Drohende Überfischung im Schwarzen Meer

Das Schwarze Meer könnte schon bald weitgehend leer und tot sein, warnen Forschung, NGOs und EU-Abgeordnete. [EPA-EFE/VASSIL DONEV]

Die Fischbestände im Schwarzen Meer schrumpfen: Die kommerzielle Fischerei verursacht immer mehr Umweltschäden, die nun auch die Aufmerksamkeit von NGOs, Forschung und EU-Parlamentsabgeordneten auf sich gezogen haben. EURACTIV Bulgarien berichtet.

Die Makrelenbestände sind im Schwarzen Meer extrem gefährdet; ebenso sind alle Stör- und Heringsarten bedroht. Unter den Säugetieren ist die Mönchsrobbe bereits komplett verschwunden; der Gemeine Delfin gehört zu den Arten, die ebenfalls als gefährdet gelten.

Dieses besorgniserregende Bild zeigt sich im Bericht „Bulgarische Fischerei und Aquakultur im Schwarzen Meer – wirtschaftliche Bedeutung, Umweltauswirkungen und Einfluss natürlicher Faktoren“, der vom World Wide Fund for Nature (WWF) in Zusammenarbeit mit der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften (BAN) veröffentlicht wurde.

Wildtier-Populationen seit den 1970er-Jahren um 68 Prozent geschrumpft

Die Art und Weise, wie die Menschheit Nahrungsmittel, Energie und Waren produziert, zerstört die Lebensräume tausender wild lebender Tierarten und führt zu einem Einbruch der Populationsgrößen, so der WWF.

An der roten Linie

„Das Schwarze Meer befindet sich nahe der sogenannten roten Linie, hinter der der Prozess der Ökosystem-Zerstörung unumkehrbar werden dürfte,“ warnte Dr. Radoslava Bekova vom Institut für Ozeanologie der BAN. Sie war Mitautorin der Studie.

Ihrer Einschätzung nach hat die industrielle Fischerei die größten Auswirkungen auf das Leben im Schwarzen Meer: Durch sie werde ein bedeutender Teil der Populationen bestimmter Arten direkt vernichtet.

Selbst im Vergleich zum Mittelmeer – das Ende 2020 von der UNO als das am meisten überfischte Gewässer der Welt eingestuft wurde – stelle sich die Situation im Schwarzen Meer überaus besorgniserregend dar.

„Ein großes Problem ist die illegale, nicht gemeldete und unregulierte Fischerei, die die Fischbestände reduziert, marine Lebensräume zerstört, den Wettbewerb verzerrt, die legal operierenden Fischer benachteiligt und die Küstengemeinden schwächt,“ so Bekova weiter.

Kaliakra: Ein Paradebeispiel für Bulgariens Probleme beim Umweltschutz

Kaliakra gilt als Symbol für die hektische Art und Weise, mit der die bulgarische Regierung versucht, die Interessen des Großkapitals, der lokalen Bevölkerung und des Umweltschutzes auszubalancieren.

Die besorgniserregenden Trends waren allerdings bereits in einem Bericht der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2015 hervorgehoben worden. Damals stellte die Brüsseler Behörde fest, dass bereits 74 Prozent der Fischbestände im Schwarzen Meer entweder überfischt oder vollständig ausgeschöpft/zerstört waren und sich nur 17 Prozent nach einer vorherigen Schädigung wieder erholten.

Dennoch folgten bisher keine konkreten Gegenmaßnahmen in den EU-Staaten Bulgarien und Rumänien.

Vorschläge aus dem EU-Parlament

Es besteht jedoch offenbar noch Hoffnung, dass angemessene Maßnahmen ergriffen werden können. Mitte Mai hat der Fischereiausschuss des Europäischen Parlaments (PECH) einen Bericht des bulgarischen Europaabgeordneten Ivo Hristov über „Herausforderungen und Chancen für den Fischereisektor im Schwarzen Meer“ angenommen. In seinem Bericht hebt der Abgeordnete hervor, dass die Bestände im Schwarzen Meer überfischt sind, und fordert „dringende Maßnahmen“, um dieses Problem zu lösen.

Hristov selbst spricht sich dabei für die Einführung zusätzlicher Anreize für die Aquakulturproduktion aus. Mit dieser Maßnahme könne man den Druck auf die Wildfischbestände reduzieren.

Laut der Exekutivagentur für Fischerei und Aquakultur (EAFA) des bulgarischen Landwirtschaftsministeriums beträgt die Gesamtzahl der aktiven Fischfarmen in Bulgarien 764 – davon allerdings 730 für Süßwasser-Aquakultur und nur 34 für Meerestiere.

Aquaponik: Hoffnungsträger gegen Überfischung und Verschmutzung

Die Anwendung kombinierter Fisch- und Gemüsezuchtsysteme sorgt sowohl für Transparenz in der Lebensmittelherstellung als auch für mehr Unterstützung für die lokale Produktion, so die Befürworter der Aquaponik.

Hristov fordert außerdem Anreize und Subventionen für Kleinfischer, um deren Lebensunterhalt zu sichern und ihre Fangtätigkeiten zu unterstützen, da diese deutlich weniger Schaden anrichten als die industrielle Fischerei. „Kleinfischer müssen individuell unterstützt werden. Ihr Lebensunterhalt ist unsicher, und ihr Einkommen ist niedriger als in anderen Sektoren. Das macht sie besonders anfällig für unvorhergesehene Ereignisse oder Krisen,“ so der Abgeordnete.

Er ruft des Weiteren die lokalen Fischereigemeinschaften auf, die Einführung einer Herkunftsbezeichnung für die Schwarzmeer-Fischproduktion zu erwägen. So könnte sich neben dem Schutz möglicherweise auch ein Werbeeffekt ergeben, wenn Erzeugnisse aus lokal oder regional bedeutenden Gebieten stammen.

Eine Abstimmung des gesamten EU-Parlaments über den Bericht von MEP Hristov wird während der Plenarsitzung diese Woche erwartet.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/Gerardo Fortuna/Tim Steins]

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