen verhandelt

In Frankreich ist der Gebäudesektor für fast ein Viertel der THG-Emissionen verantwortlich. Diese Umweltverschmutzung ist umso besorgniserregender, da die Zahl der Wohnungen, die thermisch saniert werden, nach wie vor gering ist. Nach Angaben des BBC-Observatoriums wurden seit Jahresbeginn nur 18.500 Wohnungen energetisch saniert.

Um ihre Klimaziele zu erreichen, hat die französische Regierung angekündigt, die energetische Sanierung zur „nationalen Priorität“ zu machen. Im Rahmen des im vergangenen September vorgestellten Sanierungsplans werden diesem Vorhaben fast sieben Milliarden zusätzliche Euro für den Zeitraum bis 2022 gewidmet. Diese sollen insbesondere öffentlichen Gebäuden mit vier Milliarden und Privatwohnungen mit zwei Milliarden Euro zugute kommen.

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Auch Deutschland noch weit von Klimaneutralität entfernt 

Auch in Deutschland ist es noch ein weiter Weg, den Gebäudesektor klimaneutral zu gestalten. Und das obwohl seit 2010 enorme Summen in die klimagerechte Instandsetzung von Gebäuden gesteckt wird. Fast 500 Milliarden Euro flossen laut Bundeswirtschaftsministerium bis 2018 in energetische Gebäudesanierungen.

Die dadurch erzielten CO2-Einsparungen sind dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge allerdings recht überschaubar. Zwar geht aus dem DIW-Wärmemonitor von 2019 hervor, dass die CO2-Emissionen in Zwei- und Mehrparteienhäuser seit 2010 um 21 Prozent zurückgegangen sind, allerdings liegt das auch an den wärmeren Temperaturen und den dadurch geringer ausfallenden Heizkosten im letzten Jahrzehnt. Temperaturbereinigt liegt die CO2-Einsparungen im Gebäudesektor seit 2010 nur bei etwa drei Prozent.

Um die Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen, gibt die Deutsche Energie-Agentur (DENA) vor, müsste der Energiebedarf der deutschen Wohnungen bis dahin um 80 Prozent gesenkt werden. Sowohl DIW als auch DENA fordern deshalb stärkere Anreize für energieeffiziente Gebäudesanierungen, zum Beispiel durch steuerliche Förderung beim Heizungstausch, beim Einbau neuer Fenster oder bei der Dämmung von Dächern und Außenwänden.

In Frankreich, ein ehrgeiziges Glücksspiel

Auf Frankreich wartet ebenfalls eine Monsterbaustelle. Bis 2050 soll der gesamte französische Wohnungsbestand auf ein gesetzlich festgeschriebenes Niedrig-Niveau des  Energieverbrauchs gebracht werden. Dazu müssten jedes Jahr fast 500.000 Privatwohnungen renoviert werden, von denen die Hälfte Haushalte mit niedrigem Einkommen sind.

Doch die entsprechenden Maßnahmen für diese Ambitionen fehlen bislang. Laut Andreas Rüdinger, Forscher am Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen (IDDRI), werden die sieben Milliarden Euro des Konjunkturprogramms, die für die energetische Sanierung bereitgestellt werden, nicht ausreichen. „Einige der von der Regierung vorgestellten Elemente sind interessant, wie zum Beispiel die Idee, Haushalte durch verschiedene Zuschüsse dazu zu ermutigen, ihre Häuser umfassend zu renovieren. Aber wir sind weit entfernt von der Revolution, die notwendig ist, um energetische Renovierungen nachhaltig anzukurbeln“, bemerkt der Forscher in einem Interview für EURACTIV Frankreich.

Der CCC habe einige sehr interessante Vorschläge gemacht, sagt Rüdinger: “Energetische Sanierungen verpflichtend vorschreiben, die öffentlichen Hilfen massiv erhöhen und Unterstützungssysteme für Haushalte einrichten, damit diese ihre Arbeit ausführen können. Erst durch die Kombination dieser verschiedenen Maßnahmen wird die energetische Sanierung sozialverträglich.”

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Eine deutsche Stärke: Zuschuss mit Konditionen

Die Idee des CCC in Frankreich, Haushalte bei ihren Sanierungsarbeiten mit einem Kredit zu unterstützen, existiert in Deutschland bereits. Rüdinger sieht die Stärke des deutschen Modells für Gebäudesanierungen in den Zuschüssen der Kreditbank für Wiederaufbau (KfW), wie er in einem 2013 veröffentlichten Bericht bereits erklärt hatte. Die Kredite sind mit Konditionen verbunden. Rüdinger nennt als Beispiel die Auflage, unter der Wohnungen einen bestimmten Energiebedarf erfüllen müssen, damit eine energetische Sanierung von der KfW bezuschusst wird. Zudem muss bei Renovierungsarbeiten stets ein Heizungsfachmann hinzugezogen werden. „Diese Unterstützung trägt dazu bei, die Qualität der Sanierung und die Übereinstimmung mit den gesetzlichen Anforderungen gewährleisten“, so der Forscher.

Rüdinger bezieht sich in seiner Einschätzung auch auf die Wirkungsstudien der KfW. Diesen zufolge soll jeder Euro an öffentlichen Investitionen in energetische Sanierungshilfen, dem Staat zwischen 1 und 2,40 Euro in Form von Steuereinnahmen und vermiedenen Kosten im Zusammenhang mit der geringeren Arbeitslosigkeit ersparen.

Darüber hinaus ist der deutsche Ansatz laut Andreas Rüdinger allerdings noch unvollständig, wie aus dem von ihm veröffentlichtem Bericht hervorgeht, insbesondere was die Angemessenheit der Hilfe für die Bedürfnisse kleinerer Haushalte und Eigentumswohnungen betrifft. In diesen Punkten sei der französischer Ansatz zur Bekämpfung der Energiearmut sinnvoller, so Rüdinger.

Vergleichsstudie DENA und ADEMA

Sowohl Deutschland als auch Frankreich kommen auf eine jährliche Sanierungsrate von gerade einmal zwei Prozent hin zu energetisch effizienten Gebäuden. Der regulatorische Rahmen für Sanierungen unterscheidet sich jedoch in beiden Ländern, wie eine Vergleichsstudie der DENA in Zusammenarbeit mit ihrem französischen Pendent ADEMA darlegt. Frankreich fordert per Gesetz, bestehende Gebäude energetisch effizienter zu gestalten, während Deutschland eher auf freiwillige Maßnahmen setzt.

Die größten Unterschiede beider Länder liegen in der Förderstrategie. In Deutschland wird einkommensunabhängig und je nach Wirkung der vorgenommenen Maßnahmen gefördert. In Frankreich wird dagegen das Einkommen des zu fördernden Haushaltes berücksichtigt und insbesondere einkommensschwache Haushalte gefördert.

Die größte Gemeinsamkeit: Beide Länder wollen zwar bis 2050 einen energieneutralen Gebäudesektor haben, hinken ihren eigenen Ambitionen aber bislang hinterher, wenn es darum geht, Gebäude durch Sanierungen energieeffizienter zu machen.

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